Neue CDs

Die Pogues – wahrhaft feuchtfröhlicher Folk

Das Angebot ist enorm, jeden Freitag landen die neuen Pop-CDs in den Läden und auf den Download-Seiten. Morgenpost Online bespricht die wichtigsten neuen Platten der Woche. Heute: Die Plattenfirma Rhino gibt aus ihrem Archiv Folk-Schätze der Pogues preis und Sam Sparro lehrt lässige Entspanntheit.

Foto: AFP

U2: Boy, October, War (Island)

Dass U2 drei Alben lang eine bemerkenswerte Rockband war, glaubt einem heute keiner mehr. Schon deshalb sind die drei erweiterten Neueditionen zu begrüßen. „Gloria“ war Rock gewordener Katholizismus. Flageoletts und Echos waren noch verblüffende Gestaltungsmittel. Von zwei skandalösen Hüllen schauten nackte Jungs. Der Postpunk-Nihilismus war vorüber. Und Steve Lillywhite war Produzent. U2-Musik wurde zum Tanzen abgemischt, zum Beispiel U2s „New Years Day“ von Ferry Corsten, und danach wurde tatsächlich auch getanzt.

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The Pogues: Just Look Them Straight In The Eye And Say... Pogue Mahone! (Rhino)

Die Plattenfirma hat der feuchtfröhlichsten Folkband aller Zeiten 1984 untersagt, sich Pogue Mahone zu nennen. „Póg mo thóin“ ist gälisch und bedeutet: Küss mir meinen Hintern. Vielleicht hätte die Verballhornung zu „Pogue Mahone“ kein Mensch verstanden.

Plattenfirmen mahnen allerdings traditionell zur Vorsicht. Zimperlich gingen die Pogues mit sich und ihrer Zielgruppe eher selten um. Die Bandkarriere war ein einziges Gelage, dessen irritierender Höhepunkt darin bestand, den Sänger wegen seiner Trunksucht zu entlassen. Shane MacGowans Zähne boten keinen schönen Anblick. Doch der Sänger hauchte dem von Hippies ruinierten Folk eine Art Seele ein, was auf den Platten nicht immer zu hören war.


Heute verdient die Plattefirma ungeteiltes Lob, sie hat die Schätze aus ihrem Archiv gehoben. Fünf CDs, verbunden mit dem titelgebenden Aufruf, „Pogue Mahone“ in jedes ratlose Gesicht zu lallen. Man kann ungereinigte mit radiofreundlichen Versionen vergleichen. Man hört Heimaufnahmen, Dubs, Joe Strummer, Filmmusik, John-Peel-Sitzungen und Rod Stewarts „Maggie May“ als Folkfassung im Vollrausch. Im Begleitbuch ist sogar die Handschrift einer imponierenden Getränkeliste abgedruckt.

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Eliza Carthy: Dreams Of Breathing Underwater (Topic)

Topic war die erste unabhängige Plattenfirma, 1939 wurde sie von englischen Gewerkschaftern gegründet. Dass Eliza Carthy dort ein weiteres großartiges Folkalbum veröffentlicht, ist für die Tochter Norma Watersons und Martin Carthys Ehrensache. Schließlich hat der Folk die Utopien heimlich aufbewahrt, jetzt herrscht wieder Bedarf.

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Walter Becker: Circus Money (Ryko)

Was ist das denn? Ohne Donald Fagen, also nicht für Steely Dan, nimmt Walter Becker griesgrämigen Reggae auf. Aber er hat ja recht: Die Schatten waren in der jamaikanischen Musik schon immer interessanter als die Sonne.

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CSNY: Déjà Vu Live (Reprise)

Für eine Antikriegstournee hat es Neil Young sogar geschafft, vier Woodstock-Veteranen auszusöhnen. David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash begaben sich mit ihm noch einmal auf die Reise durch Amerika. Neil Young drehte den Film dazu. Im Film wurde vor allem protestiert, die Politik hat sich vor die Musik geschoben. Nun ist nur noch die erhabene Musik zu hören, zu der rüstige Althippies noch immer fähig sind. Vier umeinander klingelnde Gitarren, knabenhafte Kantilenen und Geschichten über rätselhafte Déjà-vu-Erlebnisse und Holzschiffe. Man hört die Gäste nur vereinzelt schimpfen, wenn es zu politisch wird. Michael Pilz

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Sam Sparro: Sam Sparro (Island)

Sam Sparro wirkt wie ein Typ, der einem schnell auf den sprichwörtlichen Sack gehen kann. Einer, der immer alles selbst, und sofort, und total kreativ, und multiinstrumental, und so weiter, machen muß. Mindestens die Hälfte der Dinge treffen wirklich auf ihn zu: sein gleichnamiges Debüt hat der 25 Jahre alte Australier selbst geschrieben, produziert, eingespielt, selbstredend genreübergreifend, und noch schnell das Cover erworfen. Und der Vater? Gospel-Sänger! Naturgemäß handelt es sich um blanken Neid, daß Sam Sparro so eine Kracherstimme hat. Funksoul brother. Das Album ist auch zu lässig, um elektronisch zu sein. Sparro beherrscht die Piano-Nummer für den gepflegten Lounge-Cocktail („Cottonmouth“), wie digitalen Krautrock („Pocket“), ohne pulsierende Clubhits („Black And Gold“) zu unterschlagen. Wie er das alles macht? Schwierig zu sagen. Was er macht? Spaß.

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The Hold Steady, „Stay Positive“ (Rough Trade/Beggars Group)

Mit Lob darf nicht gegeizt werden für heart und soul: The Hold Steadys neues Album nimmt all die Dynamik mit, die eine Band auf Tour mit sich bringt. Anstatt sich auszuruhen nach all den Konzerten, packt die 2002 in New York gegründete Band noch mehr auf die Schüppe, mit der sie sich zu den Herzen der Zweifelnden vorgräbt, und veröffentlicht ihr viertes Album in fünf Jahren. Ihr Punkrock gemahnt weiterhin lyrisch und klanglich an Bruce Springsteen samt E Street Band, genauso wie an die Replacements.

Scharfe Rockstücke, zuweilen orgeluntermalt, die auf euphorische, mehrstimmige Refrains zulaufen, das ist ihr Ding. Es mag pathetisch klingen, doch der Trick von The Hold Steady ist, daß sie denen frischen Glauben schenken, die Eucharistie mit Zigaretten und Alkohol begehen. Und wenn dieser Glaube auch nur als donnernder Rock’n’Roll daherbraust. Daniel-Constantin Schmidt