Es ist das alte Lied von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen können. Aber nicht, weil das Wasser viel zu tief, sondern weil die Mauer viel zu hoch ist. Eine Liedermacherin singt dieses Lied in der zweiten Folge bei einem Konzert: Sie verstößt damit gegen den Programmablauf, den sie sich hat genehmigen lassen müssen, zwei Männer im Publikum hören besonders genau hin und bitten sie noch in der Garderobe zum Verhör. Aber auch die Fernsehserie selbst stimmt dieses Lied an. Eine Romeo-und-Julia-Geschichte. Die Julia heißt hier wirklich Julia, sie spielt ihrem Geliebten auch einmal ihre Lieblings-Schallplatte aus Kindertagen vor, eine Ansammlung von Vogelstimmen. „Wir hören also jetzt die Lerche?“, sagt er. „Nein“, sagt sie, „die Nachtigall.“
Das sind dann aber auch schon alle offenkundigen Parallelen zu Shakespeares ewigem Teeniedrama. Die Capulets, die sind hier die Dissidenten: die Liedermacherin, die mit ihrer Kunst für einen besseren Staat kämpft, und ihre Tochter Julia, die damit liebäugelt, in den Westen zu fliehen. Die Montagues aber sind eine Stasi-Sippe. Der Vater ist Generalmajor im Ministerium für Staatssicherheit, sein älterer Sohn eifert ihm nach, der jüngere ist Volkspolizist. Wie es der Zufall so will, landet Julia erst, wegen Geschwindigkeitsüberschreitung, bei dem Vopo, in den sie sich verliebt, und dann, wegen geplanter Republikflucht, bei dessen Bruder, vor dem sie sich graust. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass sich eine ähnliche Liebe schon eine Generation früher zugetragen hat, dass die Liedermacherin einst etwas mit dem Generalmajor hatte und Julia seine Tochter sein könnte.
Das klingt sehr nach „Verbotene Liebe“. Und dabei haben wir hier gerade mal die erste von sechs Folgen „Weißensee“ zusammengefasst. Die Fernsehserie, die heute im Ersten startet, wagt viel. Sie ist, obschon sich die deutsche Vereinigung demnächst schon zum 20. Male jährt, die erste Familiensaga, die in der DDR spielt. Die nur in der DDR spielt. Keine Ost-West-Problematik, keine besserwisserische, besserwessirische Haltung mit dem Wissen um das, was nach dem Mauerfall kommt. „Weißensee“ spielt im Sommer 1980, gerade werden die Olympischen Spiele in Moskau eröffnet. Die westlichen Staaten boykottieren sie, weil die Russen in Afghanistan einmarschiert sind. In der Stasi-Familie wird die Fernsehübertragung gleichwohl mit einem großen Fest gefeiert. Von Erosionserscheinungen des real existierenden Sozialismus ist noch nichts zu spüren.
"Weißensee" handelt eigentlich von einem guten Stasi-Mann
Stasi, Stasi, immer nur Stasi, wir haben auch eine andere DDR erlebt: Nach dem Oscar-Erfolgsfilm „Das Leben der anderen“ wurden viele Stimmen wie diese laut, die es leid waren, immer nur auf das eine Reizthema reduziert zu werden. Die Filmproduzentin Regina Ziegler wollte deshalb bewusst das Wagnis eingehen, beiden Seiten gerecht zu werden: den Alltag in der DDR aufzuzeigen und akribisch bis in kleinste Details wiederauferstehen zu lassen, aber eben doch das ganze Grauen des Überwachungsstaates aufzudecken. Und das zur besten Serien-Sendezeit, im Unterhaltungsformat.
Und die größte Provokation: „Weißensee“ handelt eigentlich von einem guten Stasi-Mann. Einem, der Ideale hat, der fest an den Sozialismus als das Modell für eine bessere Welt glaubt. Der aber erleben muss, wie sich der Apparat verselbständigt und am Ende das Gegenteil dessen bewirkt, was er eigentlich erreichen wollte. Und in seiner eigenen Familie beobachten kann, welche Monster dieses System gebärt: Sein älterer Sohn schreckt in seiner Karrieregeilheit vor keinem Extrem zurück und sägt am Ende sogar am Stuhl des Vaters. Selbst die Frau des Generals hat sich an den Luxus und die Privilegien gewöhnt und wird zuhause zur Furie, als sie den Lebensstandard durch die Liebe ihres Jüngsten bedroht sieht.
Das Drehbuch schrieb Annette Hess, die auch schon die Geschichte der „Frau vom Checkpoint Charlie“ fürs Fernsehen dramatisiert hat. Regie führte Friedemann Fromm, der sich in Filmen wie „Jenseits der Mauer“ oder dem Dreiteiler „Die Wölfe“ ebenfalls schon mit dem Leben in der DDR befasst hat. Und für die Besetzung gewann Regina Ziegler nicht nur einige der markantesten Schauspieler des Landes, sondern auch solche, die selber ihre Erfahrungen gemacht haben. Allen voran Uwe Kockisch als Stasi-Generalmajor, der einst, als 17-Jähriger, bei einer Republikflucht verraten wurde. Katrin Sass als Liedermacherin, die jahrelang von einer vermeintlichen Freundin ausgespitzelt wurde. Und Anna Loos, die kurz vor Mauerfall, ebenfalls mit 17, in den Westen geflohen ist. Die Hauptrollen, die Parts von Julia und ihrem Romeo, spielen aber Hannah Herzsprung und Florian Lukas, die eine aus dem Westen, der andere aus dem Osten, die beide, wie Katrin Sass meint, so jung sind, dass sie kaum noch etwas von dieser Zeit wissen.
Wenn die Quoten stimmen, geht es weiter
Der Unterdrückungsapparat schlägt nicht gleich mit voller Wucht zu. Die Schrauben werden mit jeder Folge angezogen. Erst werden Personen observiert, dann festgehalten, mit perfidesten Mitteln zermürbt und zur „Mitarbeit“ gezwungen, schließlich auch eine Wohnung verwanzt und Menschen in den Alkohol und den Selbstmord getrieben. Das könnte die ganzen leidenschaftlichen Debatten nach dem Kinofilm „Das Leben der anderen“ noch einmal aufflammen lassen. „Weißensee“ kombiniert das zudem mit Soap-Elementen, immer wieder gibt es Trennungen und Versöhnungen, einen Sorgerechtsstreit, ein Pädophiler zieht auch noch seine Kreise. Das führt ein wenig vom Thema weg, mit solchen Konzessionen an die Spannungsdramaturgie anderer Serienformate wird dieses Projekt auch angreifbar.
Regina Ziegler schwebte immer so etwas wie „Die Drombuschs in der DDR“ vor. Die Stasi als Seifenoper. In seinen besten Momenten wirkt „Weißensee“ indes wie eine antike Tragödie mit ihren schicksalhaften Vorbestimmmungen. Das Drehbuch findet dafür beklemmende Dialoge, die oft nur angerissen und gar nicht immer zu Ende gesprochen werden. Manchmal sagen die Blicke der Schauspieler schon genug. Und dann hat man die alte DDR nicht nur bis in kleinste Details rekonstruiert. Entscheidende Szenen wurden auch an Originalschauplätzen gedreht, in der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße etwa und in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Das gibt der Serie eine beklemmende Authentizität, die sich wohl auch auf das Spiel der Darsteller übertragen hat.
Wie bringt man das zu Ende? Ein Happy End kann es 1980 nicht geben, eigentlich überhaupt kein Ende. Und Ziegler will ja weitermachen. Sollten die Quoten stimmen, möchte sie eine Fortsetzung drehen. Die sollte von denselben Figuren handeln, mit einem kleinen Zeitsprung, vielleicht einer Perspektivverschiebung.
"Weißensee". Ab Dienstag von 20.15 Uhr an in der ARD







