Musik

Radiohead – Verkaufsgenies oder nur präpotent?

1,2 Millionen User haben die Homepage besucht, auf der das neue Radiohead-Album zu finden ist. Ist diese Internet-Vermarktung eine geniale Strategie oder einfach albern? Auf jeden Fall hat die Absage der Band an die Major-Labels Signalwirkung: Auch andere Künstler zieht es ins Netz.

Foto: afp

Reden wir kurz über die Musik des neuen Albums von Radiohead. Obwohl die Britrocker selbst ihre Kernkompetenz mittlerweile eher im Marketingbereich zu suchen scheinen, gilt „In Rainbows“ immerhin als ihr bestes seit „OK Computer“, das vor zehn Jahren den frickligen Post-Rock stadionfähig machte. Was also nicht unbedingt viel heißen muss.

Bei Radiohead scheiden sich die Geister recht deutlich, nicht umsonst werden sie gerne als die neuen Pink Floyd gehandelt. Wobei „In Rainbows“, das siebte Album, einen mäßig experimentierfreudigen, progressiven Rock vorführt, bestimmt von Schichten aus Gitarrenakkorden und -Seufzern, seltsamen Geräuschen und wabernder Elektronik.

Eigenes Marketing als präpotente Geste

Oft bedient er sich der von britischen Kritikern so genannten „Motorik“ deutscher Krautrocker der Siebziger, also raffinierten, hypnotischen und dünn tuckernden Rhythmen von Bands wie Can, Neu! oder Harmonia. Dazu kommt Thom Yorkes hell-heulender Gesang, der durch die dicht texturierten, spacigen Nebel wandert.


Was einerseits nicht unintelligent und oft auch interessant klingt, mit seiner melancholischen Blasiertheit und angeberischen Schlaumeierei aber auch gehörig nerven kann. Ein kleinster gemeinsamer Nenner zwischen Anspruch und Breitenwirkung, der in der Vergangenheit viele Millionen verkaufter Alben brachte.


Auch das Marketing von „In Rainbows“ wirkt bei genauer Betrachtung weniger richtungsweisend als präpotent. Die Band verließ ihre Majorfirma EMI mit dem Vorwurf der musikalischen Inkompetenz, um ihr neues Album seit Oktober selbst und ausschließlich über ihre Website zu vertreiben.

Album drei Monate in der Diskussion halten

Der für die Branche obszöne Clou dabei: Wer das Album herunterlud, konnte selbst entscheiden, wieviel Geld er der Band dafür überweisen wollte. Wem andererseits der stark komprimierte Download zu schäbig war, für den gibt es bis 10. Dezember eine CD-Box zu bestellen, die nicht nur Booklet und luxuriöses Cover, sondern auch acht zusätzliche Songs enthalten wird. Zum Preis von nicht verhandelbaren 57 Euro.

Erst Ende des Jahres wird es reguläre Laden-CDs geben, für die sich die Band mit dem schicken Indie XL, Heimat der White Stripes, MIA und Devendra Banhart, zusammengetan hat.

Nun liegt gewiss ein Erfolg der Strategie bereits darin, ein Album über drei Monate in der Diskussion zu halten. Ob sich der Online-Coup jedoch finanziell ausgezahlt hat, darüber wird zur Zeit ebenso heftig spekuliert wie über die Frage, ob sich das Modell auf den gesamten Markt übertragen lässt.

Oasis würden lieber sterben, als Musik zu verschenken

Die Bilanzunschärfe liegt zum einen an der Band, die das Unternehmen als Erfolg verbucht, aber keine Zahlen nennt. Und an der Interpretation der Zahlen, die kursieren. Denn es scheint, als ob von den über 1,2 Millionen Usern, die auf der Seite vorbeischauten, knapp vierzig Prozent das Album auch kauften und dabei im Durchschnitt sechs Dollar zahlten. Was zwar nicht den Erlösen der erfolgreichsten Radiohead-Alben entspräche – andererseits gibt es auch keine Plattenfirma mehr, die mitverdient.

Auch als Vorbild ist das Radiohead-Abenteuer umstritten. Nachwuchsteenie Lily Allen, Clubüberraschung des letzten Jahres, findet die Band zum Beispiel arrogant. Die Eierpreise könne man sich schließlich auch nicht aussuchen.

Zudem könnten es sich Radiohead eben leisten. Die Band hat es schließlich verstanden, über beinahe zwanzig Jahre eine zuverlässige Fanbasis aufzubauen, die das Risiko überschaubar machen. Die Alt-Rocker von Oasis würden lieber sterben als Musik zu verschenken.

Signalwirkung wie bei Cliff Richard

Josh Homme von den amerikanischen Queens of the Stone Age dagegen, für viele die beste Rockband der Welt, begrüßte den Impuls und nahm ihn zum Anlass, seine Major-Partner als verschwenderische Idioten zu beschimpfen. Wie auch Nine-Inch-Nails-Chef Trent Reznor, der sich bereits von seinem Label getrennt hat.

Wichtiger als das Experiment selbst ist daher einmal mehr dessen Signalwirkung. Wie schon bei den Selbstvermarktern im Internet der letzten Jahre und den Diskussionen um die Live-Erträge; wie bei Prince, der diesen Sommer sein neues Album als Zeitungsbeilage vertrieb; und wie gerade bei Weichspüler Cliff Richard, der seinen Downloadpreis von der Nachfrage abhängig machen will - es herrscht ein neuer Ton am Markt, der mindestens für die großen Labels immer mehr wie ein Totenglöckchen klingt. Sicherlich ein Sound, über den in Zukunft noch zu reden ist.