Im Hunsrück, am Pfingstsonnabend 1964. Diethart Kerbs, ein Aktivist der Autonomen Jungenschaft, betritt die Bühne und erörtert die Beweggründe für ein Folklorefestival: „Wir haben uns gefragt, warum wir in unseren Breiten keinen Pete Seeger und keine Joan Baez haben.“ Nach dem deutschen Dylan haben sich die Organisatoren gar nicht erst gefragt. Das Rätsel wurde trotzdem nie gelöst, auch das Problem nicht.
Vielleicht war die Frage falsch gestellt: Was vor der Burgruine Waldeck stattfand, hatte seine Ursprünge bei den Nerother Wandervögeln, also in Naturromantik und Reformbewegung. Deutsche Bürgerkinder suchten vor den Zumutungen der Moderne Zuflucht im Gesang, im Wald und auf der Heide. In Amerika fühlten die Sänger sich dem Kleinen Mann verpflichtet, seinen Kümmernissen und den Umständen, die dazu führten. Folksongs stammten aus dem Volk und flossen in den Sechzigerjahren in den Strom der Popmusik zurück. Auch durch jene von Diethart Kerbs genannten Künstler. Deutsche Folkloristen wurden Liedermacher. Sie wirkten als Volkserzieher und verfertigten auf rechtschaffene Weise Lieder.
Waldeck fand bis 1969 statt, zwar nicht als „Deutsches Woodstock“ wie es gern beschworen wird, aber als Keimzelle der Festivalkultur. Ohne Burg Waldeck gäbe es weder das TFF in Rudolstadt noch Wacken oder Rock am Ring. Schon deshalb sind die 10 CDs, und ein erschöpfendes Buch im Schuber kaum genügend zu würdigen, die das Label Bear Family aus Holste-Oldendorf veröffentlicht. „Die Wiege der 68er“ wurde noch eilig aufs Paket geklebt. Nach 40 Jahren wird nicht ganz so hitzig debattiert wie damals. Von einer versöhnlichen Erinnerungskultur kann allerdings auch keine Rede sein.
Zunächst, bis 1968, wurde bei Burg Waldeck ohne Zwischenfälle engagiert gesungen, beim „Bauhaus des Liedes“. Selbstverständlich ging es auch beim Singen darum, den Kulturbruch der NS-Zeit rückwirkend zu überbrücken. Arno Breker, Hitlers Heldenbildhauer, gestaltete das Festplakat. Aus Fingerabdrücken wurden bei Breker freche Notenvögel. Peter Rohland, ein gestandener linker Jugendbündler, leitete das Festival mit jiddischer Folklore ein. Der Kaufmannslehrling Reinhard Mey sang „Pour un peu de tendresse“ von Jacques Brel. Und Fasia Jansen, eine dunkelhäutige Hanseatin, lieh Wolf Biermann, der im Osten festsaß, ihre Stimme. Die „Ballade vom Briefträger William L. Moore“ zählt nicht zu Biermanns stärksten Liedern. Aber schließlich ging es um die Rassenfrage in Amerika, und mit Amerika war das so eine Sache von Burg Waldeck aus betrachtet: Amerikaner sangen eindrucksvoller Folk, aber die Welt begann unter der Popkultur Amerikas zu ächzen.
Einerseits bemühten sich die Waldecker um Anschluss an die folkloristischen Bewegungen in aller Welt. „Chansons Folklore International“ stand auf den Arno-Breker-Postern. Andererseits wurden die Waldecker vom tief sitzenden bürgerlichen Ekel vor dem Pop beherrscht. Franz Josef Degenhardt besang den unlösbaren Widerspruch als erster, 1966, im Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Es war nicht nur so, dass sich „der Arbeiter“ nur ungern von bebrillten, faselnden Naturromantikern befreien ließ. „Der Arbeiter“ verließ sich lieber auf den eigenen Geschmack und suchte seine Freiheit in der Popmusik. Die Folkloristen blieben unter sich. Es ging dem Waldeck-Zirkel wie den FDJ-Studenten in den Singklubs der DDR.
Noch 1968 war das deutsche Liedgut nicht gerettet. Degenhardt sang: „Tot sind unsre Lieder/ Unsere alten Lieder/ Lehrer haben sie zerbissen/ Kurzbehoste sie verklampft/ Braune Horden totgeschrien/ Stiefel in den Dreck gestampft.“ Im Juni 1968 schmetterten Odetta und Phil Ochs lebendige, alte Folksongs aus Amerika über die Hügel. Doch es half nichts. Rudi Dutschke hatte in Berlin das Krankenhaus verlassen. Diesmal war es Walter Moßmann, den Wolf Biermann telefonisch in ein Lied einwies. Mit bebender Stimme brachte Moßmann den versammelten 68ern „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“ zu Gehör.
Dafür wurden die Auftritte Hanns Dieter Hüschs und Reinhard Meys von Störenfrieden unterbunden. Heftig diskutierten die Parteien, ob die Diskussion nicht generell jede Musik ersetzen sollte. „Sänger werden bei revolutionären Aktionen nicht mehr benötigt“, stand auf einem Spruchband. Eine „Basisgruppe Waldeck“ unterrichtete per Flugblatt: „Die Chansonbewegung sinkt im Augenblick ihrer Negation zur partiell-reaktionären Position herab. Sie zieht Kräfte ab, die an der Front dringend gebraucht werden.“ Vielleicht hätten die Kräfte, die von allen Seiten an den Liedern zerrten, auch der deutschen Popmusik geholfen.
1969 musizierten zwischen Hannes Wader und Rolf Schwendter schließlich Gruppen mit elektrischen Gitarren. Die „Psychedelische Improvisation“ von Xhol Caravan kam ohne Botschaften und Worte aus und hinterließ die letzten Pilger von Burg Waldeck einigermaßen ratlos. In der „Zeit“ berichtete damals Klaus Theweleit: „Die Beatbands waren nicht eingeladen, um nach den Diskussionen zu Vergessen und Tanz aufzuspielen, sondern unter dem Aspekt, wie Beat für die politische Agitation nutzbar gemacht werden könne. Das ging schief.“
Michael Kleff (Hg.): Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969. Bear Family. 10 CDs, Buch 240 S., ca. 95 Euro.



