Ingo Metzmacher ist ein Zweifler. So hat der Dirigent auch seine Zweifel an beglückender Melodienseligkeit. „Eine Musik, die nur affirmativ und fröhlich ist, die irritiert mich. Ich halte sie für unglaubwürdig“, sagt er: „Ich suche immer eher die Abgründigkeit. Mag sein, dass die klassische Musikwelt nicht gern diese Dialektik wahrnehmen will: Aber die wahre Schönheit ist nur wahrzunehmen, wenn man auch das Düstere erkennt.“
In seiner letzten Saison als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin widmet sich Metzmacher deshalb dem Thema Versuchung. In dem Programm steckt wohl auch etwas archetypisch Deutsches. Goethe schrieb es der Kulturnation ins Gewissen, weil man sich gar freimütig auf jene Kraft einlasse, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. „Aus diesem Faustischen ist auch die Idee zu unserer Konzertreihe gewachsen“, sagt Metzmacher: „Aber ich wollte weniger das Strebende, sondern die Gegenkraft aufspüren. Das, was bei Goethe im Mefisto Gestalt annimmt.“
Musik der geheimen Wünsche
Das Auftaktkonzert am Montag ist Alban Berg gewidmet. Und speziell der Lulu, einer der zwiespältigsten Frauenfiguren der Musikgeschichte. Das obskure Objekt der Begierde. Wie kaum ein anderer hat der Wiener Komponist das „Triebleben“ der Klänge erforscht und in seiner Musik die geheimen Wünsche eingeschrieben. „Er hat sie deshalb in die Musik hineinversenkt, weil er sie nicht leben konnte“, sagt Metzmacher: „Wir wissen, dass er eine wahrscheinlich unerfüllte Liebe zu einer Dame namens Hanna Fuchs empfunden hat.“ Aber eine unerfüllte Liebe muss nicht zwangsläufig in die musikalische Düsternis führen, dazu braucht es auch das Gefühl des Wollens, aber nicht Dürfens. Das strenge Gebot der Moral jenseits der süßen Verlockung. „Es gibt da einen Ton in der Musik, der einen Menschen offenbart, der versucht wurde. Eine unheilige Seligkeit.“
Möglicherweise muss ein Dirigent – wie es Ingo Metzmacher ist – Spezialist für die Musik des 20. Jahrhunderts sein, um die selbstzweiflerische, auch selbstzerstörerische Macht der Musik zu erspüren. Denn eigentlich ist unsere abendländische Musikgeschichte eher vom heilenden Gedanken geprägt. Noch im 18. Jahrhundert griffen Vertreter der Affektenlehre auf Hippokrates Ansichten zurück. Der glaubte, dass im menschlichen Körper die vier Säfte Schleim, Blut, gelbe und schwarze Galle vereint sind, die je nach Mischung zu den Temperamenten des Phlegmatikers, Sanguinikers, Cholerikers und Melancholikers führen. Tonsetzer seien zur guten, gleichmäßigen Mischung der vier Säfte verpflichtet, glaubte man lange Zeit. Die heilende Kraft der Musik – es gehört zu den Merkwürdigkeiten, dass heutzutage sogar Tiere zuversichtlich mit fröhlichen Klassikern beschallt werden, auf dass sie nahrhaftere Eier legen, schmackhafteres Fleisch bekommen oder weniger um sich beißen.
Wagners Kampf mit der Versuchung
Es war die bürgerliche Musikkultur, die mit vordergründigen Affekten aufräumte und das Zwiespältige zuließ. Mozart brachte in der „Entführung aus dem Serail“ lustvoll einen mordlüsternen Osmin auf die Opernbühne. Ein anderer Wiener Klassiker, Beethoven, ließ in seinen Sinfonien das Böse und Gute miteinander ringen – die Dialektik hielt als Stilmittel Einzug in die Musik, wobei stets das Gute siegt. „Beethoven verlangt einem eine Haltung ab", sagt Metzmacher, „da kommt man mit Kompromissen nicht weiter. Insofern ist es eine deutsche Musik, weil sie eine Unbedingtheit abverlangt. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich das im Moment schon leisten kann.“
Erst der Romantiker Wagner lässt auch die dunkle Macht der Musik in verführerischer Genialität wirken. Zunächst im „Tristan“, teilweise auch im „Parsifal“, sagt Metzmacher. Die Musik zu „Tristan und Isolde“ – diese kaum auszuhaltende, unaufgelöste Chromatik – hält der Dirigent für ein Phänomen. „Sie ist tatsächlich eine selbstzerstörerische Kraft im System der Musik“, sagt Metzmacher: „Wagner hat ein Leben lang mit der Versuchung gekämpft.“
Biografien sind wichtig - aber der Hörer muss sie nicht kennen
Eine ähnliche Versuchung macht Metzmacher bei Alban Berg, Richard Strauss oder eben auch dem kanadischen Komponisten Claude Vivier aus, den er im sechsten Programm der Reihe mit Mozart kombiniert. Erklären kann und will der Dirigent das Ganze nicht: „Ich will die Musik befragen, aber keine Antworten geben.“ Aber dass ein Komponist und sein Werk zusammen gehören, davon ist Metzmacher überzeugt. Allerdings müsse der Hörer wie auch der Interpret die biografischen Zusammenhänge nicht unbedingt wissen. „Wer offene Ohren hat, weiß doch sofort, was mit einem Komponisten los ist“, sagt der Dirigent.
Die Reihe „Versuchung“ ist eine der spannendsten und gewagtesten Konzertreihen der Saison. Es ist zugleich Metzmachers Abschied, der spontan seine Vertragsverlängerung abgelehnt hatte, nachdem man ihm mitteilte, dass seinem Deutschen Symphonie-Orchester Planstellen gestrichen werden. Der Chefdirigent bedauert nach wie vor seinen Weggang. Die weiteren Reihen, die sich um die deutsche Seele ranken, hatte er übrigens schon im Kopf. „Zwei Seelen, ach, in meiner Brust“ hätte die Musik im einst geteilten Deutschland gegenüber gestellt.



