Es ist schon eine bemerkenswerte Doppelung zum Saisonbeginn: Heute wird Händels „Messias“ in der Philharmonie aufgeführt, nur wenige Tage später von einem anderen Ensemble im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Nun geht niemand in einen Plattenladen und fragt zuerst nach dem Namen des Verkäufers. Und auch in den Konzertsälen schaut man zuerst auf die angekündigten Künstler, und nicht auf jene, die ihnen aufs Podium verhelfen. Aber diesmal lohnt sich ein Blick auf die Dahinterstehenden. Denn der heutige „Messias“ wird von der alteingesessenen Berliner Konzert-Direktion Adler veranstaltet, wohingegen der „Messias“ am 6. September von einem Neueinsteiger in den Berliner Klassikbetrieb angeboten wird. Hinter der neuen Konzertreihe „Klassik pur“ steht die Deutsche Entertainment AG (Deag) von Peter Schwenkow, der nach einigen Klassik-Events nun im regulären Spielbetrieb Flagge zeigt.

Konservativ oder Überflieger?

Auf den ersten Blick sieht das Ganze auch nach einem Generationswechsel aus. Beachtenswert sind deshalb die beiden Dirigenten, die von den Agenturen ins Rennen geschickt werden. Die Familie Adler verhilft Helmuth Rilling in die Philharmonie. Der Stuttgarter, ein Mittsiebziger, ist Bach-Experte, überhaupt ein Vermittler geistlicher und musikkonservativer Werte. Er ist ein Altmeister mit angestammtem Platz. Demgegenüber schicken Schwenkows „Concert Concept“-Macher Thomas Hengelbrock an den Start ins Konzerthaus. Der Anfangfünfziger stammt aus Wilhelmshaven, ist aber genau genommen ein künstlerischer Überflieger.

Hengelbrock lebt in Paris, irgendwie auch in Wien, hat ein Büro in Freiburg, übernimmt demnächst das NDR-Sinfonieorchester in Hamburg. Demnächst weilt er einige Zeit in Berlin, wo er mit dem Regisseur Sebastian Baumgarten den „Tannhäuser“ für die Bayreuther Festspiele 2011 vorbereitet. Hengelbrock sucht keine Sesshaftigkeit, auch nicht im künstlerischen Sinne. Hengelbrock bleibt die stilistische Vielseitigkeit in Person, wobei die ganz große Dirigentenkarriere des früheren Geigers eigentlich jetzt erst bevor steht. Was die wenigsten wissen, die Mutter des Dirigenten war Theologin, sein Vater wurde jesuitisch erzogen. Hengelbrocks Auseinandersetzung mit dem „Messias“ ist wohl die eines mit dem Glauben hadernden Musik-Philosophen.

Die Popmanager entdecken zunehmend den Klassikmarkt – dieses Fazit liegt bei Schwenkows neuem Engagement nahe. Allerdings werden damit auch nur Gegensätze aufgemacht, die letztlich allen Marktregeln widersprechen. Verkauft wird, was das Publikum begehrt. Tatsächlich hat auch die Konzertdirektion Adler in früheren Jahrzehnten Unterhaltungsmusik an den Markt gebracht. Bis hin zum Rock, inklusive zuvor entstuhlter Veranstaltungssäle. Schwenkow hat mit Rockkonzerten begonnen, später den Musical-Markt für sich entdeckt. Zuletzt hatte er mit Universal kooperiert, um deren Klassikstars mit Events populär zu machen. Doch auch Künstler wie die russische Sopranistin Anna Netrebko, die bisher so oft wie kein anderer in den Popcharts zu finden war, der stimmerkrankte mexikanische Tenor Rolando Villazon oder der chinesische Pianist Lang Lang sind nur bedingt zu vermarkten. Die Zahl ihrer Auftritte und das Repertoire sind begrenzt – und von Verschleiß und Überdruss bedroht.

Erst im Juli konnte Schwenkow mitteilen, dass Sony Music mit 49 Prozent ins europäische Klassikgeschäft des Konzertveranstalters Deag mit einsteigt. Die Japaner verlegen zugleich ihre Klassikabteilung von New York nach Berlin. Marketingtechnisch ist jetzt von Rundum-Sorglos-Paketen wie im Popbereich die Rede. Schwenkow verspricht in diesem Paket Tourorganisation, Aufnahme, Sponsoring und Vermarktung. Tatsächlich verdienen heute viele Künstler live mehr Geld als mit Platten. Der Markt richtet sich neu aus, wovon das Publikum profitieren wird.

Rasante CD-Verkäufe bei Festivals

Umgekehrt zehrt die Plattenindustrie von Konzertgängern. Kürzlich wurden rasante Klassik-CD-Verkäufe vermeldet. Der Hintergrund: Mit Beginn des Festspielbetriebs wurden vor Ort mehr CDs gekauft. Für den Platzhirschen Adler ein ehernes Gesetz, dass Künstler nach dem Konzert Autogramme geben und CDs signieren.

Letztlich will jeder sein Stück vom Kuchen. Sind Sony und Schwenkow im Team, so gibt es doch auch ein Agreement mit Adler. Wer Künstler aufbaut, behält sie auch. Und so wirbt die Agentur Adler jetzt am Donnerstag mit der blonden, begabten Sol Gabetta, die als Sony-Cellistin gerade wieder den Weg in die Popcharts 100 gefunden hat. Aber auch Schwenkow hat den derzeit erfolgreichsten Popchart-Kandidaten in seinem Künstler-Portfolio. Ein Höhepunkt seiner Konzertreihe wird das Tourneekonzert des Geigers David Garrett sein. Letztlich, so heißt es aus dem Hause Adler, sind nicht private Klassikanbieter die Konkurrenz, sondern die subventionierten Orchester und Konzerthäuser. Irgendjemand verdirbt immer die Preise.