Natürlich könnte Beck auch einfach ein Streber sein. Schließlich startete der kalifornische Sänger seine Karriere 1994 schon mit dem Soundtrack zur Generation X, die Douglas Coupland gerade in seinem gleichnamigen Roman erfunden hatte. Die Hymne zum selbst gewählten Versagertum hieß "Loser", verband leiernde, schlaffe Folkgitarren mit Hip-Hop-Beats und wirkte so cool, dass es fast wehtat: "Ich bin ein Versager, Baby, warum bringst du mich nicht um?"
Das dazugehörige Album "Mellow Gold" reizte diese Vorgaben aus und machte den damals 24-Jährigen zum Helden einer vieldeutigen Popmusik, der in Soundpiratenposse alle erreichbaren Stile plünderte. Beck verwandelte den klassischen Singer-Songwriter zum Sampler-Songwriter. Als solcher veröffentlicht er gerade sein achtes Album für ein Major-Label. "Modern Guilt" heißt es, und kommt, wie vieles in seinem Schaffen, nicht ohne selbstironische Geste aus: "Ich bin nur ein Bauer im menschlichen Genom", raunt er auf dem Titelstück, das zu flottem Schunkeln von Kälte und Verunsicherung berichtet. "Keine Ahnung, was ich getan habe. Aber ich schäme mich."
"Loser" war eine grelle Neuigkeit
Zunächst klingt das Album deutlich psychedelischer als gewohnt, bleibt aber dennoch ganz im bewährten Feld zu Hause, das Beck seit 15 Jahren mit einem originellen wie oft auch bemühten Angeber-Mix aus Folk, Country, Easy Listening, Rock und Hip-Hop bestellt. Diesmal liegt er wieder deutlich im originellen Bereich. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ihm das Revival einiger wohlbekannter Trends natürlich zugutekommt.
Als Pastiche, die Imitation historischer Stile, kann man das etwa im aufgemotzten Pop von Sängerinnen wie Amy Winehouse und ihren Freundinnen entdecken oder im hysterischen Retrofuturismus von Gnarls Barkley. Deren Produzent Dangermouse alias Brian Burton landete schon 2004 einen Coup im Netz, als er illegalerweise das "Black Album" von Rapstar Jay-Z mit dem weißen Album der Beatles zu seinem "Grey Album" mixte. Nun hat Beck ihn verpflichtet, um ein Album mit 60er-Jahre-Rock einzuspielen.
Weil es immer scheint, als bewege sich Beck mit einer sehr abgeklärten Haltung durch seine Alben, verkennt man vermutlich die Bedeutung seiner Zuarbeiter. Denn zu Beginn verteilte er den Eklektizismus noch auf verschiedene Werke. So erschienen fast zeitgleich mit "Mellow Gold" zwei Independent-Alben mit sauber nachgebautem Blues und Folk. "Loser" wirkte zunächst vor allem als grelle Neuigkeit.
Erfolg in allen Genres
Die chamäleonhafte Sicherheit im Umgang mit den unterschiedlichsten Ansätzen, die ihn zum Star gemacht hat, zeigte sich erst 1996 auf dem Zweitling "Odelay", seinem bis heute nachhaltigsten Werk. Für "Odelay" holte sich Beck das Produzentenduo Dust Brothers, das ein paar Jahre zuvor mit dem Meisterwerk "Paul's Boutique" die Beastie Boys für ein Independent-Rock-Publikum neu erfunden hatten. Gemeinsam plünderten sie zu Hip-Hop-Beats die Popgeschichte von Country-Zitaten über Rockriffs zu Van-Morrison-Samples und variierten ebenso könner- wie kennerhaft die stilistische Ausrichtung.
Fast zehn Jahre später, 1995, halfen ihm die Dust Brothers bei "Guero", das mit "Odelay" bis heute sein erfolgreichstes Album ist, was Beck mit einem Remix-Album noch ein wenig auskostete. Ein Grund für den Erfolg war sicherlich die etwas angeberische Art, mit der die beiden Alben ihre auseinanderstrebenden Einflüsse zu einem funktionstüchtigen Stil verbanden, den man verkürzt als musikalisches Aufmerksamkeitsdefizit beschreiben kann. Doch Beck konnte auch monothematisch arbeiten. "Midnite Vultures" war 1999, ebenfalls gestützt von den Dust Brothers, eine Verbeugung vor der Funktradition und Prince im Besonderen.
2002 folgte mit "Sea Change" eine akustisch sparsam ausgestattete Folk-Hommage auf Nick Drake, den 1974 an überdosierten Antidepressiva gestorbenen Großmelancholiker des britischen Folk. Produziert hatte wie schon "Mutations" Nigel Godrich, der britische Großproduzent, der hinter dem Erfolg der Progrocker Radiohead stand. Auch das gelungene, Krautrock-beeinflusste "The Information" entstand unter Godrichs Supervision.
Er überlässt nichts dem Zufall
Beck ist fraglos ein ebenso talentierter wie enzyklopädischer Songwriter. Der stilistische Eigensinn und die Nonchalance, mit der er entsprechende Identitäten vor sich her trägt, erinnern an die Mimikry David Bowies und die Wendungen in der Karriere Bob Dylans. Letzterem hat er auch den Hang zu verrätselten Texten abgeschaut, die zwischen Sozialkritik, Ironie und oft purem Nonsens changieren.
Bei aller scheinbaren Beiläufigkeit ist er natürlich auch ein begabter Blender, der hart an seinem coolen Image arbeitet. Was sich nicht nur daran zeigt, dass er oft jahrelang an seinen Alben sitzt und akribisch Samples und Stile sucht und mischt. Auch Covergestaltung, Gästewahl und Nebenjobs werden sorgfältig auf schicke Effekte getrimmt. Zum je richtigen Zeitpunkt tauchen Musikgrößen wie Smiths-Gitarrist Johnny Marr oder Bluespunk Jack White auf. In Cameorollen besetzt er als zeitgemäße Markierungen Leute wie die Schauspielerin Christina Ricci, den Schriftsteller Dave Eggers oder den Videoregisseur Spike Jonze.
Er spielt ausgiebig mit Coverideen und Videoästhetik. Für "The Information" gab es eine DVD-Beilage, auf der er zu jedem Song einen lustigen Billig-Clip gebastelt hatte, während den offiziellen Clip für "Cellphone's Dead" der französische Frickel-Regisseur Michel Gondry drehte. Eine Welttournee lang teilte Beck die Bühne mit lebensgroßen Marionetten, lieh seine Stimme seinem Doppelgänger im giftigen Filmcomic "Futurama" und veralberte sich selbst in diversen Auftritten der Satireshow "Saturday Night Live".
Ein unmissionarischer Scientologe
Die Biografie klingt ausgedacht. Wie er in einem sozialschwachen Viertel von L.A. aufwächst, Latin-Sounds von der Straße hört und vom Wohnzimmer die Soundtracks des Vaters David Campell, eines Arrangeurs und Geigers. Wie er seine Vorliebe für trashige Sounds vom alles verwertenden Fluxus-Konzept des Großvaters Al Hansen ableitet und mit vierzehn die Schule verlässt, um von Mutter Bibbe Hansen allein erzogen zu werden, die früher zur Factory-Szene Warhols gehörte. Überraschend konnte ihm sogar die erneuerte Mitgliedschaft bei den komischen Scientologen nichts anhaben.
Der Sekte gehört er - wie seine Frau, die Schauspielerin Marissa Ribisi, mit der er zwei kleine Kinder hat - in zweiter Generation an, Bibbe Hansen half angeblich sogar bei der Geburt von Becks Frau. Das klingt natürlich nicht so hip, allerdings steht er mit dem Religionstick nicht allein da, wie die Gurus der Beatles, das Christentum Dylans oder Madonnas hausgemachte Kabbalalehre zeigen. Immerhin behelligt Beck, im Gegensatz zu Tom Cruise, niemanden mit seinem Glaubenskram.
Das heißt, es könnten sich durchaus seltsame, rückwärts eingespielte Botschaften in den Stücken von "Modern Guilt" verbergen. Denn die dominanten Einflüsse kommen diesmal aus den psychedelischen Sixties, von den spacigen Sounds der frühen Pink Floyd, der wattigen Wolkigkeit von Aphrodites Child oder der wirren Süße der mittleren Byrds.
Er ist eine Maschine
Becks Stimme weht, gelegentlich gedoppelt von Südstaaten-Blueserin Cat Power, ein ums andere Mal wie durch LSD-Nebel heran und offen bleibt jeweils, ob schmelzende Polkappen und kleine Gammastrahlen umweltbewusst oder nur bewusstseinserweiternd sind und ob er in den "Chemtrails" der Verschwörungstheorie huldigt, die in den Flugzeugabgasen biologische Experimente wittert. Oder ob er nur ein paar Drogen besingt. Sicher ist, dass es ihm dank seines New Yorker Produzenten Dangermouse einmal mehr gelingt, geschickt seinen Stil aufzumöbeln, in den sich dessen patinöse, rauschende Samples aus obskurem Sixties-Rock, Easy Listening und Soundtracks gut fügen.
"Modern Guilt" klingt wieder angenehm ermattet, ganz nach dem lässigen Hipster, den Beck seit 15 Jahren gibt. In ersten Interviews bewundert Dangermouse Becks tiefe Kennerschaft obskurer alter Popmusik. Noch mehr beeindruckt ihn jedoch die schiere körperliche Leistung. "Er ist eine Maschine" zitiert ihn "Musikexpress". Eine der lustigen Paradoxien Becks: vom Loser zum Star, mit harter Disziplin zum überzeugenden Drogensound. Der ewige Hipster könnte einfach ein Streber sein.
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Beck: "Modern Guilt" (XL Recordings)




