Depeche Mode

Als Dave Gahan plötzlich taub war

Trotz Ruhm, Reichtum und Abstand von Drogen ist Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan noch immer nicht vollends mit sich im Reinen. Vor der Welttour 2009 sprach Morgenpost Online mit ihm über die Bedeutung des Blues in seinem Leben und den Moment, in dem sein Gehör nicht mehr funktionierte.

Dave Gahan, 46-jähriger Sänger des britischen Elektrorock-Trios Depeche Mode, ist aufgekratzt. Gerade erst hat er vor der beeindruckenden Kulisse des Berliner Olympiastadions gemeinsam mit seinen Kollegen eine Pressekonferenz gegeben, um eine neue Welttournee mit dem bescheidenen Titel „Tour of the Universe“ für das kommende Jahr anzukündigen. Ungezählte TV-Interviews später betritt der schlanke Ex-Junkie tänzelnd den Interviewraum in den Katakomben der Sportstätte. Ein Blick in die Minibar: Bingo, Diät-Cola! Mit schwarzer Designer-Motorradlederjacke und dicker Gürtelschnalle lässt sich Gahan in einen Sessel fallen. Ob es etwas ausmache, wenn er raucht? Der Sänger zündet sich einen Zigarillo an.

Morgenpost Online: Herr Gahan, gewöhnt man sich als Sänger an Konzerte in Fußballstadien?

Dave Gahan: Manchmal setze ich mich vor einem Konzert in einer besonders großen Arena an den Rand der Bühne und beobachte, wie sich das Stadionrund langsam mit Menschen füllt. Wenn man sich Gedanken darüber macht, wie viele Menschen das genau sind, denen man da gegenübersteht, kann einen das niederdrücken. Am besten also, man denkt nicht weiter darüber nach. Denn proben kann man nur die Songs und die Dramaturgie. Aber nicht die Gefühle. Nach einer Show bin ich immer total fertig. Wenn die anderen noch feiern gehen, lasse ich mich ins Hotel fahren.

Morgenpost Online: Mögen Sie das Olympiastadion?

Gahan: Ja, das ist ein cooler Bau.

Morgenpost Online: Albert Speer hat es bauen lassen.

Gahan: Ja, und Hitler hat hier einige Reden gehalten, stimmt’s? Aber ich glaube ja fest daran, dass sich die Geschichte selbst repariert, verstehen Sie? Dass Bands wie wir hier spielen, spricht doch Bände.

Morgenpost Online: Haben Sie Walter Benjamin gelesen?

Gahan: Nein.

Morgenpost Online: „Aura“, sagt Benjamin, sei „die Gegenwart einer Distanz“.

Gahan: Interessant, denn mein ganzes Leben schon begreife ich meine Rolle nicht. Neunzig Prozent der Zeit fühle ich mich mir selbst gegenüber distanziert, fremd. Mich in meiner eigenen Gegenwart wohlzufühlen ist der Kampf meines Lebens. Wenn ich vor Publikum singe, dann bin ich einerseits ich selbst. Andererseits gibt es da diese anderen Identitäten in mir, die ich nur zu gerne vorschiebe, um zu vermeiden, dass ich etwas von mir zeige.

Morgenpost Online: Welcher Dave Gahan spricht jetzt?

Gahan: Das kann ich nicht genau beantworten. Aber ich nähere mich der Person an, die ich sein möchte.

Morgenpost Online: Sie meinen: Sie haben sich selbst erschaffen?

Gahan: Als Sänger und Performer beantworte ich die Frage mit Ja. Aber zu Hause mit meiner Familie und mit meinen Kindern – das ist die Person, die ich sein möchte.

Morgenpost Online: Wenn Sie als Sänger eine Kunstfigur sind – wer sind Ihre Vorbilder?

Gahan: Jazzer wie Coltrane und Miles Davis. Und Blueser wie Robert Johnson, Leadbelly oder Muddy Waters. Sie repräsentieren in meinen Augen eine Art von Würde und Aufrichtigkeit. Sie sind, wer sie sind. Ein paradiesischer Zustand! Eins mit sich sein. Aufbauend auf einem solchen Fundament kann man Berge versetzen.

Morgenpost Online: Es mag Ihre Fans überraschen, dass Sie den Blues als Einfluss nennen.

Gahan: Der Blues ist ungeschönter, unmittelbarer Ausdruck der stärksten menschlichen Gefühle. Jede dieser alten Blues-Platten konserviert einen Moment der Echtheit. Es gibt wohl keine andere Musik, die ich öfters höre als den Blues aus den Zwanzigern und Dreißigern.

Morgenpost Online: Warum versuchen Sie dann nicht selbst, den Blues zu singen?

Gahan: In der Tat analysieren wir die Energie des Blues und versuchen, sie zu transformieren. Allen Songs von Depeche Mode liegt der Blues zugrunde. Als Gefühl, als Stimmung, als Textzitat, in meinem Gesangsvortrag. Aber natürlich bedeutet Depeche Mode zugleich, dass jeder Gefühlsausdruck in einem Korsett von Kontrolle stattfindet. Der Reiz unserer Band speist sich aus dem vermeintlichen Widerspruch, dass Emotionen eingebettet in elektronischer Musik stattfinden. Kurz: Ich bin das menschliche Element in unserer Band.

Morgenpost Online: Wie hat man sich das menschliche Element im Studio vorzustellen?

Gahan: Alle tüdeln und programmieren stundenlang an hochgezüchteten Rhythmen herum und präsentieren mir ständig irgendwelche neuen Details. Ich aber höre selten einen Unterschied, keinen Wesentlichen zumindest. Ich will nur singen. Und wenn ich dann an der Reihe bin, singe ich. Ich benutze dann im Studio genau jene Livemikrofone, die wir auch auf der Bühne bei Konzerten benutzen: Ich kann mich mit einem solchen Mikrofon in den Kontrollraum stellen, die Musik ohne Kopfhörer hören und in diesem Hurricane aus Lautstärke und Einschüchterung allen Gefühlen freien Lauf lassen. Ein entscheidender Punkt ist, dass ich mich mit dem Mikrofon in der Hand auf diese Weise frei bewegen kann. Körpersprache und Tanz sind der Schlüssel zu einem guten Gesangsvortrag. Ich muss mich körperlich in einen Song hineinwerfen, ein Kunstcharakter werden können. Unser Fotograf Anton Corbijn sagte einmal: Auf der Bühne bist du ein anderer als der, den ich im echten Leben kennengelernt habe.

Morgenpost Online: Gut für ihn, braucht ein Fotograf doch auch Charaktere, die übermenschlich sind.

Gahan: Ein Kriterium für eine gute Band ist, dass man sie als Comic-Charakter zeichnen können muss. Der ganze Trick ist, dass man bereit ist, Projektionsfläche zu sein. Man muss es sich einfach trauen, selbstbewusst wie eine Bande aus einem Westernfilm aufzutreten – also Dinge zu tun, die man im echten Leben sich so vielleicht nicht trauen würde. Aber genau dafür gibt es die Bühne: um Rollen zu spielen.

Morgenpost Online: Sind Depeche Mode ein unzertrennlicher Männerbund?

Gahan: Sicherlich irgendwie. Aber ich habe mich in der Vergangenheit viel öfter als One-Man-Gang gefühlt. Separiert von den anderen. Darum ist es ja auch so wichtig, dass wir Musiker uns vor jedem Konzert zu einem Kreis gruppieren, uns an den Händen fassen und uns unserer selbst vergegenwärtigen. Denn vergessen Sie eines nicht: Auch wenn einer Band wie uns Sympathie entgegenschlägt, so sind wir doch wenige gegen 60.000, wenn wir an einem Ort wie dem Berliner Olympiastadion auftreten.

Morgenpost Online: Aber wo liegt die Unsicherheit? Selbst wenn Sie auf Welttourneen mit über einhundert Konzerten gehen, läuft jeder Abend gleich ab: Sogar die Reihenfolge der Songs bleibt wie in einem Musical identisch.

Gahan: Natürlich improvisieren wir nicht wie John Coltrane. Aber kein Konzert gleicht dem anderen.

Morgenpost Online: Insbesondere ein Konzert fiel etwas aus dem Rahmen: Sie mussten einen Auftritt 1993 in New Orleans abbrechen, weil Sie im Drogenrausch auf der Bühne kollabierten.

Gahan: Rückblickend sehe ich den Abend als Reality Check. Dieser Abend lehrte mich, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Morgenpost Online: Erinnern Sie sich an den Moment, an dem es passierte?

Gahan: Ich fühlte mich abgetrennt von der Welt, buchstäblich verloren. Bevor ich das Bewusstsein verlor, daran erinnere ich mich noch, konnte ich für eine Weile nichts mehr hören. Ich sah alle vertrauten Personen um mich herum, anschließend: Filmriss. Ich wachte in einem Krankenwagen wieder auf. Es dauerte danach noch Monate, bis ich realisierte, dass ich es wohl mit den Drogen übertrieben hatte.

Morgenpost Online: Sie sagten einmal: „Ich bin nur berühmt, ich bin kein Musiker.“

Gahan: Heute würde ich sagen: Ich bin berühmt, aber ich versuche, ein Sänger zu sein.

Tourtermine: 02.06. Hamburg Nordbank-Arena 04.06. Düsseldorf, LTU-Arena 07.06. Leipzig, Zentralstadion 10.06. Berlin, Olympiastadion 12.06. Frankfurt, Commerzb. Arena 13.06. München, Olympiastadion