Die US-Amerikanerin Donna Leon ist berühmt für ihre Kriminalromane, die an ihrem Wohnort Venedig spielen. Sie schuf den Commissario Brunetti, den melancholischen Polizisten, der die Welt verbessern will und immer uneins mit seinem Chef ist. Gerade hat Leon in Berlin Fall 16 vorgestellt - "Lasset die Kinder zu mir kommen". Und ein Ende der Serie ist nicht in Sicht.

Morgenpost Online: Frau Leon, Sie sind oft in Deutschland und ganz vernarrt in Händels Musik. Warum sprechen Sie nicht Deutsch?

Donna Leon: Vermutlich ist es einfach Faulheit. Die Deutschen sprechen fabelhaft Englisch, was muss ich da noch Deutsch lernen?

Morgenpost Online: Was hat es mit dem Titel Ihres jüngsten Krimis "Lasset die Kinder zu mir kommen" auf sich?

Leon: Im Original lautet er eigentlich "Suffer the little children". Das ist doppeldeutig gemeint: Zum einen beziehe ich mich auf eine Szene in der Bibel, wo Jesus zu den Erwachsenen sagt: "Ihr müsst es hinnehmen, dass ich mich zuerst um die Kinder kümmere." Aber man kann den Titel natürlich auch so interpretieren, dass Kinder leiden müssen.

Morgenpost Online: Welche Beziehung haben Sie zu Kindern?

Leon: Wenn sie anfangen in der Pubertät frech und destruktiv zu werden, mag ich sie weniger. Aber sonst mag ich sie sehr gern, vor allem Babys. Im Augenblick nehme ich großen Anteil an der Schwangerschaft einer guten Freundin. Ich fühle mich wie eine Großmutter und habe schon Babysachen gekauft.

Morgenpost Online: Sie selbst haben aber keine Kinder.

Leon: Ich wollte mir mein Leben immer für Veränderungen offen halten, habe ja noch nicht mal ein Haustier, weil ich viel herumreise, die Abwechslung brauche und mir nicht vorstellen kann, konstant in einem Ort zu leben. Die Entscheidung für ein Kind ist irreversibel. Das kann man ja niemandem zurückgeben.

Morgenpost Online: Von Menschen, die sich aus eben diesen Gründen gegen Kinder entscheiden, wird oft gesagt, sie seien egoistisch.

Leon: Ich finde die Entscheidung für oder gegen Kinder überhaupt nicht egoistisch! Im Gegenteil, es zeugt von Verantwortungsbewusstsein, wenn Menschen darüber nachdenken, ob ein Kind in ihren Lebensentwurf hineinpasst.

Morgenpost Online: Als eine die Oper liebende Singlefrau ohne Fernsehen und Handy führen Sie keinesfalls ein durchschnittliches Leben. Inwiefern machen Sie beim Schreiben Kompromisse, um sich eine möglichst große Leserschaft zu sichern?


Leon: Mein Leben ist eigentlich gar nicht so exotisch, eher konventionell, nahezu banal: Ich stehe morgens auf, trinke Kaffee mit einer Freundin, gehe einkaufen, arbeite, schreibe Freunden oder rufe sie an, esse zu Mittag, lese, gehe vielleicht zum Essen aus mit Freunden und gehe wieder ins Bett, oft schon um zehn Uhr.


Morgenpost Online: Sie sind sehr lärmempfindlich. Legendär ist die Geschichte mit Ihrer Nachbarin, die laut Fernsehen hörte, so dass Sie sich belästigt fühlten und in dem Krimi "Beweise, dass es böse ist" Rache nahmen. Was denken Sie über die vielen jungen Leute, die mit einem mp3-Player verkabelt in der U-Bahn sitzen und ihrer Umgebung laute Technomusik zumuten?

Leon: Für mich ist Stille die Normalität. Das ist das Tolle an Venedig, dass es so eine ruhige Stadt ist ohne Autos und Lastwagen. Wenn ich allerdings im Zug solchen Leuten mit Ihren iPod ausgesetzt bin, nervt mich das sehr. Aber nun bin ich 65 Jahre alt. Junge Leute leben in einem komplett anderen Universum, in einer Welt des Rhythmus'.

Morgenpost Online: Warum sensibilisieren Sie nicht Ihre Leser für dieses Thema?

Leon: Ja, das sollte ich vielleicht mal tun, schließlich ist auch mein Commissario Brunetti sehr ruhebedürftig.

Morgenpost Online: Ihre Krimis wurden fürs Fernsehen verfilmt. Haben Sie sich die Folgen angesehen?

Leon: Das liegt schon lange zurück. Ich sah ein oder zwei Filme mit italienischen Freunden. Da ich kaum Deutsch verstehe und meine italienischen Freunde gar kein Wort, habe ich den Ton abgedreht. So haben wir uns alle auf die Bilder konzentriert und waren beeindruckt. Es ist nämlich ziemlich schwer, an einem sonnenreichen Tag gute Aufnahmen von Venedig zu machen.

Morgenpost Online: Warum ist Ihr Kommissar eigentlich ein Mann? Im deutschen Fernsehen ermitteln neuerdings überwiegend die Frauen...

Leon: In Italien ist die Staatsgewalt in männlicher Hand. Würde eine Frau ermitteln, müsste sie ständig sagen: ,Obwohl ich eine Frau bin, müssen Sie jetzt meine Fragen beantworten'. Ich fände das sehr ermüdend. Eine richtige Gleichberechtigung haben wir sowieso erst dann, wenn Frauen nicht im Fernsehen als Kommissarinnen so zahlreich auftreten, sondern im wirklichen Leben!

Morgenpost Online: Warum schreiben Sie eigentlich ausschließlich Krimis?

Leon: Weil es Spaß macht, weil ich nie weiß, was passieren wird, wenn ich anfange. Wenn es mir eines Tages keinen Spaß mehr machen sollte, dann höre ich auf!