Sanierung

So wird die Lindenoper zum Klingen gebracht

Mehr Raum, aber weniger Zuschauer: Nach langem Hin und Her wird nun der historische Saal der Staatoper Unter den Linden umgebaut. Für einen besseren Klang wird die Decke angehoben.

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Mi, 18.08.2010, 20.11 Uhr

So verändert sich die Staatsoper

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Die Raute soll's richten: Schließlich ist dieses Ornament ein zentrales Gestaltungselement der Staatsoper Unter den Linden. Also kein Fremdkörper. Das ist die Botschaft, die am Mittwoch auf der Pressekonferenz im Apollosaal des Opernhauses bei der Präsentation der Sanierungspläne verkündet wurde: Seht her, die Umgestaltung des Zuschauerraumes geschieht respektvoll im Geiste der Geschichte des Gebäudes.

Die aber ist bei so einem Repräsentationsbau naturgemäß wechselhaft. So gab es zahlreiche, nicht nur kriegsbedingte Umgestaltungen des vom preußischen Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753) errichteten Opernhauses. So zog Langhans der Jüngere 1844 einen vierten Rang ein, auf den dann allerdings der vorläufig letzte Umgestalter, der Architekt Richard Paulick, 1954 beim Wiederaufbau verzichtete.

Die Nachhallzeit verlängert sich

Dieser vierte Rang kehrt nun als Nachhallgalerie zurück. Der riesige Raum dahinter wird durch ein Rautengitter verdeckt – das Verbindungselement zwischen dem dritten Rang und der Decke, wie der mit der Sanierung beauftragte Architekt HG Merz erläuterte. Wie harmonisch sich das tatsächlich einpasst, wird man allerdings erst nach Vollendung der Arbeiten sehen, also in drei Jahren.

Um vier Meter wird die Decke angehoben, was allerdings von außen nicht zu sehen ist, denn die Kubatur des denkmalgeschützten Gebäudes bleibt wie sie ist. Das war eine der Vorgaben. Der Effekt ist beachtlich: Durch die Anhebung der Decke vergrößert sich das Raumvolumen von 6500 Kubikmeter auf 9500 Kubikmeter. Und das hat Auswirkungen auf die Akustik im Opernhaus: Die Nachhallzeit verlängert sich dadurch von rund 1,1 auf 1,6 Sekunden. Das war ein Herzenswunsch von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim.

Es war nicht die einzige Vorgabe, mit der sich Architekt HG Merz auseinandersetzen musste – und insofern war die Präsentation im Beisein der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und Berlins oberstem Denkmalschützer Jörg Haspel auch ein Musterbeispiel für einen Sanierungs- Kompromiss. Hinter den Kulissen war kräftig gepokert worden. Auf der Strecke geblieben sind die angestrebten Verbesserungen der Sichtverhältnisse.

Für Jürgen Flimm, den künftigen Intendanten der Staatsoper, war wichtig, dass die Zahl der Plätze nahezu erhalten bleibt. Schließlich hat die Staatsoper im Vergleich zu den beiden anderen Musiktheatern eine erstklassige Auslastung; ein geringeres Platzangebot führt da zu spürbaren Einnahmeverlusten. Vor gut einem Jahr ging Architekt Merz noch davon aus, auf 100 bis 150 Plätze zu verzichten, jetzt sollen lediglich 61 wegfallen. Damit verfügt die Staatsoper nach der Sanierung über 1335 Plätze.

Daniel Barenboim hat nie einen Hehl darauf gemacht, dass ihm die Optik des Saales eigentlich egal ist, wenn die Akustik stimmt, sich also die Nachhallzeit deutlich verlängert: Damit das große Opernrepertoire des 19. Jahrhunderts ohne die bislang eingesetzte elektroakustische Nachbesserungsanlage gespielt werden kann. Barenboim gehörte zu den Befürwortern eines modernen Raumes, den der ursprüngliche Siegerentwurf auch vorsah. Nach heftigen Protesten hob der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit im Sommer 2008 schließlich das Verfahren auf – und verordnete eine denkmalgerechte Sanierung auch des Zuschauerraumes.

Denkmalschützer Haspel fiel damals ein Stein vom Herzen. Die Verhandlungsposition hatte sich schlagartig verbessert, die Vorgabe war klar: Möglichst wenig Veränderungen, möglichst viel Paulick. Die Sache mit der Anhebung der Decke war jetzt gewissermaßen die Kröte, die er schlucken musste. "Die Geometrie bleibt erhalten", so beschrieb Haspel gestern den Kompromiss im Bewusstsein, dass es aus Sicht des Denkmalschutzes durchaus noch schlimmer hätte kommen können.

Und schließlich ist da noch der Auftraggeber: Für Senatsbaudirektorin Regula Lüscher zählt, dass der Zeit- und Kostenplan eingehalten wird – und davon ist sie überzeugt: 239 Millionen Euro sind für die Sanierung eingeplant, darin enthalten ist eine Reserve für Unvorhergesehenes in Höhe von immerhin 12 Millionen Euro, wie sie betonte. Und am Wiedereröffnungstermin lässt Frau Lüscher keine Zweifel aufkommen, indem sie mehrfach das genaue Datum nennt: 3. Oktober 2013.

Die Sitze werden etwas breiter

Nur einen kleinen Seitenhieb erlaubte sich Architekt Merz, indem er anmerkte, dass eine neue Decke im Zuschauersaal kostengünstiger wäre. Um sogleich nachzuschieben: "Selbstverständlich bleibt die von Paulick erhalten." In die Sanierung des Saales fließt mit 20 Millionen Euro vergleichsweise wenig Geld. Für die Erneuerung der Technik wird mehr als doppelt so viel ausgegeben, außerdem wird das benachbarte Intendanzgebäude saniert und ein unterirdischer Verbindungsgang für den Transport der Bühnenbilder angelegt.

Aber auch wenn sich die Sichtverhältnisse überwiegend nur auf dem Papier verbessern, weil ein Teil der schlechten Plätze wegfällt, soll auch das Publikum, dass verlängerte Nachhallzeiten nicht sofort wahrnimmt, von der Sanierung profitieren: So werden unter anderem zusätzliche Toiletten eingebaut. Zwei bis fünf Zentimeter breiter und damit etwas bequemer werden die neuen Sitze im Zuschauerraum. Ob auch eine Übertitelungsanlage in den Rückenlehnen installiert wird, ist allerdings noch offen. Außerdem wird künftig über die Treppenhäuser von jeder Etage die im Keller des Opernhauses gelegene Konditorei erreichbar sein. Es soll ja tatsächlich Besucher geben, die diesen Ort noch nie gefunden haben.

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