Stille Tage im Klischee, das ist kein Buchtitel, sondern eine grausame Vorstellung. Zumal dann, wenn solche Tage bei der Lektüre eines Romans drohen. Sie wären vergeudet. Denn schöne Literatur darf alles sein, nur kein Abklatsch aus Altbekanntem und Abgeschmacktem. Konventionen und Stereotypen gibt es im wahren Leben schon genug. Besonders perfide aber ist der Griff des Schriftstellers in die Klischeekiste, wenn er dem Leser, diesem unbedarften Wesen, unter dem alles und nichts beglaubigenden Deckmantel der Fiktionalität vorgaukelt, die geschilderten Lebenswelten seien realistisch, ja authentisch.

Diese Illusion ist ironischerweise besonders bei Schauplätzen wirksam, die jeder Hinterwäldler hinlänglich aus dem Urlaub oder den Medien zu kennen vermeint. Von Italien ist die Rede, diesem notorischen Sehnsuchtsort, dieser probaten Projektionsfläche, dieser für jede noch so plakative Exegese offenen Weltgegend, über die alle Welt glaubt mitreden zu können. Und genau da beginnen die Probleme.

Denn sich von diesem Land ein angemessenes, ein realitätsnahes Bild zu machen, ist fast unmöglich. Dies deshalb, weil es so viele konkurrierende, einander diffus überlagernde Bilder und Abbilder davon gibt, die Wahrheit und Originalität für sich beanspruchen, daß ein unvoreingenommener und unverstellter Blick schon im Ansatz vereitelt wird.

Denn in Italien blühen Zitronen und Korruption, es werden Regierungslügen und Nudeln aufgetischt, die Mafia hat den Menschen Fluch und Segen gebracht. In Italien tragen nicht alle Sänger den Namen eines Süßmittels oder einer Spirituose, der Teutonengrill ist keineswegs eine inländerfreie Zone, Berlusconi ist aus anderem Holz geschnitzt als Pinocchio, im ach so sonnigen Süden ist es bisweilen lausig kalt, mancher Gondoliere kann nicht singen, das Hotel Mamma ist eine aussterbende Gattung, und amore, amore ist auch nicht mehr das, für das man es ohnedies nur hielt. In einem Satz: Alle Vorurteile über Italien sind wahr, und doch stimmt keines von ihnen blank.

Das bringt gewisse Probleme auf der Beschreibungsebene mit sich. Denn wo alles gültig ist, wird vieles beliebig. Romanciers, die den italienischen Alltag abbilden wollen, haben folglich die Wahl der Selbstqual: Entweder sie suchen ihr Heil in der bestenfalls ironischen Verdopplung des italienischen Postkartenidylls, oder sie fügen dem Plot tunlichst viele Bausteine ein, die ein anderes, im positiven Sinne exotisches Italien zeigen. Erstere setzen sich dem Verdacht aus, sich opportunistisch den Lesererwartungen zu beugen.

Letztere laufen dagegen Gefahr, als Eskapisten rezipiert zu werden, weil kaum jemand, schon gar kein Nicht-Italiener, die Schilderungen mit der Wirklichkeit abzugleichen vermag. Beispielhaft ablesbar ist dieses Dilemma an Krimis, die in Italien spielen. Dies zum einen, weil das Thema Kriminalität in dem von 'Ndrangheta, Mafia, Cosa Nostra, Camorra und bestechlichen Politikern heimgesuchten Land unweigerlich mehr Holzschnitte als Filigranzeichnungen hervorbringt. Zum anderen, weil es der Krimi in Italien seit jeher schwer hat.

Anders nämlich als in Frankreich und im angloamerikanischen Sprachraum hatte der italienische Polizeithriller, ohnedies ein Spätentwickler, mit massiven Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen. Gerade als er sich Anfang der dreißiger Jahre unter der Ägide des Verlags Mondadori, dessen gelb eingebundene Giallo-Reihe noch immer namentlich Pate für das Genre steht, zu etablieren begann, verfügte das faschistische Kulturministerium einschneidende Maßgaben für den Plot: Der Mörder durfte kein Italiener sein, kein Verbrechen ungesühnt bleiben, der selbstredend italienische Held keinesfalls von eigener Hand sterben.

Eingedenk dieser im demokratischen Italien nachwirkenden Zensur verwundert es kaum, daß Kriminalromane in der öffentlichen Wahrnehmung als mit einem Stigma behaftet waren. Bis weit in die achtziger Jahre wurde die Gattung von Kritik und intellektuellen Publikum unisono als "letteratura scadente" geschmäht, als anspruchslose, stilistisch minderwertige Unterhaltungsliteratur. Erst dann vermochten es aus Sizilien stammende Autoren wie Andrea Camilleri und Santo Piazzese, dem Krimi einen seriöseren Anstrich zu geben.

Diese riskante Rehabilitation gelang, weil die von ihnen kreierte Subspezies "noir italiano" zwar aktuelle und brisante Themen aufgriff, naheliegende Klischees aber weder angestrengt verwendete noch krampfhaft mied. Damit gelang es ihnen binnen kurzer Zeit, "eine innovative literarische Form zu entwickeln, in der sie die wenigen positiven und die zahlreichen negativen gesellschaftlichen Phänomene unserer Gegenwart erzählen", schreibt Giancarlo de Cataldo, Herausgeber der repräsentativen zeitgenössischen Italien-Krimi-Anthologie "Ich weiß um deine dunkle Seele" (soeben bei Lübbe erschienen).

Als Hauptthemen dieser Strömung, deren einem moderaten Realismus verpflichtete Hauptvertreter Andrea Camilleri, Carlo Lucarelli und Antonio Mancini sind, nennt de Cataldo die "Korrumpierbarkeit des Menschen", Migration als Erneuerungschance und Bedrohung sowie den "Zwang zum Erfolg", der als Kollateralschaden der Globalisierung traditionelle Familienbande ebenso gefährdet wie den Solidarzusammenhalt der Gesellschaft insgesamt.

Was für diese avantgardistisch gestimmten Autoren einnimmt, ist vor allem ihre gemeinsame Abneigung gegen Beschönigungen ihrer Helden. Camilleris galliger und gefräßiger Commissario Montalbano (zuletzt in "Der falsche Liebreiz der Vergeltung", Lübbe) etwa weiß sehr genau, wann es opportun ist, sich gut mit der Mafia zu stellen. Auch der gleichfalls auf Sizilien ermittelnde Maresciallo Bonanno, den Roberto Mistretta ersonnen hat (jüngst in "Das falsche Spiel des Fischers", Lübbe), kungelt notfalls zeitweilig mit jener Kraft, die vorgeblich nur das Gute will und doch stets das Böse schafft. Alltagsschilderungen sind bei beiden trotz ironischer Brechungen grundsätzlich neorealistisch grundiert; Kitsch hat keine Chance.

Ähnliches gilt für den Shooting-Star der Branche, Carlo Lucarelli, dessen ziemlich brutale gialli in Bologna situiert sind, und für das Autorenduo Carlo Fruttero/ Franco Lucentini, die bis zu Lucentinis Freitod im Jahre 2002 in gut einem Dutzend Krimis Einblicke hinter die gutbürgerliche Fassade Turins gewährten. Sie alle schildern ein Italien jenseits pittoresker Sehenswürdigkeiten und Touristenpfade, ohne daß man sie jemals der Sozialromantik zeihen könnte. Auf diese Weise leisten sie neben ihrem Hauptauftrag, auf unterhaltsame Weise Spannung zu erzeugen, landeskundliche Einführungen, die ungleich verläßlicher sind als jene von Baedeker und Konsorten.

Deutsche Leser aber wollen vermutlich gar nicht so genau wissen, daß ihre angestammten Lieblingsausländer ebenso stark unter Modernisierungsschüben, Hitzeperioden und Tiefkühlpizza leiden wie sie selbst. Nur so erklärt es sich, daß die hierzulande am meisten gelesenen Italien-Krimis nicht von Italienern stammen und daher entweder anämisch oder artifiziell, in jedem Fall aber dem heutigen Italien unangemessen sind.

Zwar mühen sich die beiden Diogenes-Autorinnen Magdalen Nabb (zuletzt ermittelte ihr Maresciallo Guarnaccia in "Eine Japanerin in Florenz") und Donna Leon (jüngster Fall für Commissario Brunetti: "Blutige Steine") redlich, ihren bisweilen überkonstruierten Plots storie di tutti i giorni , mediterrane Alltagssequenzen, einzuspeisen. Doch diese atmosphärischen Intermezzi wirken oft so bemüht um die italienischen Momente im Leben, als seien sie nur eine Konzession an den vermeintlichen Geschmack des Lesers.

Wenn etwa Salvo Montalbano Hunger hat, steht eine sinnenfrohe Orgie zu erwarten, wenn dagegen Guido Brunetti ißt, mutet das wie eine leidige Pflicht an, deren Erfüllung auch noch farblos bis fade gerät. Wenn Montalbano ermittelt, lernt der Leser mit dem fiktiven, mafios unterfütterten Städtchen Vigàta gleichsam einen Querschnitt sizilianischer Seelenlandschaften kennen. Wenn Brunetti und Guarnaccia Verbrecher durch Venedig beziehungsweise Florenz jagen, wirken Ortsangaben und Stadtbeschreibungen wie der angestrengte Versuch einer Beglaubigung, daß die Handlung in Italien spielt und nicht in New Jersey oder Lancashire, woher die Ladies of crime stammen.

Gleiches gilt für das matte Triestiner Lokalkolorit in den Krimis des deutschen Schriftstellers Veit Heinichen (zuletzt "Der Tod wirft lange Schatten", Zsolnay). Auch seine Hervorbringungen lesen sich durchaus spannend, kränkeln aber an dem auch auf Nabb und Leon anwendbaren Symptom, ein Publikum bedienen zu wollen, das Italien liebt, aber nicht in Italien lebt.

So muß der ansonsten facettenreich gezeichnete Commissario Proteo Laurenti wieder und wieder über die Piazza dell'Unitià d'Italia schlurfen. Nicht etwa, weil es im zugegebenermaßen engen Triest keine anderen Plätze gäbe. Vielmehr, weil diese Lokalität im urbanen Gedächtnisraum für durchreisende Deutsche den größten Wiedererkennungswert hat. Die auf Espresso-Folklore setzenden Verfilmungen mit Henry Hübchen als Laurenti verstärken diesen ärgerlichen Effekt noch.

Was allererst daran liegen dürfte, daß sie von Sigi Rothemund stammen. Der hat schon den Großteil der Brunetti-Fälle mit Joachim Król und Uwe Kockisch in Szene gesetzt, die beide ungefähr so authentisch über die Rialto-Brücke laufen wie ein neapolitanischer Pizzabäcker durch das Heidelberger Schloß. Stille Tage im Klischee, das ist kein Buchtitel, sondern eine grausame Vorstellung.