Während am Kap die erste Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden beginnt, findet im Grips Theater eine ganz andere Premiere statt: die erste jemenitische Theaterinszenierung auf europäischem Boden. Regisseur Amr Jamal inszeniert „Mak Nazal“, eine Adaption der legendären U-Bahn-Musikrevue „Linie 1“ von Volker Ludwig. Einer der Exportschlager des Grips Theaters. Die „Linie 1“ ist Schauplatz des urbanen Lebens, ein Kaleidoskop der Gesellschaft, und wurde schon auf die Lebenswirklichkeit von Korea, Namibia und vielen anderen Ländern übertragen.

Auch die jemenitische Version von Amr Jamal ist mehr als „Linie 1“ mit Lokalkolorit, sondern ein Stück über den Jemen. Die Handlung wird von der U-Bahn in ein Sammeltaxi verlegt. „Mak Nazal“ ist in diesen Taxis das Zeichen, dass man auszusteigen will, und wird im Stück auch metaphorisch gebraucht. Die junge Amal ist nach Aden gekommen, weil sie ihren Ehemann sucht, der sie nach der Hochzeit schwanger sitzen gelassen hat. Dass reiche Männer aus den Golfstaaten eine so genannte „Touristenhochzeit“ mit einer Jemenitin eingehen, und sie mittellos zurücklassen, ist ein bekanntes Problem im Jemen, einem Land, das viele Menschen in Deutschland hauptsächlich mit Entführungen verbinden. Auch von Arbeitslosigkeit und dem Verfall der Währung erzählen die Fahrgäste, allerdings immer mit viel Humor.

Dieser kam besonders beim arabischsprachigen Publikum gut an, unter anderem dem jemenitischen Botschafter Mohammed L. Al-Eryani, Vertretern des deutsch-jemenitischen Kulturaustausches und Studenten aus Aden und Sanaa. Vor allem von ihnen gab es immer wieder Szenenapplaus für die coolen Jungs, die gerne echte HipHopper wären, und den zahnlosen Straßenfeger, dessen Lebensweisheiten keiner so recht zuhört. Doch auch wenn Amal schwarz verschleiert ist und am Imbiss Schawarma statt Pommes isst, erkennt man in jeder Szene die „Linie 1“. Die Melodien von Birger Heymann sind auch mit arabischem Text sofort wieder im Ohr und Bühnenbild sowie szenische Gestaltung orientieren sich stark am Original: Am Ende steigen Amal und ihr Traumprinz auch hier die Treppenstufen Richtung Sonnenuntergang hinauf – einen Kuss gibt es allerdings keinen.

Der einzige Wermutstropfen an diesem Theaterabend ist das Fehlen der Originalbesetzung des reisenden Mädchens Amal. Vor der Aufführung wird bekannt gegeben, dass sie am Tag der Premiere im Jemen „verheiratet wird“ und daher nicht kommen kann. Theaterspielen im Jemen ist mit vielen Hindernissen verbunden, mitunter ganz anderen als bei uns. Frauen müssen sich oft zwischen Bühne und Ehe entscheiden, eine Theater-Infrastruktur gibt es nicht. Allerdings hat sich in den letzten zehn Jahren eine Off-Szene entwickelt, die langsam aber stetig wächst. „Mak Nazal“ ist in Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Haus Sanaa und Aden“ und der Theatergruppe „Khaleej Aden“ entstanden, die Teil dieser Off-Szene ist. Theaterprojekte wie dieses sollen zeigen, dass es im Jemen viel kreatives Potenzial gibt und wollen trotz aller sozialen und ökonomischen Probleme Hoffnung machen. Dass Amal auf Deutsch „Hoffnung“ bedeutet, ist also kein Zufall.