Berliner Olympiastadion

Wie Depeche Mode 68.000 Fans überwältigt

Depeche Mode ist die beste Stadionband der Welt. Ihre Konzerte sind dabei noch nie zu Volksfesten verkümmert. Das liegt nicht nur an ihrer Musik, sondern auch an der perfekten Inszenierung mit riesigen Videowänden. Und an Frontmann David Gahan, der nach seiner Krebs-OP nun im Olympiastadion noch glaubwürdiger seine Gesänge verkörpert.

Für ein Konzert im Fußballstadion spricht: Es sind mehr Gäste da als sonst, die Künstler werden angemessener entlohnt, die Luft ist besser als in einer Mehrzweckhalle, und die Menschen rauchen glücklich vor sich hin. Das Blöde ist: Man sieht nur wenig. Das Konzert an sich ist zu weit weg. Selbst Depeche Mode wirken im Stadion winzig. Abhilfe versprechen jährlich wachsende Videowände, deren Plasma heute jeden Sänger originalgetreuer abbildet, als er leibhaftig aussieht. Als Dave Gahan im Olympiastadion auf die Bühne tritt, erscheinen zwei Gesichter über ihm. Ein bleicher Greis, ein farbiges Kind, und zwischen ihnen, auf einer gewaltigen Discokugel, geht eine Geschäftsfrau ihren Weg. Der Sänger singt von Ketten. Weit entfernt und winzig.

Depeche Mode sind eine Stadionband, seit 25 Jahren, spätestens seit „Music For The Masses“ 1987. Dass ihre Konzerte nie zu Volksfesten verkümmerten wie die Veranstaltungen von U2, lag nicht nur an der interessanteren Musik, an Technogospel und Elektroblues. Es lag auch an der Inszenierung. Wie gestaltet man ein Großkonzert? Als Public Viewing in Anwesenheit der Künstler? Als illustrierte Nummern-Revue? Im zweiten Stück, in „Wrong“, singt Gahan darüber, dass etwas mit seiner Chemie nicht stimmt. Er taucht zwar auf ihm Bühnenbild, gemeinsam mit dem Rest der Band. Zu sehen allerdings sind überblendete Gestalten, die über die Videoschirme huschen wie Gespenster. Mit dem Titel hat das einiges zu tun und mit Dave Gahan in gewisser Weise auch.

Nach der Krebs-OP auf die Bühne

Die 68.000 wirken noch beseelter als gewöhnlich beim Besuch von Depeche Mode. Die „Tour Of The Universe“ begann am 6. Mai zum Aufwärmen in Luxemburg. Am 10. Mai holten sie ihr 2006 wegen des Krieges abgeblasenes Konzert von Tel Aviv nach. In Athen, zwei Tage später, wartete das Publikum vergeblich. Die Konzertreise fiel einer Infektion, an der Dave Gahan plötzlich litt, zum Opfer. Später stellte sich die Infektion als bösartiger Blasenkrebs heraus. Der Sänger wurde in einer New Yorker Klinik operiert. Bis vor zwei Wochen bangten Karteninhaber um ihr Konzerterlebnis. Wer die menschlichen Tragödien in diversen Internetforen verfolgt hat, ahnt, dass Depeche Mode längst mehr sind als eine umherreisende Band. Eine Art Weltkulturerbe. Als die Tournee am Montag im Zentralstadion von Leipzig neu begonnen wurde, herrschte eine Freude wie sie in der schwermütig erhabenen Musik von Depeche Mode eher seltener zum Ausdruck kommt.

Nun singt Dave Gahan im Olympiastadion „Hole To Feed“, das dritte neue Lied in Folge, und die Bildregie schickt Depeche Mode durchs Fegefeuer. Dann das überwältigende „Walking In My Shoes“ von 1993 in der Wüste. Gahan sieht sich der Bedrohung eines riesigen Raben ausgesetzt. Die Discokugel wird in einen glotzenden Augapfel verwandelt. Anschließend, zu „It’s No Good“, schwebt über Gahans Kopf das Typenrad einer antiken Schreibmaschine. Sie lässt Weisheiten aus meterhohen Buchstaben im Bühnenbild zurück. Da steht dann: „I have learned so much from god.“ Es stammt von Daniel Ladinsky, einem spiritistischen Poeten aus Amerika. Und dabei haben Depeche Mode sich sicher auch etwas gedacht.

Konzert als bunter Videoabend

Es ist das alte aber niemals langweilige Spiel mit Schlüsselreizen und Symbolen. Drangsal, Auferstehung und Erlösung sind als Themen keinem Depeche-Mode-Gast fremd. Dave Gahan hat seine Gesänge immer glaubwürdig verkörpert. Dass die Show bereits so konzipiert war vor seiner Tumor-Erkrankung, wundert keinen. Schon vor 15 Jahren tourte er als singender Schmerzensmann, die Bühne war mit Kreuzen dekoriert. In New Orleans brach Gahan 1993 live zusammen. 1995 überlebte er einen versuchten Selbstmord. 1996 lag der drogenkranke Sänger leblos in einem Hotelzimmer in Hollywood. Für zwei Minuten soll er sogar klinisch tot gewesen sein. Jetzt steht er wieder auf der Bühne in Berlin, direkt vom Krankenlager, und die Bilder passen.

Martin Gore haucht „Jezebel“ und „A Question Of Lust“. Dann ist auch Gahan wieder da und singt „Come Back“ jenseits der Erdkugel hoch über ihm. „Enjoy The Silence“ zeigt drei Astronauten, deren Helme sich am Discoball grotesk vergrößern. Man erkennt Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher, und es ist das Augenzwinkern der „Tour Of The Universe“. Die Band erinnert an die eigenen Anfänge im Zeitalter des Videoclips und des Musikfernsehens. Depeche Mode gestalten ihr Konzert als bunten Videoabend. Da werden die Köpfe hundertfach vervielfältigt zu „Stripped“. In „Strangelove“ brechen Lederlesben in die gute Stube ein. Bei „Personal Jesus“ windet sich eine Animateurin. Schließlich singen Gore und Gahan „Waiting For The Night“, weit weg im Dunkeln. Zwei in Lebensgröße winzige Musiker. Man hört sie aber, klar und deutlich.