Preußen

Warum Königin Luise ein Idol des Bürgertums ist

Mit ihrem Tod vor 200 Jahren begann der Kult um die Königin. Bis heute hat ihr Mythos nichts von seiner Kraft verloren.

Die Szene trug sich nicht ganz so zu wie Anton von Werner sie gemalt hat. Am 19. Juli 1870, an dem Tag, an dem Frankreich Preußen den Krieg erklärte, besuchte König Wilhelm zusammen mit seinem Sohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm, das Grab seiner Mutter im Charlottenburger Schlosspark. In seinem Kriegstagebuch notiert Friedrich Wilhelm: „Mit dem König fuhr ich wegen des Todestages der Königin Luise nach Charlottenburg, wo wir längere Zeit und recht beklommenen Herzens am Sarge der Großeltern beteten. Beim Hinaustreten sagte ich meinem Vater, dass ein Kampf, der unter solchen Umständen begonnen werde, gelingen müsse. Ich hoffe zu Gott, dass ich richtig vorhergesagt habe.“

Wilhelm war an ihrem 60. Todestag also nicht allein bei seiner Mutter im Mausoleum, sondern in Begleitung seines Sohnes. Dessen Bericht aber gibt deutliche Hinweise darauf, warum der Historienmaler und Geschichtspolitiker Werner seine Darstellung ganz auf das stumme Zwiegespräch zwischen Mutter und Sohn konzentrierte. Die Gemütslage Friedrich Wilhelms ist nicht eindeutig. Der bevorstehende Krieg macht ihm Beklemmungen. Er spricht sich und seinem Vater Mut zu, doch so ganz sicher ist er sich seiner optimistischen Voraussage über den Kriegsverlauf nicht. Vater und Sohn beten nach diesem Bericht am „Sarge der Großeltern“. Sie bewegen sich also in einem familiären, dynastischen Erinnerungssystem. Der Maler aber will einen nationalen Mythos verbildlichen, ein politisches Vermächtnis, das in diesem Moment des Totengedenkens wirksam wird.

Königin der Herzen

Auf Daniel Friedrich Rauchs fotografisch genau wiedergegebene Marmorskulptur der Königin auf dem Totenbett fällt helles Licht und findet auf Wilhelms hoher Stirn einen Widerschein. So inszeniert man in der Historienmalerei Fingerzeige Gottes. Was die „Königin der Herzen“ 1810 mit ins Grab genommen hatte, den Glauben an die Größe Preußens und seine deutsche Mission, geht nun vor dem Entscheidungskampf mit dem „Erbfeind“ Frankreich auf den Sohn über, der kein halbes Jahr später in Versailles von den deutschen Fürsten zum Kaiser des Deutschen Reiches proklamiert werden sollte. Seine besondere Wirkung bekommt dieser Mythos durch seine Intimität, die im Bild dadurch unterstrichen wird, dass der Sarkophag des Vaters, Friedrich Wilhelms III., ganz in den schattigen Hintergrund gerückt wird. Die nationalpolitische Mission Wilhelms ist gleichzeitig ein Akt der Rache für die Beschmutzung der Ehre der Mutter.

Luise nämlich starb der antinapoleonischen nationalen Legende zufolge nicht an Lungenentzündung – tatsächlich erstickte sie erbärmlich -, sondern an gebrochenem Herzen wegen der Demütigungen, die der französische Imperator ihr persönlich und ihrem Land zugefügt hatte. Die nationale Erhebung der Freiheitskriege, die sich Luises sogleich verklärend bemächtigte, brachte zwar das Ende der napoleonischen Herrschaft, nicht aber die Einheit der Nation. Die war das Unerledigte, das in dem nun bevorstehenden Waffengang nachgeholt werden musste. Im Luisenmythos verbinden sich also zwei legitimatorische Erzählungen, die der preußischen Dynastie und die der bürgerlichen Nationalbewegung. Anton von Werner hat das mit meisterlichen Mitteln der Bildpropaganda ins Bild gesetzt.

Man muss sich vorstellen, dass draußen die nationalen Leidenschaften tobten als Wilhelm im stillen Mausoleum Einkehr hielt, und zwar in Deutschland wie in Frankreich, angefacht von den politischen Eliten. Frankreich sah sich durch die spanische Thronkandidatur eines Mitgliedes des Hauses Hohenzollern, des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, herausgefordert. Der französische Außenminister hielt in der Nationalversammlung kriegshetzerische Reden. Er schickte seinen Berliner Botschafter zum König mit dem Verlangen, die Kandidatur zurück zu ziehen, worauf Wilhelm, der alles andere als kriegslüstern war, zunächst in versöhnlichem Ton auch einging.

Das genügte den Franzosen allerdings nicht. Und so musste der Botschafter ein weiteres Mal zu Wilhelm, der in diesen Tagen in Bad Ems zur Kur war, um von ihm zu fordern, dass er als Chef des Hauses eine Kandidatur eines Hohenzollern für den spanischen Thron ein für alle Mal untersage – und diese Zusicherung sei bitte schriftlich zu fixieren. Der preußische König lehnte das ab und berichtete über das Gespräch in einem Telegramm an seinen Ministerpräsidenten Bismarck, der die „Emser Depesche“ leicht redigiert – der französische Botschafter erschien ein wenig impertinenter, der König ein wenig schroffer als sie waren - der deutschen Presse zuspielte, die nun in helle Empörung über die französische Unverschämtheit ausbrach.

Ein nationalgeschichtlicher Wendepunkt

Außer sich vor Wut war allerdings auch die französische Regierung. Sie ordnete die Mobilmachung an. Als Wilhelm nach Berlin zurück fuhr, muss ihm klar geworden sein, dass er sich seiner deutschen Mission wohl nicht länger würde verweigern können An jedem Bahnhof wurde er von jubelnden Massen begrüßt. Am 19. Juli eröffnete er im Berliner Stadtschloss den Reichstag des Nordeutschen Bundes, dessen liberale bürgerliche Mehrheit sich hinter ihn stellte. Dann fuhr er hinaus nach Charlottenburg.

Wenn man heute diese Geschichte der Emser Depesche und des Ausbruchs des deutsch-französischen Krieges erzählt, der ja nun ohne Zweifel ein nationalgeschichtlicher Wendepunkt war, hat man das Gefühl, man blättere in verstaubten Schulbüchern, ja man tue fast etwas Unerlaubtes. Es führt ja auch bekanntlich kein gerader Weg vom damals begründeten ersten deutschen Nationalstaat zur vereinigten Bundesrepublik von 1990, sondern nur einer über Scheitern, Abstürze und Katastrophen.

Luise ist unsere bürgerliche Königin

Wenn man sich allerdings die Fülle von Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen zum 200. Todestag der preußischen Königin Luise vor Augen führt, gewinnt man den Eindruck, als werde der Mythos dieser Frau von vagabundierenden Sehnsüchten neu befeuert, auch wenn Autoren und Kuratoren unentwegt mit dem Werkzeugkasten der historischen Aufklärung hantieren und den Mythos fest mit seiner Funktion verschrauben. Kennt man seine Entstehungsgründe und weiß man von den Absichten, die dahinter stehen, kann man ihm nicht mehr erliegen. Aber so einfach lassen sich solche Erzählungen wie die von Luise nicht ablegen und in Schauvitrinen stellen. Fasst man sie an, gewinnen sie unter der Hand neues Leben.

Es ist heute natürlich nicht mehr Preußendeutschlands Glanz und Gloria und auch kaum noch ein tief im Geschichtlichen wurzelndes Nationalgefühl, was zu rumoren beginnt, wenn man in den kühlen Dämmer des Charlottenburger Mausoleums eintaucht, wo Rauchs Marmor-Luise immer noch zu atmen und jeden Moment aufzuwachen scheint. Der Mythos sortiert sich neu. Die Mutter der Nation wird zur Ikone einer neuen Bürgerlichkeit.

Die geplagten Angehörigen der emanzipierten, urbanen Mittelschicht finden ihre Anknüpfungs- und Identifikationspunkte bei Luise in ihren aussichtslosen täglichen Kämpfen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Ehe und Erotik, sozialer Distinktion und sozialer Verantwortung. Luise, die „bürgerliche“ Königin, die modische Avantgardistin, die „fortschrittliche“ Mutter, das stilbewusste Familientier – Preußens Luise ist anpassungs- und anschlussfähig. Und sie weiß, wie sich ein Mythos zu benehmen hat, sei es auf dem Schlachtfeld von Sedan oder sei es in den Cafés von Berlin-Mitte.