The Fireman

Paul McCartneys Songs, die keiner kennen soll

Es gibt ihn tatsächlich, den unbekannten Musiker Paul McCartney. Immer dann, wenn der ehemalige Beatle seine Werke unter dem Namen The Fireman veröffentlicht. Jetzt erscheint dessen dritte CD "Electric Arguments". Beim Treffen mit Morgenpost Online verriet McCartney, warum er es mag, als namenloser Künstler zu agieren.

Gibt es Songs von Paul McCartney, die nicht jeder kennt? Es gibt sie. Stücke etwa, die der Beatle eher dezent unter dem Pseudonym The Fireman veröffentlicht. Der Fireman gibt dann gern so geheimnisvolle Sätze von sich wie: „Der Fireman nimmt dich an die Hand und führt dich durch ein Flammenmeer aus Songs, von denen du gar nicht wusstest, ob du sie kennen lernen wolltest.“

Nach den Werken „Strawberries Oceans Ships Forest“ von 1993 und „Rushes“ von 1998 folgt nun, nach zehn Jahren Feuerpause, der dritte Teil unter der Überschrift „Electric Arguments“. Einem Gedicht von Allen Ginsberg entlehnt, treffe der Titel, laut McCartney, „den Geist des Albums hervorragend.“

Während der frühe Fireman vor 15 Jahren vornehmlich die eigene musikalische Vergangenheit zitierte, überraschte Sir Paul beim zweiten Versuch bereits mit unauffälligen Elektro-Klanglandschaften. Nun, beim dritten Teil, erlaubt er sich, was Spaß macht. Ihm zumindest.

Anything goes, ein Künstlername macht es möglich. Die Eröffnung beispielsweise, „Nothing Too Much Just Out Of Sight“, ein schwerfälliges Rockstück, das Led Zeppelin mit Neid erfüllen dürfte. Oder ein so luftiges Stück Piano-Pop in Wings-Tradition wie „Highway“, das Tanzmusikstück „Lover’s In A Dream“ oder ein bierseliges Stück zum Schunkeln, „Traveling Light“.

Verteidiger und Anhänger des umtriebigen Beatles-Erbverwalters werden den Eklektizismus feiern. Kritiker werden die klare Linie, die Stringenz, vermissen. Paul McCartney möchte sich rechtfertigen. Zum einen war er wieder nicht allein der Fireman; an seiner Seite operierte ein Gefährte namens Youth. Der 47-jährige ist allenfalls Mittvierzigern, die mit dem Punk erwachsen wurden, ein Begriff: Er war Bassist und Mitbegründer der Band Killing Joke und trägt den bürgerlichen Namen Martin Glover.

13 Aufnahmetermine gönnte Paul McCartney ihm und sich im Jahr 2008. Und die Maxime lautete: „Ein Song pro Tag!“ McCartney: „Das war keine strenge Regel. Aber wir arbeiteten so schnell, dass die meisten Songs gar nicht mehr Zeit brauchten. Wir schauten jeweils, was uns der Tag gebracht hatte. Das waren dann manchmal heftigere Songs und manchmal eben Seemannslieder.“

Als junger Beatle hatte Paul McCartney sich den Lebensabend bereits musikalisch und poetisch ausgemalt mit „When I’m Sixty-Four“. Ein Ruhestand mit Swing und einer gleichaltrigen, liebevollen Gattin. Es kam anders. Offenbar gönnt sich McCartney weder Ruhe noch Beschaulichkeit.

Dass er über Talent verfügt, sprechen ihm nicht einmal diejenigen ab, die ihn im ewigen Schatten von John Lennon kauern sehen. Allerdings verwandelte er bereits Lennons lauen Einfall „The Ballad Of John And Yoko“ in einen Hit, schraubte an George Harrisons netten Akkorden, bis „Here Comes The Sun“ erstrahlte, und verfasste „Someday“ nebenher bei einem Fototermin.

McCartney kann einfach Songs schreiben

Songs zu schreiben ist für ihn eine Fähigkeit, die er „gar nicht erst hinterfragen“ wolle. Denn wenn er wüsste, wie es gehe, da ist er sich sicher, werde ihn die Fähigkeit sofort verlassen. Das Mysterium des künstlerischen Antriebs. Selbst bei Paul McCartney.

Bei The Fireman winkt auch die Freiheit aller namenlosen Künstler. „Das war die ursprüngliche Idee. Sie beschäftigt mich seit ‚Sgt. Pepper’, als wir uns jeder einen anderen, neuen Namen wählten. Es gibt dir einfach das Gefühl, dass alles möglich ist. Es hält dich aber auch zurück: Du nimmst dich nicht mehr allzu ernst.“

George Martin, die graue Eminenz der Beatles, sieht in McCartney derweil und noch immer „ein Jahrhunderttalent, der beste Musiker“, der ihm je begegnet sei. Hervorragender Sänger, Komponist und Multiinstrumentalist, der übrigens auch Schlagzeug auf so manchem Beatles-Alben gespielt habe. Es ist also doch kein Wunder, dass, im nachlassenden Jugendwahn der Werbewirtschaft, die Gitarrenfirma Epiphone mit einem Konterfei des Musikers im Rentenalter wirbt. McCartney ist wieder allgegenwärtig; Macca gilt als Kult.

Schon deshalb ist er immer gut für eine Überraschung. War der Fireman bislang vollkommen stumm, leiht Paul McCartney seinem Alter Ego auf „Electric Arguments“ zum ersten Mal die eigene Stimme. Und natürlich hört man da, nach dessen überstandener Scheidungsschlacht, genauer hin.

Es wurde zu viel gedeutet

„Die Leute haben immer mehr in meine Poesie hineingedeutet, als ich selbst hinein getextet hatte“, sagt er. „Diesmal habe ich mich aber ausführlich mit echter Poesie beschäftigt, hauptsächlich mit den Beat-Dichtern der Sechzigerjahre.“

Und Zeilen wie: „The last thing you do was to try and betray me/ And I’ll never forget it”? Nachtragende Verse über Lug und Trug? Oder: „You have money but no manners”? Über Geld und Gier? Kein Kommentar. Aber das Füllhorn künstlerischer Einkünfte aus 45 Jahren wird auch künftige Scheidungen bewältigen helfen.

Und natürlich werden heute, wo die letzten offenen Geheimnisse um den Gesang des Fireman gelüftet sind, auch Fragen laut, ob sich der Fireman auch auf der Bühne zeigen wird. „Die Chancen stehen gar nicht schlecht. Ich werde mich bei ihm erkundigen.“ Nach innerer Beratung stellt McCartney einen „Drahtseilakt“ in Aussicht. Dann aber als anständiger Feuerwehrmann, mit Sprungtuch.

The Fireman: Electric Arguments (One Little Indian)