Neu auf CD

Danger Mouse versöhnt sich mit Plattenfirma

Weitere neue CDs: The Coral besingen den Sommer, Sheryl Crow die schwarze Musik, Wecker & Wader deutsche Missstände.

Danger Mouse & Sparklehorse: Dark Night Of The Soul (Parlophone)

Und plötzlich wird es hell um dieses dunkle Album, das seit einem Jahr im Netz hängt, weil es bei der ersten, flüchtigen Anhörung der Plattenfirma durchgefallen war. Brian Burton hatte „Dark Night Of The Soul“ in seiner Not als Buch veröffentlicht mit einer beigelegten Leer-CD. „For legal reasons, enclosed CD-R contains no music. Use it as you will“, stand auf dem Rohling. Burton sorgte auch dafür, dass die Musik im Internet zu finden war. Die Plattenfirma kochte: Ausgerechnet Burton, der als Danger Mouse im Internet bereits durch illegale Bastard-Produktionen wie dem „Grauen Album“ aufgefallen war, ein Mix aus Jay-Z und den Beatles, sabotierte die Veröffentlichungspolitik. Es ist aber auch eine unberechenbare Politik: Warum wird „Dark Night Of The Soul“ nun doch veröffentlicht? Man weiß es nicht. Es handelt noch immer sich um eine verwirrende Sammlung skizzenhafter Stücke. Angefangen bei „Revenge“, wo Danger Mouse den Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne über den Fluch der Rache singen lässt. Black Francis, Julian Casablancas, Iggy Pop und Suzanne Vega treten auf. Zweimal ist David Lynch, der Regisseur, zu hören; er beklagt in fiebrigen Gesängen, dass die schönsten Dinge nie zu fassen seien. Auch zu hören sind Vic Chesnutt und Mark Linkous, der unter dem Künstlernamen Sparklehorse das Album mitgestaltet hatte. Chesnutt ist inzwischen Tod, er starb an einer Überdosis Antidepressiva. Linkous hat sich selbst ins Herz geschossen, er ist ebenfalls nicht mehr am Leben. Auf dem Album steht, es solle an zwei große Musiker erinnern. An die Abgründe die Seele. Zwei von fünf Sternen.

The Coral: Butterfly House (Deltasonic)

The Coral waren 2001 vor allen Anderen da, die sich in Großbritannien wieder die Gitarren umhängten und Bands mit einem The davor sein wollten. The Coral stammten sogar vom Mersey River, aus dem Großraum Liverpool. Die Plattenfirma Deltasonic wurde eigens für die Band gegründet. Prominente Unterstützer waren Ian Broudie und Noel Gallagher. Und ohne The Coral hätte es The Dead 60s und The Rascals nie gegeben, die zwei besten Bands aus Liverpool zur Zeit. Auf unspektakuläre Weise musizieren The Coral noch immer vor sich hin. Das siebte Album birgt zwölf angenehme, im Konzert erprobte, aus den Sechzigern entlehnte Folkpopstücke über Schmetterlinge, Sandhügel und um die Ecke biegende Mädchen. Drei von fünf Sternen.

Sheryl Crow: 100 Miles From Memphis (A&M)

Eine der ersten Amtshandlungen Barack Obamas war die Offenlegung seines präsidialen iPods. „Alles von Howlin’ Wolf über Yo-Yo Ma zu Sheryl Crow“, erklärte er, und ganz Amerika durfte sich angesprochen fühlen. Auch die weiße Landbevölkerung. Jetzt wehrt sich Sheryl Crow mit einem Album, das auf ihre Nähe zu den schwarzen Stadtsängern von Memphis hinweist. Ihr Geburtsort in Missouri lag nur 100 Meilen entfernt. Ihre erstes Taschengeld habe sie in „I Want You Back“ gesteckt, die Single von den Jackson Five. Der Song wurde zwar in Detroit bei Motown aufgenommen, aber das spielt in der Sheryl-Crow-Welt keine Rolle. Sie verwandelt sich in einen kieksenden Michael Jackson. Sie singt „Sign Your Name“ von Terence Trent D’Arby, einem Schwarzen aus New York. Dazu kräht Justin Timberlake im Hintergrund. In einem anderen Song klingt die Gitarre von Keith Richards wie bei Howlin’ Wolf. Was soll man dazu sagen? Sheryl Crow bleibt Sheryl Crow. Auch ihre siebte Platte wird bei Walmart an der Kasse liegen, zwischen Tierfutter und Kettensägen. Und Detroit, New York und Memphis sind von dort aus Lichtjahre entfernt. Eine von fünf Sternen.

Wecker / Wader: Kein Ende in Sicht (Sturm & Klang)

Vielleicht sollte man einfach froh sein, dass man nicht dabei war, im März im Stuttgarter Theaterhaus bei Hannes Wader und Konstantin Wecker, der Nord-Süd-Achse des engagierten deutschen Liedermachens, als es hieß: „Ich singe, weil ich ein Lied hab“. Doch sie singen nicht nur deshalb. Es gibt äußere und innere Probleme, die besungen werden wollen. Der Verteidigungsminister wird im „Gutti-Lied“ gewürdigt, wo die Freiheit schon beim AC/CD-Konzert verteidigt wird, nicht erst am Hindukusch. Am Schlagwerk trommelt Hakim Ludin, ein Afghane. „Feine Gesellschaft“ stellt eine Elite vor, die Kunst sammelt und sich nicht weiter um die Menschheit schert. „Die feine Gesellschaft am Rande des Abgrunds/ Hat alles noch fest im Griff/ Sie stehen am Ruder und verlassen als Erste/ Das sinkende Schiff.“ Das arme Deutschland wird dann zu „Dat du min Leefste büst“ beseufzt. Wer Volkslieder beherrscht, hat immer recht. Man sieht beim Hören vor sich, wie weit offen im Theaterhaus die Türen standen und wie intensiv die Leute nickten und sich mit den Sängern einig waren. Kein Stern.

Propaganda: A Secret Wish – Deluxe Double CD Edition (Union Square)

„Why does it hurt when my heart misses the beat?“ Die Frage schwebt noch immer irgendwo im Raum, seit 1984 und „Dr. Mabuse“. Propaganda lebte damals schon in London und nicht mehr in Düsseldorf. Ralf Dörper, der Begründer, hatte sich in Großbritannien auch vom Vorhaben verabschiedet, die rheinische Version von Throbbing Gristle zu erfinden. Trevor Horn, der Produzent, konnte die Deutschen überzeugen, deutsch zu bleiben und auf deutsche Weise Avantgarde zu spielen. Claudia Brücken und Susanne Freytag trugen grobmaschige Rüstungshemden und expressionistische Frisuren. Dörper selbst und Michael Mertens sahen aus wie Ingenieure. Trevor Horn besorgte die Musik-Computer, und der Journalist Paul Morley achtete darauf, dass auf den Singles RAF-Zitate auftauchten, und dass der „NME“ die „Kinder von Fritz Lang und Giorgio Moroder“ lobte. Nun ist das Debüt „A Secret Wish“ wieder zu haben, angereichert mit einem 20-minütigen Remix-Medley und bisher verschollenen Versionen. Auf der Hülle wieder das Zitat: „Wir denken die bequemen Gedanken der Anderen. Wir leben ein totes Leben. Wir ersticken unser Ich.“ So prätentiös und großartig waren die Achtzigerjahre. In den Neunzigern kehrte Ralf Dörper zu den Krupps zurück. 2004 fanden die Vier von Propaganda wieder zueinander, anlässlich einer Revue für Trevor Horn in London. Zuletzt traten sie bei der „Ultimativen Chartshow“ auf, bei RTL und Oliver Geissen. Das waren die Nullerjahre. Vier von fünf Sternen.