Neu auf CD

Marilyn Manson erfreut sich an grobem Unfug

Der Antichrist-Superstar ist zurück: Marilyn Manson treibt mit seinem aktuellen Album wieder eine ganze Reihe von Dämonen aus. Und das klingt richtig gut. Dagegen geht den Simple Minds die Puste aus, und auch Grizzly Bear waren mal besser. Morgenpost Online bespricht die Platten der Woche.

Marilyn Manson: The High End Of Low (Interscope)

In Deutschland hieß Brian Warner bisher nicht nur Marilyn Manson. Er trug den besonderen Beinamen „Skandalrocker“. Das ist nun auch Geschichte. Beim Grand Prix des Schlagers durfte Dita von Teese, seine frühere Gemahlin, nackt für Deutschland auf Platz 20 landen. Manson selbst tritt immer noch als Klon aus Micky Maus und Adolf Hitler in Erscheinung. Aber heute findet niemand mehr etwas dabei. Zu Recht. Sein Album ist ein Freudenfest des groben Unfugs. Einen Song wie „Pretty As A Swastika“ hätte Mel Brooks nicht besser hinbekommen. Weitere Quatschsongs heißen „Arma-Goddamn-Motherfuckin’-Geddon“ und „I Want To Kill You Like They Do In The Movies“. Twiggy Ramirez, Mansons künstlerischer Zwilling, ist zurück am Bass, sein Chef trägt heute Schneidezähne aus Metall. In „We’re From America“ bittet der Gottseibeiuns stellvertretend für den Herrn im Himmel um Entschuldigung. Das Kreuz hängt zwar verkehrt herum, aber der Pop steht wieder auf den Füßen.

4 von 5 Punkten

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Grizzly Bear: Veckatimest (Warp)

Im Freak-Folk gibt man sich gern Tiernamen. Warum auch immer. Edward Drostes festliche Musik sollte zumindest nicht verharmlost werden. Seine Band, die er in Brooklyn um sich schart, heißt Grizzly Bear und schichtet analogen Folk mit digitalen Mitteln, bis einem ganz seltsam wird von der Gesangspolyphonie und sonstigen Geräuschen. Droste findet jetzt sogar Gefallen an der Liedform. Was der Kauzigkeit aber kaum schadet.

3 von 5 Punkten

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Archive: Controlling Crowds (Warner)

Anspruchsvolle Rockbands treten, wenn sie nichts dagegen tun, nach 15 Jahren in ihre Pink-Floyd-Phase. Die Londoner Gruppe Archive hat sich anfangs reduzierter Clubmusik gewidmet. Heute geht es um das große Ganze, musikalisch und konzeptionell, um Rock und Rap, um Masse, Macht, Kontrolle, „Clones“, „Collapse“ und „Chaos“. Und wenn alles durchgestanden ist, wird ein Begräbnislied gesungen mit dem sachdienlichen Hinweis, dass es soweit gar nicht hätte kommen müssen.

2 von 5 Punkten

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Simple Minds: Graffiti Soul (MCA)

Was darf man von den Simple Minds nach 30 Jahren noch erwarten? Dass ihre Gitarren hallen, weil ihre natürliche Umgebung Mehrzweckstadien sind und Benefizarenen. Dass Jim Kerr darüber singt, dass nicht die Stars den Weg weisen sondern die Sterne. Und dass alle väterlichen Ratschläge verpackt werden in einer Hülle mit modernem Kratz-Graffito. Auch U2 sind ja noch da. Man hat sich an die Simple Minds gewöhnt, die lebensbejahende Leere und den politikverdrossenen Pomp. Nicht mal der deutsche Fußball wäre vorstellbar ohne ihr „Belfast Child“-Geflöte in der Brauereiwerbung. Wo sollten sie sonst hin mit sich?

1 von 5 Punkten

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Sinéad O’Connor: I Do Not Want What I Haven’t Got (Chrysalis)

Bevor sich Sinéad O’Connor in die Kunst des Nervensägens stürzte, Papst-Lichtbilder schändete und christliche Erbauungsplatten aufnahm, war sie eine ernst zu nehmende Sängerin. Ihr zweites Album söhnte 1989 Clubmusik, verbitterten Doc-Martens-Pop und keltische Folklore miteinander aus.

Die Neuauflage unterstreicht in ihren Zugaben die frühe Reife der verblassten Irin. Überzeugend singt sie „Mind Games“ von John Lennon, „Night Nurse“ von Gregory Issacs und ihr eigenes „Troy“, das sie als Hymne gegen Lug und Trug verfasst hat und in London hinreißend hysterisch vorträgt.

4 von 5 Punkten

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5 Punkte: Meilenstein

4 Punkte: Sehr empfehlenswert

3 Punkte: Solide

2 Punkte: Eher schwach

1 Punkt: Ziemlich missraten

0 Punkte: Totales Desaster