Berlin-Konzert

Faith No More sind wieder da - und wie

Nach elf Jahren Bühnenabstinenz feiern Faith No More ihr Comeback mit einer Europa-Tournee. In der Berliner Wuhlheide bewiesen sie, dass sie zwar älter, aber nicht leiser geworden sind.

Ihre Anzüge waren von zeitloser Hässlichkeit: Als Faith No More die Bühne der Berliner Wuhlheide betraten, hätte man sie optisch glatt mit einer Rentnerband verwechseln können. Grün, blau und rosa strahlten die Outfits der nach elf Jahren Pause zurückgekehrten Helden, dass einem die Augen noch in den hinteren Reihen wehtaten. Die Krone der gewagten Bekleidung konnte freilich Sänger Mike Patton für sich beanspruchen, mit einem lachsfarbenen Anzug. Als wollte er noch einen draufsetzen, humpelte er, sich auf einen Krückstock stützend, ans Mikro, um zu seichten Klängen den bezeichnenden Song „Reunited“ zu singen.

So sahen die ersten Momente des Comebacks der Band also aus, die Ende der Achtzigerjahre mit ihrem furiosen Mix aus Metal, Funk und Pop zu einer der druckvollsten Kapellen der Welt aufgestiegen waren. Wobei ihnen das Kunststück gelang, das Peinliche aus den genannten Genres weitgehend zu eliminieren. Für diese Pionierleistung haben sie sich einen festen Platz in der Musikgeschichte gesichert. Und es waren die Rüpel, die manche Halle mit Titeln wie „Be Aggressive“ in Grund und Boden spielte.

Nun hatten Faith No More schon immer einen Hang zum Humor, und diese Eröffnung konnte man nur als Zeichen größter Selbstironie deuten. Zumal wenige Sekunden später die „echten“ Faith No More musizierten, die lauten, die brachialen, die energiegeladenen, die, die einen Reißer wie „The Real Thing“ mit Würze interpretierten.

Und es ging launisch weiter: Einmal stimmte Mike Patton „Pokerface“ von Lady Gaga an, die gerade geboren wurde, als Faith No More ihren ersten großen Hit „We Care a Lot“ hatten. Später waren noch die Einganstakte vom schwülstigen Vangelis-Klassiker „Chariots Of Fire“ zu hören, genauso wie ein verunglückter Versuch, deutsche Volksmusik zu spielen. Und ein bisschen Pöbeln gegen die am gleichen Abend in Berlin auftretenden Simple Minds konnte sich Patton auch nicht verkneifen: „Who is playing? Simple Minds? Simply Red? Or just simply shit?!“

Nur Pattons Humpeln zu Beginn war kein Witz. Wie sich herausstellte, scheint er sich tatsächlich irgendetwas am Bein gebrochen zu haben. Denn das Humpeln dauerte das ganze Konzert an. Was Patton freilich nicht daran hinderte, wie eh und je über die Bühne zu hetzen und zu springen.

Überhaupt machte Patton auch an diesem Abend klar, dass Faith No More einen großen Teil ihrer Aura schlicht seiner Präsenz verdanken. Das liegt zum einen an seinem einnehmenden Wesen als Entertainer mit Porno-Bärtchen, Gel-Frisur und Zuhälter-Kettchen. Zum anderen verfügt er über eine derart markante wie voluminöse Bariton-Stimme, wie sie nur wenige vorweisen können. Der Mann hätte es zur Not auch zum passablen Broadway-Sänger gebracht. Um seine anderen Talente wäre das freilich schade gewesen.

Was immer man von diesem Konzert erwartet haben mag, Faith No More lösten ziemlich viel ein. Denn alle Kracher kamen, von „Epic“ über „Easy“, von „Midlife Crisis“ bis „Evidence“. So, als wären Faith No More nie weg gewesen, so druckvoll, so dynamisch wie am ersten Tag. Von Neuem fehlte allerdings jede Spur. Dass es jemals dazu kommen wird, ist gut möglich, aber keineswegs sicher. Das spielte an diesem Abend aber eh keine Rolle. Die rund 5000 Anwesenden dankten voller Rührung für diese Augenblicke herzhafter Nostalgie. Faith No More können ruhig noch ein wenig weiter machen.

Weitere Termine: 20.6. Hurricane-Festival, 21.6. Southside-Festival, 22.6. Frankfurt

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