Symbolischer Kehraus

Berliner Staatsballett tanzt aus der Lindenoper

Mit einem symbolischen Marsch gen Westen hat das Staatsballett Berlin die Staatsoper Unter den Linden verlassen - gen Ausweichquartier Schillertheater. Und der dieser publikumswirksame Kehraus bedeutet tatsächlich eine Zäsur in der Geschichte der Ballettcompagnie. Denn ein Teil wird für immer im Westen bleiben.

Foto: Amin Akhtar

Kurz nachdem die letzten Klänge verhallt sind, präsentiert sich Vladimir Malakhov in ungewohnter Pose vor seinem Publikum: Mit einem Besen kehrt er symbolisch den Staub von den Stufen der Lindenoper. Nachdem er gerade noch halbnackt in „Symphony of sorrowful songs“ den bizarrsten Qualen ausgesetzt war, hat sich der Ballettintendant schnell in zivilere Kleidung geworfen. Weniger leidend wirkt er allerdings kaum: Schließlich verlässt das Staatsballett Berlin an diesem Abend für mindestens drei Jahre sein Zuhause, um für die dringend notwendige Renovierung des maroden Opernhauses Platz zu machen.

Für Malakhov, der den prunkvollen Knobelsdorff-Bau seit seinen ersten Engagements als Gasttänzer in den neunziger Jahren kennt und liebt, „ist es ein bisschen, als müsste ich plötzlich ohne mein Lieblingsessen, meine Lieblingskleidungsstücke auskommen. Es gibt in diesem Haus so viele Winkel, die mit Erinnerungen verbunden sind.“ Denn eine Rückkehr in die alten Räume ist für das Staatsballett nicht vorgesehen. Als an diesem Abend die goldverzierten Flügeltüren des Apollo-Saals geschlossen werden, hat das also beinahe etwas Endgültiges, Tragisches. Doch bevor sich Malakhov von Melancholie überwältigen lässt, strafft sich sein sehniger Körper. Nach dem letzten, fast trotzigen Besenstrich schreitet der Ballettintendant die Treppe des Portikus hinab und begibt sich, gefolgt von seinem 90-köpfigen Ensemble auf den Marsch nach Westen, Unter den Linden entlang nach Charlottenburg. Dort wartet bereits das Schillertheater als Ausweichquartier auf seine Truppe.

Eine Zäsur für das Staatsballett

In der Tat bedeutet dieser publikumswirksame Kehraus eine Zäsur in der Geschichte des Berliner Staatsballetts. Schließlich hat Malakhov von der Lindenoper aus eine Compagnie geschaffen, an die zu Anfang nur die wenigsten geglaubt haben. Nach Zusammenlegung der Ballettensembles von Staatsoper, Deutscher Oper und Komischer Oper und der Streichung von knapp 100 Tänzerstellen wurde das Konstrukt bei seiner Entstehung 2004 zunächst von Publikum und Presse mit Argwohn verfolgt. Dem Star, der wie ein schüchterner Teenager wirkte, traute keiner zu, ein neues Ensemble zu profilieren und durch die Sparwogen des Berliner Haushalts zu steuern. Die Vorzeichen waren alles andere als günstig. Malakhov und seine Vertreterin Christiane Theobald hatten sich nicht nur vorgenommen, einer ballettmüden Stadt wieder klassisch auf die Sprünge zu helfen, sie hatten sich auch verpflichtet, die Deutsche Oper in Charlottenburg und das prächtige Haus Unter den Linden im Wechsel zu bespielen. Dies erschien als geradezu unmöglicher Spagat.

Heute, sechs Jahre später, kann das Intendantenduo auf eine äußerst positive Bilanz zurückblicken. Die Gesamtauslastung ist auf über 80 Prozent angewachsen, die traditionelle Gala „Malakhov and friends“ füllt regelmäßig den Saal der Deutschen Oper und Deutschlands größte Ballettcompagnie hat zu einer tänzerischen Harmonie gefunden, die mittlerweile auch von Fachleuten neidlos anerkannt wird. Unter den 90 jungen Menschen, die nun mit einer Mischung aus Würde, Stolz und Leutseligkeit den Ostberliner Prachtboulevard entlangschreiten, befinden sich Stars, die ihre atemberaubende Karriere der Unterstützung ihres Intendanten verdanken. Die Menschenmenge, die sie auf ihrem Weg begleitet, zeigt, dass Malakhovs Compagnie längst in der Stadt verwurzelt ist.

Verwaltung bleibt für immer im Westen

Es ist also mehr als wahrscheinlich, dass das Publikum dem Staatsballett auch nach dem Umzug die Treue halten wird. Zwar dürften die opulenten Bühnenbilder von „Bajadere“ und „La Peri“ auf der eher nüchternen Bühne in Charlottenburg nicht dieselbe Wirkung entfalten wie zwischen den Ornamenten in der Lindenoper, doch überwiegen auch administrativ letztlich die Vorteile. Zwar soll das Staatsballett ab 2013 wieder regelmäßig in der Lindenoper auftreten, doch wird die gesamte Verwaltung im Westen bleiben. Das Intendantenpaar, das mit dieser Lösung lange nicht einverstanden war, gibt sich diplomatisch: „Es wird sicherlich vieles einfacher machen, dass wir endlich bessere Arbeitsbedingungen bekommen“, sagt Christiane Theobald. „Natürlich hat die Deutsche Oper eine ganz andere historische Aura als die Staatsoper. Aber wir als Staatsballett Berlin empfinden uns ja als die Erben aller drei Ballettensembles, die es früher gab. Insofern ist das alles unsere Geschichte.“

Im Januar soll die Compagnie in die frisch renovierten Intendanzräume im Malersaal und den Kaschierstätten der Deutschen Oper einziehen. Drei Probenstudios, eine Bibliothek und eine Mediathek werden dem Staatsballett zur Verfügungen stehen – allerdings erst nachdem der Bühnenservice, der noch in diesen Räumlichkeiten beheimatet ist, in sein neues Quartier am Ostbahnhof umgezogen ist. Es bleibt also noch eine Durststrecke während der Wintermonate zu überwinden. Zunächst jedoch strömt die Tänzerschar mit Elan in Richtung Westen, wo am 24. Oktober „La Peri“ das Schillertheater als Tanzbühne neu eröffnen wird.

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