Last.fm

Künstler verdienen, wenn sie Musik verschenken

Es klingt paradox: Künstler und Plattenlabels bieten Musik kostenfrei im Internet an – und verkaufen trotzdem mehr CDs. Darauf setzt das Geschäftsmodell der Plattform Last.fm. Deutschland-Chef Scott Woods erklärt Morgenpost Online, warum jetzt sogar Künstler ohne Plattenvertrag Tantiemen erhalten.

Foto: www.malzkornfoto.de

Morgenpost Online: Last.fm wurde einmal als "beste Jukebox der Welt" beschrieben.

Scott Woods: Der User ist der Programmdirektor. Man gibt einen Künstler an und dann beginnt ein Radiostream mit Musikern, die man ausgewählt hat und die so ähnlich sind. Zum anderen sind wir auch eine Art Jukebox.

Morgenpost Online: Aber man wirft keine Münze ein.

Woods: Das ist auch viel besser. Sie können einzelne Songs anwählen und drei Mal in voller Länge kostenfrei hören. Dann verweisen wir darauf, dass man dieses Stück kaufen kann.

Morgenpost Online: Kostenfrei hören, und dann trotzdem kaufen? Das klingt wie ein Widerspruch.

Woods: Es war schon ein großer Schritt für die Labels, diesen ersten Schritt zu gehen. Das schöne Resultat war, dass unsere Verkäufe deutlich gestiegen sind. Man gibt den Usern mehr Musik umsonst und sie kaufen dadurch dann auch mehr.

Morgenpost Online: Gibt es einen neuen Musikkonsumenten?

Woods: Der Musikkonsum hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Es wird immer noch Menschen geben, die gerne eine Vinylplatte oder CDs haben wollen. Aber mehr und mehr wird Musik digital gehört. Auch mobiles Hören wird wichtiger.

Morgenpost Online: Wie reagieren Sie darauf?

Woods: Wir haben eine iPhone-Applikation gestartet. Da gibt man einen Künstler ein und bekommt einen Stream.

Morgenpost Online: Gibt es auch den neuen Künstler?

Woods: Die Künstler ändern sich auch. Entweder schließt ein Künstler mit seinem Label einen Deal ab, der alles beinhaltet - Konzerte, Platten, Merchandising. Madonna ist ein Beispiel. Und dann gibt es Bands, die progressive Wege gehen wie Radiohead, die ihre neue Platte ins Netz stellten. Immer häufiger sind bei uns Album-Previews zum Streamen - mit Portishead, Kings of Leon oder Keane. Die letzten dieser Promotions führten zu hohen Verkaufszahlen am ersten Erscheinungstag.

Morgenpost Online: Sagen sich also mehr Künstler von Labels los?

Woods: Viele Künstler promoten sich selbst. Wir haben das "Artist Royalty Programm" begonnen für Künstler ohne Plattenvertrag. Die kommen mit ihrem Demo aus der Garage, laden ihre Musik auf Last.fm hoch, und wenn sie gehört wird, kriegen sie Tantiemen.

Morgenpost Online: Nehmen sie alles?

Woods: Wir wollen jedes Stück auf unserer Plattform. Der User entscheidet, was er mag. Weltweit haben 450.000 Künstler ihre Songs hochgeladen, die 20 Millionen Mal gestreamt wurden.

Morgenpost Online: Was kriegt ein Künstler?

Woods: Man muss schon richtig erfolgreich werden, wenn man alleine davon leben wollte.

Morgenpost Online: Ist Videostream das nächste Projekt?

Woods: Seit zwei Monaten haben wir den Musikvideokatalog von Universal auf unserer Seite mit allen offiziellen Videos zum Beispiel von Amy Winehouse oder U2. Das wollen wir vorantreiben. Wir haben auch unsere Event-Reihe. Wir filmen Künstler bei ihren Auftritten und machen Backstage-Interviews.

Morgenpost Online: Was sind Ihre Ziele?

Woods: Video ist ein Thema, an dem wir arbeiten wollen. Mobile auch. Und wir arbeiten an einem Abo-Modell mit vollem Zugriff auf den Katalog.

Morgenpost Online: Kaufen Sie selbst noch Platten oder CD?

Woods: Nicht mehr. Ich kaufe aber digitale Musik.