Ziehharmonikaklänge, Klappstühle, Brezeln und Zeitungen: Die lange Besucher-Schlange vor dem Martin-Gropius-Bau zog sich auch gestern bis zur Stresemannstraße hinunter. Anstehen für den Besuch bei einer Nationalheiligen. Am Montag schließt die große Frida Kahlo-Ausstellung. Kahlo (1907-1954), Tochter eines deutschen Einwanderers, zählt mit ihren farblodernden Bildern zu den populärsten Künstlerinnen der Moderne. Und hat sich in Berlin als Publikumsmagnet erwiesen. Eine Bilanz von A bis Z mit Zahlen, Fakten und Kuriositäten.
Anstehen Die Besucher-Schlangen vor dem Haus waren die längsten, die es je vor dem Martin-Gropius-Bau gegeben hat. Das Ausstellungsteam stellte extra eine studentische Hilfskraft in die Menschenmenge, um die exakte „Schlangenwarterei“ zu recherchieren. Sie lag bei der Studentin bei viereinhalb Stunden, eine Wärterin will aber an einem der sehr heißen Tage vor drei Wochen eine Wartezeit von knapp acht Stunden registriert haben. An diesen Tagen wurde die Besucherzahl wegen der Klima-Regulierung auf 150 Gäste heruntergefahren, in der Regel können 250 Besucher gleichzeitig in die Schau. 2000 bis 3000 pro Tag, so der Durchschnitt. Im Vergleich: für die parallel laufende Präsentation von Olafur Eliasson im gesamten Untergeschoss sind 900 Gäste zugelassen.
Erfolg Wenn am Montag die Schau schließt, rechnet Direktor Gereon Sievernich mit weit über 200000 Besuchern bei einer Laufzeit von drei Monaten. Damit ist Frida Kahlo als monografische Ausstellung die erfolgreichste Präsentation in der Geschichte des Gropius-Baus. Die Schau mit Arbeiten von Henri Cartier-Bresson, französischer Fotograf und Mitbegründer der weltberühmten Fotoagentur Magnum, verbuchte 120000 Besucher.
Faszination Die Verweildauer in der Kahlo-Schau ist mit zweieinhalb Stunden außergewöhnlich lang, bei regulären Präsentationen geht man von rund einer Stunde aus. Das liegt auch daran, dass es bei Frida Kahlo viel mehr Einzelexponate in einzelnen Räumen gibt, bei Olafur Eliasson beispielsweise wird oft ein Raum nur mit ein oder zwei Installationen bespielt, die schnell abzuschreiten sind. An den expressiven Kahlo-Bildnissen schlendert gewöhnlich keiner einfach nur vorbei, viele lesen die Bildtexte intensiv und meditieren geradezu vor den Porträts dieser Frau, die für viele Kultstatus hat.
Gästebücher gehören zu jeder guten Ausstellung. Doch im Martin-Gropius-Bau kam man mit dem Auslegen schier nicht mehr mit. Nach dem zweiten Band ließ man noch vier weitere binden. „Irgendwann haben wir aufgegeben“, sagt Kuratorin Helga Prignitz-Poda. Die verschiedenen Eintragungen hätten sie sehr berührt, kaum verwunderlich bei der Euphorie vieler Besucher: „Jede Frau geht mit hoch erhobenem Kopf aus dieser Ausstellung. Danke!“ heißt es da. Und: „20 Jahre habe ich gewartet, in diesen fast schon heiligen Hallen noch einmal Bilder von Frida zu sehen. Welch ein Geschenk diese Retrospektive ist. Ich komme wieder Frida!“ Prignitz-Poda: „Die meisten bewundern ihre Stärke, trotz ihres immensen Leids, das sie im Leben erfahren musste. Es gibt Leute, die haben sich gleich mehrfach angestellt, um ihre Bilder zu sehen!“
Lieblingsbild des Publikums ist das „Selbstbildnis mit Dornenhalsband“ von 1940, das es auch als Poster zu kaufen gibt. Frida hatte sich gerade vom untreuen Rivera getrennt. So bringt dieses Bildnis die zerbrochene Biografie der charismatischen Malerin eindringlich zum Ausdruck: Mit dem Malen begann sie in der Rekonvaleszenz – nach einem fast tödlichen Busunfall 1925, wo sich eine Eisenstange quer durch den Körper bohrte. Da war sie 18 Jahre. Es folgten mehr als dreißig Operationen, Gipskorsette, Wahnsinnsschmerzen, Amputationen, Drogen. Sie heiratete den fast doppelt so alten Maler Diego Rivera (1886-1957), ein vitaler Womanizer, der sie stets betrog, sogar mit ihrer Schwester.
Madonna Die britische Pop-Queen gehört zu den prominenten Privatsammlern, sie besitzt drei Ölgemälde, darunter „Meine Geburt“ – das blutige Porträt einer Gebärenden. Früher soll sie das kleine Bild mit sicher herumgetragen haben. Berlin fragte wegen einer Leihgabe an. Madonna antwortet nicht.
Nationalitäten Aus aller Welt reisten die zahlreichen Besucher an, aus den Niederlanden, Irland, Singapur, Malaysia und sogar Mexiko. Dort gilt Frida als nationales Heiligtum, ihre wertvollen Bilder dürfen ausschließlich mit Genehmigung des Staates ausgeführt werden. Große Ausstellungen mit hochkarätigen Leihgaben wie hier in Berlin sind selbst in Fridas Heimatland rar.
Olafur Eliasson Auch für den in Berlin lebenden Künstler Olafur Eliasson heißt es Abschied nehmen, seine mit Kahlo zeitgleich im Gropius-Bau stattfindende Ausstellung „Innen Stadt Außen“ mit dem spektakulären Nebelraum geht ebenfalls am Montag zu Ende. Auch die Eliasson-Bilanz kann sich mit rund 140000 Besuchern sehen lassen.
Projektionsfläche Kuratoren wie Ausstellungsmacher sind sich einig, dass es nur wenige Künstler wie Frida Kahlo gibt, die sich als Projektionsfläche geradezu generationsübergreifend eignet. „Ihr Leben ist ein Faszinosum, darin scheinen sich viele, viele Menschen wiederzufinden“, so Kuratorin Helga Prignitz-Poda. „Die meisten bewundern ihre unglaubliche Stärke, obwohl sie so leidend war und von Schmerzen geplagt. Sie blieb einfach eine Kämpferin!“ Unter den Gästen waren die Frauen eindeutig in der Überzahl.
Sammler Der Großteil der Arbeiten Frida Kahlos befindet sich in mexikanischen und nordamerikanischen Privatsammlungen. Kein deutsches Museum ist im Besitz eines Bildes der mexikanischen Ausnahmemalerin. Dem mexikanischen Kahlo-Museum (Casa Azul) gehören 20 Gemälde, in öffentlichen Museen gibt es drei, in der Sammlung Olmedo 26. Das Berliner Sammlerehepaar Ulla und Heiner Pietzsch besitzt eine feine Zeichnung, die aus konservatorischen Gründen nicht im Gropius-Bau zu sehen ist.
Verlängerung Die Ausstellung geht anschließend nach Wien, wo sie ab 1. September bis zum 5. Dezember im Kunstforum Wien zu sehen sein wird. Das Museum ist Kooperationspartner des Gropius-Baus, so können Kosten aufgeteilt werden. Weitere Stationen wird es leider nicht geben, auch Verlängerungen sind trotz großer Nachfrage nicht möglich. Fragile Zeichnungen können nur sechs bis sieben Monate gezeigt werden, dann benötigen sie dunkle Depots. Zudem sind private Leihgeber heikle Verhandlungspartner.


