Als die Kriminalschriftstellerin Magdalen Nabb im August 2007 in Florenz einem Hirnschlag erlag, war sie gerade erst 60 Jahre alt. Todesfälle wie diesen versieht man, zumal bei Künstlern, bevorzugt dann mit dem Etikett „tragisch“, wenn jemand just im Begriff ist, so richtig durchzustarten. Bei Nabb – geboren in dem Dorf Church (Lancashire, England), gestorben in ihrer Wahlheimat Florenz – war das offenkundig der Fall. „Sie starb zu einer Zeit, als sie endlich den gewünschten nachhaltigen Erfolg hatte“, hieß es bei Diogenes, wo die deutschsprachige Ausgabe von Magdalen Nabbs Werken erscheint.
So kann Nabbs letzter, jetzt erschienener Roman, der ausgerechnet den Titel „Vita Nuova“ (Neues Leben) trägt, nur und immerhin zum Nachruhm der toten Dichterin beitragen. Es handelt sich bei diesem literarischen Vermächtnis um den 14. Fall jenes unkonventionellen Polizisten, mit dem Nabb erst in Großbritannien, später auch in Deutschland reüssierte: Salvatore Guarnaccia aus Florenz.
Ihre Romane erscheinen auch in Italien
Guarnaccia, der langsamste, wahrscheinlich aber auch liebenswürdigste Ermittler unter Italiens Sonne, hat sich in seinem letzten Fall nicht nur mit seiner abwesenden Ehegattin herumzuschlagen (er soll eine neue Wohnung suchen) und mit dem Wetter (es ist August und kochend heiß am Arno). Sondern auch mit einer höheren Tochter, die mit einem hässlichen Loch im Hinterkopf in einer immerhin kühlen Villa liegt. Es ist eine ganz merkwürdige Familie, in die der Maresciallo auf einmal geworfen ist. Und er bekommt es ausgerechnet mit dem gelackten Staatsanwalt Da Vita zu tun, den er nun gar nicht leiden kann (was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht). Immer tiefer dringt Guarnaccia in einen stinkenden Strudel, der sich immer schneller um Mädchenhandel, Macht und Männergier dreht.
Die in Serie gegangenen Kriminalromane um den schrulligen, schnörkellos denkenden, dezidiert antiintellektuellen Maresciallo sind in 14 Sprachen übersetzt worden und dürfen als das toskanische Pendant von Donna Leons venezianischen Brunetti-Romanen gelten. Anders als Leon sperrte sich Nabb jedoch nicht dagegen, ihre Romane auch in Italien erscheinen zu lassen.
Dies auch deshalb, weil sie im Gegensatz zu der Amerikanerin keine Ressentiments der Italiener wegen Verfälschungen ihrer Lebenswelt befürchten musste: Das Florenz des Salvatore Guarnaccia mutet über weite Passagen ungleich authentischer und also glaubwürdiger an, als das Venedig des Guido Brunetti. Es diente Nabb als eine nur selten kunstsinnige, sondern meist raue Kulisse, die nicht etwa mit einem touristischen Blick behauptet wird, sondern Funktionen innerhalb der Handlung erfüllt.
Simenon lobte „Bravissimo!“
So trägt der Maresciallo nicht an der Bürde, in einer vollständig musealisierten Stadt agieren zu müssen. Nabb rettete ihren Schauplatz vor dräuenden Italien-Klischees, indem sie ihrem Helden ein ums andere Mal zumutet, auch die weniger pittoresken Gegenden der Stadt am Arno aufzusuchen. Und Nabb rettete ihre Handlungen zuverlässig vor dem Absturz in Krimi-Dutzendware, indem sie viele ihrer Fälle der herben Wirklichkeit und befreundeten Polizisten ablauschte. In einem Land, in dem Korruption und Nepotismus, Schattenwirtschaft und Xenophobie mindestens so gedeihlich blühen wie Südfrüchte. In einer Großstadt, die aus mehr und härterem Stoff besteht als pittoresken Impressionen in den Uffizien oder den Giardini di Boboli.
Nabbs Gespür für heikle Themen und deren realitätsnahe Umsetzung ist auch im unwiderruflich letzten Fall für Guarnaccia ruchbar. Diesmal geht es unter anderem um das für Italien notorische Problem der clandestini, der illegalen Einwanderer. Deren systematischer Einschleusung aus Osteuropa und deren Zwangsprostitution kommt der Maresciallo auf die Spur. Die Schattenseiten der ansonsten so lichten Arno-Metropole stellt Nabb dabei so überzeugend dar, wie das Milieu des importierten Prekariats.
Von Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere an hatte die gelernte Töpferin, die 1975 mit ihrem Sohn nach Florenz übergesiedelt war, einen sehr gewichtigen Fürsprecher ihrer durchaus neorealistisch zu nennenden Kunst: Ihren ersten Guarnaccia-Krimi „Tod eines Engländers“ (1981) würdigte der Großmeister Georges Simenon, mit dem Nabb eine langjährige Brieffreundschaft verband, mit dem Lob „Bravissimo!“. Maigret-Erfinder Simenon schätzte an ihren Kriminalromanen, zu dessen drittem er eine Einleitung beisteuerte, eine sozialkritische Haltung, die mehr war als bloß übliche Betroffenheitspose.
Sie schrieb auch Kinderbücher
Dass Magdalen Nabb über so viel Problembewusstsein gebot, dürfte auch biografische Gründe haben: Gerade sieben Jahre war sie alt, ihr Vater starb; nur wenige Jahre später wurde sie Vollwaise. Den Mangel an Leitfiguren hat sie durch eigenes Engagement wettgemacht: Zunächst als Künstlerin (in Manchester studierte sie einige Semester an der Kunsthochschule) und später, in Italien, als Journalistin und Schriftstellerin eignete sie sich all das autodidaktisch an, worin sie brillieren wollte.
Ihr Kunsthandwerk, gleich in welcher Disziplin, hatte einen so soliden wie goldenen Boden. Das gilt auch für die Kinderbücher, die sie schrieb. Auch in diesem Genre mochte sie nicht auf Serienhelden verzichten: Ihre 1989 aus der Taufe gehobene „Josie Smith“-Reihe (in den deutschen Ausgaben heißt die Protagonistin Finchen) bringt es auf immerhin elf Folgen. Dass die wundersame Hauptfigur in ihrer alten Heimat Lancashire lebt und zudem ohne Vater aufwachsen muss, darf als kompensatorische Bewältigungstherapie von Nabbs eigener Kindheit gelesen werden.
Josie Smith und Salvatore Guarnaccia werden wohl nicht Florenz überdauern, aber als Medien des Andenkens eine lange Zeit zu Unrecht unterschätzte Autorin repräsentieren.
* Magdalen Nabb: "Vita Nuova", A. d. Engl. v. Ulla Kösters, Diogenes, Zürich, 351 Seiten, 19,90 €.



