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Annie Lennox genießt das Älterwerden

Ihre raue Stimme war das Erfolgsgeheimnis des Pop-Duos Eurythmics. Neben ihrem coolen Gesang machte sie vor allem ihr androgyner Look berühmt. Morgenpost Online sprach mit der kühlen Schönheit jenseits der 50 über Herrenanzüge, die Leichtigkeit des Älterwerdens und den Albtraum Erfolg.

Zeitsprung ins Jahr 1983: In dem Eurythmics-Video „Sweet Dreams (Are Made Of This)“ dreht Annie Lennox in Anzug und Krawatte an der Weltkugel, ihre raspelkurzen Haare orange gefärbt, die Augen schwarz umrandet. Ihr Look macht sie ebenso populär wie ihr cooler Gesang. Später, als Solistin, entdeckt die Sängerin ihre weiche Seite. In Songs wie „Why“ kehrt sie ihr Innerstes nach außen. Doch in letzter Zeit trat die Schottin vor allem mit ihrem sozialen Engagement in Erscheinung: Als Oxfam-Botschafterin kämpft sie gegen Armut, mit der Initiative „SING“ engagiert sie sich für HIV-positive Frauen und Kinder in Südafrika.

Zum Interview im Londoner „Portobello“-Hotel erscheint die 54-Jährige kaum geschminkt. Alles an ihr ist angenehm unprätentiös, auch ihre Kleidung. Zur dunklen Hose trägt sie eine dezent gemusterte Tunika.

Morgenpost Online: In letzter Zeit haben Sie die meisten Ihrer Auftritte in Kampagnen-T-Shirts und schlichten Hosen bestritten. Auf dem Cover Ihrer aktuellen CD posieren Sie in einer Vivienne-Westwood-Robe. Zufall oder Richtungswechsel?

Annie Lennox: Das ist Zufall – wirklich! Bryan Adams wollte mich für seine Ausstellung in der Londoner National Portrait Gallery fotografieren. Auf einem Ständer im Studio hing dieses weiße Kleid, es wirkte recht schlicht, also zog ich es an. Das Ergebnis: ein wahrhaft puristisches Foto, das ich perfekt für mein Album fand. Privat mag ich nicht auffallen, deswegen bevorzuge ich Jeans und T-Shirt. Und was die Künstlerin Annie Lennox betrifft: Sie ist um einiges greller. Auf der Bühne kann ich mich ständig verwandeln, wie eine Schauspielerin schlüpfe ich von einem Charakter in den nächsten, das genieße ich so sehr wie mein Publikum.

Morgenpost Online: Entscheidet ein Stylist über Ihre Bühnenkleidung?

Lennox: Ich hatte nie einen. Okay, manchmal stellt jemand einige Outfits für mich zusammen, weil ich kaum Zeit zum Shoppen habe. Was ich tatsächlich trage,

entscheide ich jedoch allein. Schließlich geht es nicht darum, wie mich andere sehen, ich möchte meinen Look selber definieren. Eines meiner Lieblingsstücke ist beispielsweise der schwarze Kurzmantel, der da drüben auf dem Bett liegt. Den habe ich vor Jahren für 15 Pfund in einem Wohltätigkeitsladen erstanden. Er ist wie eine zweite Haut für mich. Das ist mir wichtiger als irgendwelche Trends. Ich muss mir nicht von einer Zeitschrift sagen lassen, dass Grau das neue Schwarz ist.

Morgenpost Online: Trotzdem scheinen Sie Ihre Weiblichkeit heute stärker zu betonen als in den 80er-Jahren.

Lennox: Weil ich damals oft Herrenanzüge trug, meinen Sie? Ich wollte eben keine dieser konventionellen Sängerinnen sein, die nur ein bisschen singen durften. Dave Stewart und ich waren bei den Eurythmics ebenbürtige Partner, das sollte meine Kleidung ausdrücken.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich in der Rückschau Ihren damaligen Erfolg?

Lennox: Wir waren zu jung, um Hippies zu sein, für die Punkbewegung wiederum waren wir ein wenig zu alt. Insofern konnten wir uns mit keiner Szene wirklich identifizieren. Das war gewiss ein Plus. Wir folgten abseits von allem unserer eigenen Vision.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielte das Publikum für Sie?

Lennox: Sicher, es war schön, als Musiker derart geliebt zu werden. Auf der anderen Seite war mir immer bewusst, dass sich die Menschen kein realistisches Bild von

mir machten. Die wahre Annie mit all ihrer Unsicherheit war ihnen fremd, sie projizierten bloß ihre eigenen Vorstellungen auf mich.

Morgenpost Online: Sie haben Ihre Popularität nicht wirklich genossen?

Lennox: Ich habe mich nie für die Größte gehalten, das entspricht nicht meiner Mentalität. Die 80er waren für mich einfach eine Dekade, in der sich alles ums Musikmachen drehte. Plattenaufnahmen, Videodrehs und Tourneen prägten damals mein Leben.

Morgenpost Online: Wie kam es dann vor 20 Jahren zu der Trennung der Eurythmics?

Lennox: Dave und ich haben einfach gespürt, dass es an der Zeit ist, getrennte Wege zu gehen. Ich sehnte mich nach totaler künstlerischer Freiheit, und endlich hatte ich das nötige Selbstbewusstsein, die Verantwortung für meine eigenen Projekte zu übernehmen.

Morgenpost Online: Trotzdem konzentrierten Sie sich dann eine Weile auf Ihr Privatleben.

Lennox: Ich wollte eben ganz für meine Familie da sein. Das Muttersein veränderte mich, ich wurde endlich erwachsen. Als ich mit 40 mit meinen beiden kleinen Kindern durch einige Geschäfte schlenderte, da wurde mir plötzlich klar: Ich bin kein Teil dieser Jugendkultur mehr, mit jedem Tag bewege ich mich ein Stück weiter von ihr weg.

Morgenpost Online: Haben Sie das bedauert?

Lennox: Ein wenig. Zugleich wusste ich aber, dass ich vor dem Älterwerden nicht davonlaufen kann. Und: Solange man sich einen jungen Geist bewahrt, ist das Reiferwerden ohnehin keine Tragödie. Im Übrigen bin ich heute viel entspannter als früher. Meine Hypersensibilität habe ich abgelegt – ein angenehmer Nebeneffekt einer gewissen Lebenserfahrung.

Morgenpost Online: Sie möchten also keine 20 mehr sein?

Lennox: Nein. Obgleich ich meine Töchter manchmal um ihre Energie beneide. Es gibt Momente, in denen ich mich ziemlich erschöpft fühle. Dann gucke ich mir diese beiden Teenager an und sehe ihren Enthusiasmus. Das ist schon toll!

Morgenpost Online: Wie erziehen Sie Lola und Tali?

Lennox: Ich möchte ihnen ein gutes Vorbild sein. Aber ich mache ihnen keine Vorschriften. Die beiden Mädchen sind ja intelligent, sie müssen ihren eigenen Weg finden. Gott sei Dank wachsen sie sehr privilegiert auf. Meine Kindheit war völlig anders, weil ich aus einer schottischen Arbeiterfamilie kam.

Morgenpost Online: Inwiefern hat Sie das geprägt?

Lennox: Bis heute weiß ich den Wert der Dinge zu schätzen. Theoretisch könnte ich mich auf den Malediven zur Ruhe setzen. Das Nichtstun würde mich aber rasch langweilen. Lieber setze ich mich für Menschenrechte ein.

Morgenpost Online: Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, in die Politik zu gehen?

Lennox: Nein. Ich misstraue Politikern prinzipiell. Aktivistengruppen wie Amnesty International oder Oxfam zu unterstützen bringt mehr, finde ich. Schließlich kümmern sich deren Mitarbeiter direkt um Notleidende.

Morgenpost Online: Wer gesellschaftlich so engagiert wie Sie ist, der muss ein Optimist sein, oder?

Lennox: Im Gegenteil – von Natur aus bin ich extrem pessimistisch. Leichtigkeit und Lebensfreude musste ich mir hart erkämpfen. Derzeit gelingt es mir recht gut, mich aufs Positive zu konzentrieren. Was indes nicht bedeutet, dass ich meine düsteren Gedanken endgültig besiegt hätte. Sie können mich ganz plötzlich wieder aus der Bahn werfen.

Morgenpost Online: Wie verhindern Sie das?

Lennox: Ich versuche, mich aufs Jetzt zu konzentrieren. Leider gelingt mir das nicht immer. Wir alle neigen wohl dazu, unsere Gedanken zu sehr in die Zukunft oder die Vergangenheit schweifen zu lassen. Fakt ist: Unseren Erinnerungen können wir nicht entkommen.

Morgenpost Online: Sprechen Sie von der Totgeburt Ihres Sohnes Daniel vor 21 Jahren?

Lennox: Sein Verlust war schrecklich für mich. Ich begriff, wie zerbrechlich das Leben im Grunde ist. Wie heißt es doch so schön: Wir werden geboren, um zu sterben.

Trotzdem darf man nicht kapitulieren. Eine Tragödie eröffnet einem vielleicht neue Perspektiven. Jedenfalls wurde ich empfänglicher für die Schicksale anderer und engagierte mich für Benefizprojekte.

Morgenpost Online: Sehen Sie sich als „role model“ für andere Frauen?

Lennox: Ich mag anderen nicht diktieren, was sie zu tun haben. Aber wenn meine Glaubwürdigkeit und Authentizität sie in ihren Bann ziehen – wunderbar! Geld allein macht nicht glücklich, denke ich. Ruhm erst recht nicht. Man sollte schon Musikerin aus Leidenschaft sein.

Morgenpost Online: Wie würden Sie das den Teilnehmern einer Castingshow erklären?

Lennox: Zunächst: Den Jugendlichen kann man eigentlich keinen Vorwurf machen. Es sind die Boulevardmedien, die diesen Celebrity-Kult hypen. Sie vermitteln definitiv falsche Werte. Heute ganz oben, morgen wieder unten – wie soll ein Teenager damit umgehen? Gewiss kann sich unter diesen Bedingungen kein echter Künstler entfalten.

Morgenpost Online: Trotzdem wollen immer mehr Teenager Popstars wie Rihanna oder Beyoncé nacheifern ...

Lennox: Dabei mutiert so ein gigantischer Erfolg rasch zum Albtraum, wenigstens wünsche ich mir die 80er-Jahre nicht zurück. Heute würde mir dieser Wirbel fast ein bisschen Angst machen. Ich bin eben nicht dafür geboren.