Pop-Geschichte

Vor 50 Jahren legten die Beatles in Hamburg los

In Hamburg spielten sich die Beatles zum Erfolg. Genau 50 Jahre ist ihr erstes Konzert nun her, das den Grundstein für den Weltruhm legte. Das Tagebuch eines Karrierestarts.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Jubiläum in Hamburg: Im August vor 50 Jahren sind die Beatles das erste Mal in Deutschland aufgetreten. Nicht im Star Club - das kam später - sondern im Indra.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Die Beatles gaben am 17. August 1960, heute vor 50 Jahren, ihr erstes Konzert im Hamburger Musikclub Indra. "Hamburg - das war's!", hat John Lennon einmal gesagt. "Wir hätten uns nie so weit entwickelt, wenn wir daheimgeblieben wären."

Als die fünf Jungs zwischen 17 und 20 im Sommer 1960 gebucht werden, haben sie nicht einmal einen richtigen Namen: In Liverpool traten sie als The Beetles oder The Silver Beatles auf. Erst in Hamburg machen sie sich einen Namen: 280 Auftritte und 800 Stunden auf der Bühne legen das Fundament für ihre Karriere. Als sie 1963 Hamburg nach fünf Gastaufenthalten verlassen, sind sie nur wenige Beats vom Weltruhm entfernt: Sie haben jetzt Ringo an den Drums, Pilzköpfe, frische Ideen und ihren ersten Hit.

Verlangt ist Randale im Klub

Mi, 17. August 1960: John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Drummer Pete Best und Bassist Stuart Sutcliffe treffen abends per Schiff mit ihrem klapprigen Bandbus in Hamburg ein. Als sie auf der Großen Freiheit am Kaiserkeller ankommen, erklärt Manager Bruno Koschmider, dass sie im schäbigen Indra-Club einige Häuser weiter spielen müssen. Paul McCartney: "Wir verbrachten die erste Nacht in kleinen Nischen auf roten Ledersesseln."

Do, 18. August 1960: Ihr Quartier ist ein fensterloser Raum mit Pritschen und nackten Betonwänden im Bambi-Kino. Im Indra beginnt "die Kapelle Beatels" ihr Engagement: sechs Tage die Woche, samstags sechs, sonst viereinhalb Stunden. Gage: 150 Mark die Nacht - für alle fünf. Sie haben es schwer, sich gegen die Hauptattraktion durchzusetzen: Conchita, eine Striptease-Tänzerin im Flamencokleid, die zum Finale die Dessous wegwirft - und sich als Mann entpuppt.

September 1960: Die Beatles müssen im Indra um jeden Gast kämpfen. Hilfreich sind dabei aufputschende Preludin-Tabletten, die ihnen oft mit Bier und Sekt aus dem Publikum gereicht werden. Dem Gebrüll von Club-Manager Bruno, "Macht Schau!", kommen sie immer ungehemmter nach: Paul schmeißt mit Mikrofonen, John stülpt sich eine Kappe des Afrikakorps über - inklusive Hakenkreuz - und schreit: "Klatscht in die Hände, ihr verdammten Nazis!" Das Publikum rast. Nur ein Rocker am Bühnenrand macht ihnen Angst. Sein Name: Ringo Starr.

Di, 4. Oktober 1960: Nach 48 Nächten und 170 Bühnenstunden im Indra werden die Beatles belohnt: Jetzt dürfen sie im angesagten Kaiserkeller spielen.

Mitte Oktober 1960: Der Grafiker Klaus Voormann entdeckt auf dem Kiez die Beatles und überzeugt seine Freunde Astrid Kirchherr und Jürgen Vollmer, beides Fotografen, sie sich anzuschauen. Die drei schwarz gekleideten Intellektuellen aus der eigentlich verfeindeten "Exis"-Jazzszene üben einen ernormen Einfluss auf die Band aus - ästhetisch, modisch, bis hin zur Pilzkopf-Frisur.

Di, 1. November 1960: Die Beatles bekommen einen blauen Brief: Die Band solle am 30. November das Land verlassen, weil Harrison erst 17 sei - zu jung, um in Nachtclubs zu spielen.

Mo, 21. November 1960: George wird im Morgengrauen von der Polizei des Landes verwiesen.

Do, 1. Dezember 1960: Paul und Pete feiern den Auszug aus ihrer Absteige im Bambi-Kino auf Beatles-Art. Sie hängen ein Kondom an einen Nagel an der Steinwand, entzünden das Gummi und lassen es mächtig rußen. Koschmider teilt ihnen mit, dass auch ihre Aufenthaltsgenehmigungen abgelaufen sind. Binnen vier Tagen müssen sie das Land verlassen.

So / Mo, 4. / 5. Dezember 1960: Paul und Pete verbringen eine Nacht auf der Davidwache. Stuart in einem Brief: "Paul und Pete wurden gestern in Handschellen zum Flughafen gebracht und abgeschoben." John treibt sich noch länger auf dem Kiez herum, dann fährt auch er zurück. Stuart steigt aus der Band aus und zieht zu Astrid nach Hamburg. Paul wird neuer Bassist und schreibt devote Briefe an die deutsche Ausländerpolizei, um an eine Auftrittsgenehmigung zu gelangen - mit Erfolg.

Zeit des sexuellen Erwachens

Sa, 1. April 1961: Die Beatles sind für den Top Ten Club gebucht: Laut Vertrag spielen sie sechs Tage die Woche, von 19 bis 2 Uhr, Gage: 35 Mark pro Mann und Nacht. George: "Wir wohnten über dem Club in einem schmuddeligen Kabuff mit fünf Stockbetten."

Mai 1961: Auf St. Pauli kaufen sie rosa Käppis, schwarze Lederanzüge bei Erdmann und bestickte Stiefel bei Hundertmark. Paul: "Es war unser sexuelles Erwachen. Dort wurden wir getauft, denn in Hamburg waren die Mädchen. Natürlich waren es Stripperinnen und Huren." Im Top Ten erspielen sie sich als lebende Musicbox eine fanatische Anhängerschaft. Absoluter Heuler ist "Shakin' All Over". George: "Die Deutschen dachten, es hieße ,Schick ihn nach Hannover'."

Do / Fr, 22. / 23. Juni 1961: Als Begleitband des Sängers Tony Sheridan und mit Bert Kaempfert, Komponist von Klassikern wie "Strangers in the Night", machen die Beatles im Preludin-Rausch ihre ersten professionellen Plattenaufnahmen - in der Harburger Friedrich-Ebert-Halle. Ihre Gage: 300 Mark pro Kopf. Im August erscheint die Single "My Bonnie" unter dem Namen "Tony Sheridan & The Beat Brothers".

Stuart stirbt an einer Hirnblutung

So / Mo, 2. / 3. Juli 1961: Rückkehr nach England. Die Leder-Beatles werden zur beliebtesten Band Liverpools. Als Fans immer wieder "My Bonnie" verlangen, wird der Plattenhändler Brian Epstein auf sie aufmerksam - und ihr Manager.

Di, 10. April 1962: Ankunft in Fuhlsbüttel. Auf dem Flughafen vertreibt sich Lennon die Wartezeit mit seiner Mundharmonika. Draußen wartet Astrid mit einer Schock-Nachricht: Stuart ist wenige Stunden zuvor an einer Hirnblutung gestorben.

Fr, 13. April 1962: Die Stars im Star-Club: Sechs Tage die Woche treten die Beatles im neuen Rockschuppen auf, für 500 Mark pro Mann. Paul: "Der Star-Club war toll. Der Besitzer Manfred Weissleder und Horst Fascher hatten flotte Mercedes-Cabrios. Horst hatte zuvor im Gefängnis gesessen, weil er einen Mann umgebracht hatte. Zu uns waren sie jedoch sehr fürsorglich, wir waren für sie wie Schoßhündchen."

Mi, 9. Mai 1962: Die Beatles erhalten ein Telegramm von Manager Epstein: "Glückwunsch, Jungs. EMI bittet um Aufnahmesession. Probt neues Material." Lennon und McCartney komponieren sofort los. John baut seinen "Fuhlsbüttel-Blues" auf der Mundharmonika ein - fertig ist "Love Me Do", die erste Single.

Sa, 2. Juni 1962: Rückflug nach Liverpool. Danach überschlagen sich die Ereignisse: Ringo Starr ersetzt Pete Best am Schlagzeug, Plattenvertrag mit EMI, Aufnahme von "Love Me Do".

Di, 30. Oktober 1962: Zurück im Star-Club: Für sechs Abende à drei Stunden die Woche erhält jeder 600 Mark. Neue Zeiten brechen an: Als modernen Look tragen die Beatles kragenlose Jacketts, die an den "Exi"-Look von Astrid, Klaus und Jürgen erinnern.

November 1962: Musik-Akademie Große Freiheit: Der Sänger Little Richard ("Tutti Frutti") lehrt Paul im Star-Club sein Markenzeichen, die jubilierenden Falsettschreie. Und Paul baut die "Oooohs" als Erkennungsmerkmal in Songs wie "She Loves You" ein.

Do, 15. November 1962: Rückflug nach England. Plattenaufnahmen in London und Konzerte.

Abschied mit Klobrille

Di, 18. Dezember 1962: Die letzte Star-Club-Saison beginnt. Erstmals logieren sie standesgemäß: auf einer ganzen Etage im Hotel Pacific.

Mi, 19. Dezember 1962: John verabschiedet sich vom Kiez auf seine Weise: Sein Bühnen-Outfit besteht aus Stiefeln, Unterhose und Klobrille um den Hals.

Mo, 31. Dezember 1962: Nach dem finalen Song erklärt Horst Fascher dem Publikum: "Das waren die Beatles aus Liverpool. Sie haben sich gerade von Ihnen verabschiedet, wir verabschieden uns ebenfalls. Wir haben jetzt Feierabend."

Di, 1. Januar 1963: Rückflug.

Quellenangaben: The Beatles Anthology; Moers/Meier/bühring/Budéus: Die Beatles; Ulf Krüger: Beatles in Hamburg; Barry Miles: The Beatles - A diary, Paul Mccartney; Hunter Davies: Die Geschichte der Beatles; Albert Goldman: The Lives of John Lennon.