Der Pförtner im Martin-Gropius-Bau ist fassungslos. Noch nach 21 Uhr stehen die Leute an, um in die Frida-Kahlo-Ausstellung zu kommen, die am Montag eigentlich um 22 Uhr schließen sollte. Doch erst gegen 23 Uhr schloss die Kasse, wie eine Sprecherin des Museums sagte. Alle Besucher hätten danach noch Zeit bekommen, sich die Ausstellung mit rund 150 hochkarätigen und teils unbekannten Werken der Malerin (1907-1954) in Ruhe anzusehen.
„Wir lassen noch jeden rein!“, hatte zuvor auch Gereon Sievernich, Chef des Hauses, verkündet. Am Schlusstag betrug die Wartezeit nachmittags knapp acht Stunden, nach 21 Uhr waren es noch über zwei Stunden. Bodo Tümmler, einer der letzten wackeren Schlangesteher: „Ich habe erst am Sonntag gelesen, dass hier unbekannte Zeichnungen zu sehen sind. Die wollte ich unbedingt noch anschauen!“
Sievernich: „Wir sind glücklich, aber erschöpft!“ Die Bilanz kann sich tatsächlich sehen lassen: 235.000 Besucher bei Kahlo, 180.000 Besucher bei der ebenfalls endenden Schau von Olafur Eliasson. Ein doppelter Grund zum Feiern: Frida Kahlo ist damit die erfolgreichste Einzelschau in der Geschichte des Hauses – und Eliasson die bestbesuchte Ausstellung eines noch lebenden zeitgenössischen Künstlers. Mit „Innen Stadt Außen“ hatte Eliasson das Untergeschoss großzügig mit seinen Installationen bespielt. Höhepunkte waren der Nebelraum und der Kristallpalast, der aus einer imposanten 27-Meter-Spiegel-Konstruktion bestand. „Ganz viele Familien haben diese Ausstellung besucht, weil sie auch interaktiv teilnehmen konnten“, so Sievernich.
Teilweise haben sich die Leute morgens um sechs Uhr angestellt. Meist sei es entspannt zugegangen, erzählen Museumswärter. Abends soll es zuweilen aggressiver in der Schlange geworden sein, Polizeischutz wurde angefordert. Fakt ist, dass der Gropius-Bau mit diesen zwei publikumsstarken Ausstellungen organisatorisch an seine Grenzen gekommen ist. Auffallend hoch war zudem die Anzahl an Rollstuhlfahrern. Aufgrund ihrer schweren Verletzung war Kahlo selbst zeitweise auf diese Hilfe angewiesen. Die Leute identifizieren sich offenbar mit ihrer Behinderung, zumal Kahlo stets Stärke in ihrer Situation bewiesen hat. Eine Verlängerung der Schau ist nicht möglich. Ab 1. September werden die Werke der mexikanischen Nationalheiligen im Kunstforum Wien gezeigt. „Wir werden bald mit Wien telefonieren, es ist sinnvoll für die Kollegen, sich über den Verlauf der Retrospektive auszutauschen“, so Susanne Rockweiler vom Gropius-Bau. Wer es in Berlin nicht geschafft hat, bekommt eine zweite Chance in Wien.
GW.


