Beim Auftakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist sogar Schwoof im Großen Saal angesagt. Das Ganze tarnt sich als Orchesterfest. Zunächst dirigiert Chefdirigent Lothar Zagrosek sein Konzerthausorchester. Diesmal geht es um französische Musik und Lebensart. Dann kommt das Publikumsorchester dran, anschließend sind die Tanzbeine gefordert. Hineingetanzt wird in eine durchaus üppige Jubiläumssaison - der Anlass: Vor 25 Jahren wurde das im Krieg zerstörte Schauspielhaus als ein Konzerthaus wiedereröffnet.
Generalmusikdirektor Daniel Barenboim stimmt bei einer Pressekonferenz im Apollosaal auf seine "Staatsoper für alle" ein. Am Wochenende wird dann auf dem Bebelplatz das eventhungrige Publikum erwartet. Der Eintritt ist frei. Am Sonnabend erfolgt die Live-Übertragung von "Tristan und Isolde", am Sonntag spielt die Staatskapelle. Es wird wieder Gedrängel geben. Auch dieser Auftakt offenbart das Umwerben neuer Publikumskreise. Beiläufig wird man eine Marketingaktion verkünden: Besucher des Openair-Auftakts bekommen 30 Prozent Rabatt auf Vorstellungen im September.
Wenn es um Geld geht, um üppiges Kulturgeld, dann ist auch in der Berliner Konzertlandschaft mittlerweile gern der Bund gefragt. Und nicht etwa nur als stiller Finanzier: Vom 3. bis 21. September veranstalten die Berliner Festspiele wieder das Musikfest. Es ist zum Saisonstart ein Schaulaufen der heimischen und der Welt-Orchester. Das exklusive Unternehmen kann sich in Berlin kein Konzertveranstalter, keine Philharmonie leisten - also zahlt es der Bund.
Erwartet werden u.a. das BBC Symphony Orchestra, das Concertgebouw, das London Philharmonic, das Chicago Symphony Orchestra oder auch Simon Rattles früheres City of Birmingham Orchestra. Die Programme sind geprägt von Schostakowitsch und Xenakis. Am Pult stehen große Namen wie Kurt Masur, Mariss Jansons, Sir Simon Rattle, Bernard Haitink, Valery Gergiev, um nur einige zu nennen. Aber wer sich die Spielzeit-Pläne der Berliner Orchester und Konzertveranstalter genauer anschaut, kann nur konstatieren, im Laufe eines Jahres kommen eigentlich alle Klassikstars und -sternchen in der Stadt vorbei. Das Angebot ist geradezu erdrückend. Entgegen allen kulturpolitischen Unkerein, Verteilungskämpfen oder personellen Querelen ist die künstlerische Sogwirkung der Stadt immens.
Wobei es vorrangig auf zwei Zentren, gleichsam zwei Dirigenten-Persönlichkeiten zuläuft: Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle. Um ihre Orchester und Häuser herum spielt sich das Innovativste und zugleich das Exklusivste ab.
Staatskapellen-Chef Barenboim mag das Zyklische, quasi den "Ring" im Komponistenformat. Sorgte zuletzt sein gewaltiger Mahler-Zyklus zwischen Berlin und New York für Furore, ist jetzt ein Beethoven-Bruckner-Zyklus angesetzt. Barenboim dirigiert ein Konzert am 9. November zu "20 Jahre Mauerfall". Und seine Festtage sind - neben der Oper - längst auch eine Adresse für Klassik-Upperclass-Touristen geworden. Diesmal singt Anna Netrebko, setzt sich Maurizio Pollini ans Klavier und tritt Komponist Pierre Boulez in eigener Sache und zum eigenen 85. Geburtstag ans Pult. Dagegen ist Barenboims Ziehkind Lang Lang in dieser Saison besonders häufig in der Philharmonie anzutreffen, wo der junge Chinese als Pianist in Residence in gleich fünf Programmen zu erleben ist.
Dompteur in der Virtuosenwelt
Sir Simon Rattle ist irgendwie ein Dompteur, um den herum sich die bunte Welt der Virtuosen - auch aus dem eigenen Orchester - versammelt. Diesmal werden die Komponisten Brahms und Schönberg sowie Sibelius umkreist. Darüber hinaus sind die Philharmoniker wieder in der Stadt unterwegs: so im Kabelwerk Oberspree, in der Arena Treptow zum alljährlichen Tanzprojekt oder zum Saisonabschluss in der Waldbühne.
Und dennoch: Bei aller virtuosen Vielfalt der Berliner Saison wartet der scheidende Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, Ingo Metzmacher, mit dem gewagtesten und spannendsten Programm auf. Der Dirigent, der in der Musik gern der deutschen Seele auf der Spur ist, setzt unter anderem sein Augenmerk mit sechs Konzerten auf das Thema "Versuchung". Der Zweifel mag etwas archetypisch Deutsches sein, und Metzmacher befragt Werke nach ihrer mefistofelisch-dunklen Seite. Eröffnet wird mit Alban Berg ("Lulu-Suite"), hinterfragt werden auch Hindemiths "Mathis der Maler", Schumanns "Faust"-Szenen oder Max von Schillings "Hexenlied".
Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters, setzt sich weiterhin mit Beethoven auseinander, jetzt stellt er Sinfonien den Streichquartetten gegenüber. Der neueste Berliner Zugewinn, Generalmusikdirektor Donald Runnicles, präsentiert sich mit dem Orchester der Deutschen Oper gleich mehrfach im Konzert.



