„Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ - so hieß ein Roman von Wolf Wondratschek.
Bei mir begann der Sonntag in Cannes mit Johnny To. Gleich nach einer Minute werden ein Familienvater und seine zwei Kinder von drei Gangstern in Macau brutal erschossen. Die Frau (Sylvie Testud) überlebt schwerverletzt, nachdem sie einem Gangster ein Ohr abschiessen konnte.
Die Gangster haben jedoch nicht damit gerechnet, dass sie einen Vater hat, der früher im selben Gewerbe tätig war. Johnny Halliday spielt den Rächer, der sich mit drei anderen Gangstern zusammentut, um die Mörder zwischen Hongkong und Macau zu suchen, zu finden und zur Strecke zu bringen. „Vengeance“ heißt der Wettbewerbsfilm, der es so richtig krachen lässt. Anleihen und Zitate inklusive – quer durch die Filmgeschichte.
Nachdem ich, wie jeden Tag um 7 Uhr 20 aufgestanden war und nur einen kleine Café Noir am Kinderkarussel getrunken hatte, bin ich dank „Vengeance“ voll da.
Das ist so verrückt in Cannes: dieser ständige, schnelle Wechsel zwischen den Genres und den Ländern.
Auch am Sonntag gehe ich nach der Frühvorstellung zum Stand des französischen und Internationalen Filmkunsttheaterverbands (CICAE), wo ich in einem kleinen Büro die Emails abrufe, die Karten für den Abend und den nächsten Tag abhole und das sonstige Tagesprogramm bespreche.
Die Geschäftsführerin der CICAE zeigt mir bei der Gelegenheit einige Fotos, die sie während unseres Cocktails auf dem Dach des Hotels Palais Stephanie gemacht hat. Zu unserer großen Überraschung sitzt neben mir und zwei italienischen Kinokollegen Francis Ford Coppola, den ich während des Empfangs überhaupt nicht bemerkt hatte. Dafür habe ich jetzt ein Foto mit ihm.
Heute erhalte ich eine kurzfristige Einladung um 12 Uhr 30 zur Präsentation einer Initiative „Des Cinémas pour l'Afrique“ (Kinos für Afrika). Oben im Festivalgebäude liegt die „Terrasse du Festival“. Hier präsentieren der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako (La vie sur terre, Bamako) und die Schauspielerin Juliette Binoche das Projekt „Kinos für Afrika“. Man muss wissen, dass in Afrika jede Woche ein Kino geschlossen wird.
Traditionsreiche Kinos werden zerstört oder für immer geschlossen, wie „Le Paris“ in Dakar, oder die beiden letzten Kinos in Kamerun. Es gibt nicht einmal mehr 20 Kinos in französischsprachigen Ländern und die gleiche Zahl in den englischsprachigen afrikanischen Länder. Und afrikanische Filmemacher können fast nirgendwo in Afrika ihre Filme zeigen. Nur Südafrika bildet eine Ausnahme.
Sissako wird nun in Bamako mit europäischer Hilfe ein altes Kino, das „Soudan Ciné“ neu aufbauen und Ende 2010 wieder eröffnen. Der Festivalchef Gilles Jacob überreicht demonstrativ einen Spendenscheck und auch Juliette Binoche erklärt ihre Unterstützung.
Während des anschließenden Empfangs habe ich Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sissako und versichere ihm die Unterstützung und Mithilfe des Internationalen Verbandes der Filmkunsttheater (CICAE) für diese außergewöhnliche Initiative. Mit einer Geldspende kann jeder Cinéast, der helfen will, einen Kinosessel im „Soudan Ciné“ kaufen. ( www.descinemaspourlafrique.com )
Am Nachmittag bin ich neugierig auf den neuen Film von Pavel Lounguine in der Reihe „Certain Regard“. Unter dem Titel „Zar“ erzählt uns der russische Filmemacher das Leben „Iwan des Schrecklichen“. Aber nach einer Stunde von Gemetzel und Folterungen verlasse ich fluchtartig das Kino.
Im Foyer treffe ich eine völlig verstörte ältere französische Dame, die sich bitter beklagt: „Ich habe zweieinhalb Stunden Schlange gestanden für diesen Film und nun so etwas. Ich verstehe überhaupt nicht, was er uns erzählen will!“ Leider habe ich keinen Trost parat. Den Abend werde ich den deutschen Kurzfilmen widmen, die um 20 Uhr gezeigt werden unter dem wahnsinnig innovativen Titel „Next Generations“. Aber vielleicht hält die anschließende Strandparty Tröstungen bereit.
Der Autor Detlef Roßmann ist Betreiber des Casablanca-Kino in Oldenburg und Vorsitzender der AG Kino, in der die deutschen Filmkunsttheater bundesweit zusammengeschlossen sind.




