Das Filmfestival in Cannes ist ein Schmelztigel für Filmschaffende aus aller Welt, die hier versuchen, ihre "Netzwerke" zu erweitern. Dabei geht es jedoch mehr um ein oberflächliches "Sehen" und "Gesehenwerden" als um intensive Dialoge. Man kennt sich - oder auch nicht, man spricht ein paar unbedeutende Wörter, "pitcht" sein Projekt, tauscht Visitenkarten aus und zieht weiter. So funktionieren die Speed-Datings, Empfänge, Partys und Interviews.
Das, was Cannes fehlt, ist Zeit, Verbindlichkeit, Auseinandersetzung. Aber wer kann das an einem der teuersten Geschäftsplätze der Welt erwarten? Fatal ist allerdings, dass durch die allgegenwärtige Oberflächlichkeit und Beliebigkeit die individuelle Sensibilität, die für das Filmemachen so wichtig ist, sehr in Mitleidenschaft gezogen wird.
Klappern gehört zwar bekanntlich zum Handwerk, in Cannes jedoch finden sich tausende von rappelnden Filmhandwerkern wie die Ameisen im Palais du Festival zusammen und versuchen sich gegenseitig zu übertönen. Rückzugsorte der jeweiligen Nationalitäten sind die Länderpavillons, wo man versuchen kann, ein paar klare Gedanken in seiner Muttersprache zu formulieren, um sich anschließend wieder durch Wortfetzen in Englisch und Französisch zu schlagen.
Mein Rückzugsort sind die Filme. Sie haben Zeit für mich: 90, 120, 160 Minuten. Dort habe ich Zeit, mich mit Interessantem, Schrott und Wunderbarem auseinanderzusetzen. Hier, im Kino, finde ich auch meine Orientierung wieder, die ich während meines Aufenthaltes in Cannes zunehmend verloren habe.
Eine Horde Freunde aus einem Film weist mir den Weg: Für ihren Kumpel rotten sie sich zusammen, zerschlagen eine feige Gangsterbande und brüllen ihren Feinden hinterher: "Egal wohin ihr geht, egal wo ihr euch versteckt - wir werden euch finden! Weil wir Postboten sind!"
Freundschaft soll mich bei meiner Arbeit begleiten. Und selbst wenn ich sie in Cannes nicht gefunden habe - vielleicht lauert sie hinter einer der gesammelten Postadressen aus Hamburg, Berlin, München, Köln, Stockholm, New York, London oder Paris. Vielleicht sitzt dort jemand, der sich Zeit nehmen kann, um mit mir zu arbeiten, zu diskutieren, zu streiten und zu lachen. Ein Freund eben.
Hannes Burchert ist Absolvent der Hamburger Hochschule für Bildende Künste und mit seiner Abschlussarbeit „Schneezeit“ bei der „Next Generation“ dabei, einer Gruppe cineastischer Nachwuchskraefte, die von deutschen Filmschulen nach Cannes entsandt werden.



