Cannes-Tagebuch 1

Wo ist die Krise, und was ist deutsch?

| Lesedauer: 10 Minuten

Am vierten Tag des Filmfestivals in Cannes schreibt Michael Schmid-Ospach, über seine persönlichen Eindrücke. Er ist seit 2001 Chef der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Sie ist mit einem Förderetat von mehr als 30 Millionen Euro im Jahr die größte der deutschen Landesförderungen.

Tag 4 des Filmfestivals in Cannes, allmählich bin ich im Rhythmus. Ein Café crème mit einem Croissant, und dann geht's raus aus dem Hotel ins Getümmel. Alle haben einen ordentlichen Schritt drauf, man ist "on the run", jeder hetzt von Termin zu Meeting, von Deal zu Film. Wer hier schlendert, muss Tourist sein oder in Rente. Cannes ist während des Festivals eine schnelle Stadt! (ganz anders, kommt man hier jenseits des Festivalmonats her, aber das ist une autre chose).

Schon Tage, bevor das Festival startete und die ersten Journalisten eine Art Deutung versuchten, haben sich zwei Themen manifestiert: Die Krise! Wie wird sie Cannes beeinflussen? Und: der deutsche Film in Cannes. Und was ist überhaupt ein deutscher Film? Definiert er sich an der Nationalität oder am Wohnort des Regisseurs, oder danach, wo er gedreht wurde? Mit jedem, den man etwas besser kennt aus der Branche und dem man begegnet, entspinnt sich diese Diskussion. Wir sind in Cannes beteiligt am Wettbewerbsbeitrag "Antichrist" von Lars von Trier. Ein Däne, der komplett in NRW gedreht hat - eine echte Koproduktion, und keiner würde sich hier anmaßen, von einem deutschen Film zu sprechen. Aber dass es der Kölner Produzentin Bettina Brokemper (Zentropa und vor 3 Jahren Producer on the move für Deutschland, Prix Eurimages 2008) gelungen ist, den reisescheuen LvT für einen Komplettdreh nach Deutschland zu holen, davor kann man nur den Hut ziehen!

Kurz nach dem "Antichrist" wird dann "Das weiße Band" von Haneke im Palais des Festivals zu sehen sein. Ich höre nun von einigen Seiten, das sei der deutsche Beitrag, aber ist das denn so wichtig? (davon abgesehen, dass es nicht stimmt). Geht's um Referenzgelder?

Wir sind beim wichtigsten Filmfestival der Welt. Und hier geht der Blick doch ordentlich weit über den Horizont. Die ganzen Altmeister am Start, Ang Lee präsentiert heute Abend einen "Woodstock" Film und ich denke bei seinem Namen natürlich - wie jeder - an den zauberhaften "Brokeback Mountain" in Venedig und dass der junge talentierte Heath Ledger uns mit seiner Darstellung des lost Cowboys kostbare Kinomomente geschenkt hat. Er ist nicht mehr. Wie ein Blitz schlägt die Nachricht vom Tod der einzigartigen Monika Bleibtreu ein. Wie sie sich freuen konnte, die nicht nur als "Katja Mann" und als Klavierlehrerin großartige Frauenrollen gespielt hat. So viel Format! So viel Wärme!

Große Meister der Regie, seit Jahrzehnten dabei, schmücken das Programm der kommenden Tage. Jane Campions neues Werk rührte Christine zu Tränen, der weiter agile Ken Loach ist wieder dabei, und seine letzte Goldene Palme liegt gar nicht lang zurück. Alain Resnais, Quentin Tarantino, Michael Haneke - es ist spannend, was sie uns in diesem Jahr Neues zeigen. Und natürlich ein ebenfalls gern gesehener Gast an der Croisette: Lars von Trier....

Doch mehr als über Meisterregisseure und deren Filme brennt allen die Krise und ihre Auswirkung auf Cannes unter den Fingern. Ich versuche, der leichten Panik, die ich erkenne und lese, etwas entgegenzusetzen. Weder kann ich weniger Millionärsyachten im Alten Hafen zählen, noch kommen mir Restaurants oder Straßen, der Marché oder das Festivalkino leerer vor. Die Amerikaner sollen dieses Jahr vor allem weggeblieben sein; ich müsste jetzt lügen, würde ich sagen, dass man das als Marktbesucher merken würde. Der Run auf Karten ist derselbe, und dass es offenbar besser Hotelzimmer gibt als in all den letzten Jahren, diese Information kann sich eigentlich nur auf die Luxushotels an der Croisette beziehen. Aber wer von uns wohnt hier schon?

Natürlich sorge ich mich, dass die Produzenten nicht mehr ihr Geld so gut zusammen bekommen, um ihre nächsten Projekte zu starten. Man sorgt sich um Menschen, deren Auftragslage zusammenbricht. Wenn ich aber sehe, wer mir alles auf der Straße begegnet und sich den Cannes Aufenthalt offenbar leisten kann, dann kann es doch so schlimm nicht sein?

Jedenfalls wird abgespeckt. Gespart wird an Essen und Trinken, an der Angebotsvielfalt, an der Location. Der Deutsche Empfang wird nicht mehr in einer der großen Villen in den Bergen sein, sondern im Strandrestaurant, maximal mit Happen. Nicht schlimm! Wichtig ist nur, dass solche Veranstaltungen bleiben, zum Kontakte Knüpfen, neudeutsch Netzwerke! Wenn es nicht mehr so eng ist, hat das auch Vorteile, dann fällt man eben nicht mehr aus Platzmangel in den Pool ;-) Der Kulturminister wird auch wieder dort erwartet, und die deutschen Schauspieler, die dann Mittwoch Abend bei Tarantinos "Inglorious Basterds" die Stufen zum Festivalpalais erklimmen, werden sich Montag Abend dort sicher schon zeigen. Bei "Basterds" sagt übrigens keiner: ein deutscher Film.

Stilvoll, aber nicht überladen, das ist wohl der neue Trend. So gab sich auch die Eröffnung mit der 3 D Brille auf der Nase. Isabelle Huppert beeindruckt mich mit ihrer Aura und der Robe eines Superstars, aber der Unbefangenheit einer Jugendlichen und natürlich ihrem Plädoyer für den Kinofilm. Das ist etwas, was ich den Franzosen neide: Wie sie Stars lieben und für sie leben, sie pflegen und verehren und diese es ihnen danken mit einer Reihe an wunderbaren Produktionen, die Filmgeschichte schreiben.

Nicht nur Filme erblicken hier das Licht der Welt, auch Wörter. Ein Film titelt "La merditude des choses", sehr französisch, aus Belgien.

Es klingt nach Eigeninteresse, aber am allermeisten bin ich wirklich auf "Antichrist" gespannt. Die Filmstiftung hat mit "Antichrist" den 5. Film von Lars von Trier unterstützt. Sein Humor ist legendär, und die Pressekonferenz, die während der Dreharbeiten letzten Sommer im Bergischen stattfand, war einzigartig. Der große Psychologe aus Kopenhagen nahm sogar Familienaufstellungen vor: Die große Filmfamilie und the "rich uncle", naja, es gibt Schlimmeres! Und: "We came for the money, but we stayed for the very good treatment." Ich bin froh, dass er sich wohlgefühlt hat, denn es ist bekannt, dass LvT jenseits seiner Heimat eigentlich nicht arbeitet.

"Antichrist" wird der Presse erstmals am Sonntag Abend präsentiert, und der Film soll den Zuschauer extrem mitnehmen. Traurig sein und heftig an die Substanz gehen. Montag Abend, in der Halbzeit des Festivals, wird der Film präsentiert, eine bessere Programmierung kann man sich kaum vorstellen.

Das Komische an Cannes ist, dass es in den Gesprächen meist gar nicht um Cannes geht. Sondern man redet hier über Filme, die in Los Angeles laufen werden (bei unserer geplanten Filmwoche), auf dem Festival in Venedig oder in Toronto. Wir sprechen über "Henri Vier", die "Päpstin", oder die "Wüstenblume". Filme, auf die man mächtig gespannt sein kann. Wir planen noch an mancher Panelbesetzung für den Internationalen Filmkongress im Juni in Köln oder reden mit German Films über die Previews mit den Filmeinkäufern, die das dritte Mal in NRW /Köln im Sommer stattfinden werden.

Dies Festival nur im "Hier und Jetzt" zu erleben, ist kaum möglich! Die Parallelwelten der Meetings und Kaffeegespräche gehört dazu und nach dem Festival ist natürlich direkt vor dem Festival.

Dass das Wetter die ersten Festivaltage nicht so richtig mitspielte, ist da nur hilfreich. Aber gerade wir Deutschen könnten uns in Sachen Genuss ja noch eine Scheibe von den Südeuropäern abschneiden und es mehr genießen, wenn wir an schönen Orten sind. Mir hilft dann eine Tasse Kaffee und der Blick aufs Treiben oder das Meer, um zu realisieren, dass so ein 16-Stunden-Tag in Cannes mit aller Hektik und schnellen Unterschriften seine Momente des Innehaltens braucht.

Es ist gut, dass der Deutsche Pavillon eine solche Kulisse bietet und es manchmal den Gästen ganz schön schwer macht, sich auf das Projekt zu konzentrieren: Der Rundumblick von Croisette bis Iles des Lerins oder den Kreuzfahrtschiffen verführt und verlockt, lenkt ab und vielleicht genau dadurch auch auf das, was wichtig ist. Richtig wichtig.

Dass es im Kino auch ums Ablenken und Rausschauen geht, das zeigt das aktuelle Festivalplakat mit einem Motiv aus einem Antionioni Film, schwarz weiß: Wir sehen sie von hinten, sie schaut hinaus in die Welt, und sie könnte 20 oder 40 sein, die Landschaft könnte Italien oder Mexiko sein und wir - wir könnten auch mal irgendwo ganz anders sein. Aber eigentlich wollen wir das gar nicht.