Schockrocker-Schnaps

"Mansinthe" ist Marilyn Mansons Hausmarke

Eine Mischung aus Wermut, Anis und Fenchel bildet den Grundstoff für den Hochprozentigen, den sich Marilyn Manson am liebsten einschenkt: Absinth. In einem Schweizer Dorf lässt der amerikanische "Schockrocker" seine eigene Marke "Mansinthe" produzieren – ein Verkaufsschlager, nicht nur bei Manson-Fans.

Oberhalb von Kallnach, am Ostrand des Großen Moores, blökt eine Herde Schafe im Schnee. Ein Fremder, der mit den Tieren hinab auf Dorf und Kirchturm blickt, ahnt kaum, dass ein so genannter Schockrocker hier in aller Munde ist – Marilyn Manson, der auf der Bühne gern den "Antichrist Superstar" gibt. Dem amerikanischen Sänger und seiner Musik wurden unter anderem die Schuld zugeschoben am Highschool-Massaker von Columbine, Colorado.

In Kallnach im Berner Seeland in der Schweiz spricht niemand schlecht von Marilyn Manson. "Der weiß was, der ist intelligent", urteilt Oliver Matter über ihn. Matter ist Chef der ortsansässigen Brennerei Matter Luginbühl AG. Zusammen mit Marilyn Manson hat er im Sommer vor zwei Jahren einen gemeinsam entwickelten Absinth auf den Markt gebracht: "Mansinthe" kommt im In- und Ausland blendend an. 12.000 Flaschen setzte Matter im vergangenen Jahr ab und verdiente damit die Hälfte seines Umsatzes. Das kam überraschend für Matter, dessen Betrieb nur sechs Vollzeitangestellte zählt: "Absinth ist schließlich ein Nischenprodukt."

Das Getränk für lebhafte Träume

Im Laden der Metzgerei Meyer im Mitteldorf von Kallnach steht Mansinthe im Holzregal zwischen Tempranillo-Rotwein und Bacardi-Rum. 49 Franken, etwa 33 Euro, kostet die Flasche mit 0,7 Litern Inhalt. "Er verkauft sich sehr gut", betont Inhaber Fritz Meyer. Er versorgt in seinem Laden die Anwohner auch mit Eiern, Lauch, Waschpulver und Glühbirnen – und mit Würsten mit Absinth-Aroma. Der Metzger selbst ist kein Fan des Wermutschnapses: "Er schmeckt nach Kaugummi, schon etwas speziell."

Die Brennerei von Oliver Matter liegt am Dorfrand neben der Bahnlinie, zwischen Bauernhäusern und Pferdeweiden. Ein Tankwagen parkt hinter dem Lagerhaus. Durch eine offene Tür führt ein Schlauch ins Innere der Brennerei. In runden Kupferkesseln destilliert Oliver Matter hier Absinth, Obstbrand und Likör in vierter Generation. Das Rezept für seinen Absinth fand Matter zwischen Papierstapeln, die er von seinem Urgroßvater erbte. "Es stammt wahrscheinlich von einem Schwarzbrenner", vermutet Oliver Matter. Wahrscheinlich hatte der Schwarzbrenner Schulden bei Matters Vorfahr und zahlte sie mit dem Rezept ab.

Wermut, Anis, Fenchel und weitere Kräuter bilden die Hauptkomponenten für den Schnaps, den sich Marilyn Manson gern am Abend einschenkt. "Ich träume äußerst lebhaft", erzählte er vor einer Weile in einem Interview. "Vielleicht liegt es daran, dass ich vor dem Einschlafen Absinth trinke." Seine Kreation Mansinthe enthält 66,6 Prozent Alkohol, keine künstlichen Farbstoffe und kommt ohne Vorzuckerung aus – ein reiner Absinthe Verte. Die meisten Zutaten wachsen in der Umgebung von Kallnach, in dessen Nähe im 18. Jahrhundert auch die ersten Absinthe gebrannt wurden.

"Ich mag keine Drogen, aber die Drogen mögen mich"

Fünf verschiedene Muster schickte Oliver Matter dem Rocker zu Beginn ihrer Zusammenarbeit. An einem der Prototypen arbeiteten sie weiter, dann musste es plötzlich schnell gehen: Weil Manson die ersten Flaschen bei einer Vernissage seiner Aquarellbilder in Köln servieren und verkaufen wollte, legte Familie Matter im Juni 2007 Nachtschichten ein – mit Erfolg: Die Kräutermischung kam an. Nur das Etikett malte Manson noch einmal neu. Jetzt zeigt es einen trinkenden Mann, grünlich schimmernd, der dem Künstler ähnelt: Der tritt öffentlich gerne wie ein Vampir auf – mit einer milchig-weißen Kontaktlinse, tätowiert, gepierct und leichenblass geschminkt. Einer von Mansons Songs trägt den Titel "I Don’t Like The Drugs (But The Drugs like me)" – Ich mag keine Drogen, aber Drogen mögen mich.

Lange Zeit war Absinth verrufen: Das Getränk, wegen des enthaltenden Chlorophylls auch "grüne Fee" genannt, löse Halluzinationen aus, spalte den Geist, mache verrückt, hieß es im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert, als sich Künstler wie Van Gogh, Rimbaud, Hemingway und Oscar Wilde über die Maßen an dem Getränk der Bohème berauschten. "Absinthismus" war damals eine vor allem in Frankreich verbreitete Krankheit, deren Ursachen wohl in erster Linie an der konsumierten Menge und an der Minderwertigkeit des Alkohols lagen.

Erst seit 1998 darf Absinth wieder in der EU verkauft werden, seit 2005 in der Schweiz. Mansinthe gewann schon 2008 die Goldmedaille – bei der San Francisco World Spirits Competition, dem weltgrößten Wettbewerb für Schnäpse und Liköre. Doch trotz der Auszeichnung kann Mansinthe nicht problemlos in die USA exportiert werden. "Wir müssen in jedem Staat einzeln die Zulassung beantragen. Das dauert ewig", erklärt Markus Lion, Absinthhändler aus Südbaden, der mit Matter und Manson seinen Lieferanten mit seinen langjährigen Kunden zusammenbrachte: "Uns kam die Idee nach einem Konzert in Basel", sagt Lion. "Oft sind es Leute mit überdurchschnittlicher Kreativität, die Absinth als Zündfunken nutzen", gibt er an.

Beat Läderach, Gemeindeoberhaupt von Kallnach, kennt das aktuelle Album "Eat Me, Drink Me" von Marilyn Manson nicht, aber freut sich über die Zusammenarbeit des Schockrockers mit dem Seeländer Schnapsbrenner: "Das ist nichts Alltägliches. Und es bringt den Namen Kallnach in die Welt." Noch hat Marilyn Manson das Dorf und seine 1500 Einwohner nicht besucht. Doch im Flur von Matters Brennerei hängt schon ein Foto von Marilyn Manson mit dem Ehepaar Matter.