Nachruf

Irving Penn war der letzte Klassiker der Fotokunst

Er schuf über 160 Titel für die "Vogue" und revolutionierte die Fotokunst: Der gerade gestorbene Irving Penn galt bereits zu Lebzeiten als Klassiker. Schon 1984 huldigte ihm das MoMA mit einer glanzvollen Retrospektive. Penns Werk ist einzigartig. Sogar das Vollkommene wollte er noch weiter vervollkommnen.

Was den Künstlern das New Yorker Museum of Modern Art, ist den Fotografen das Titelbild einflussreicher Magazine: Der Aufstieg in den Olymp der Unsterblichen. Irving Penn schuf 160 Titel für Vogue. Die Zeitschrift ist eine Institution, die größeren Einfluss auf die Mode hat als ihre Designer.

Das erste Cover erschien im Oktoberheft des Kriegsjahres 1943. Vielen gilt Irving Penn als der herausragende Fotograf der Nachkriegszeit. Der perfekteste war er sicherlich. Und nicht nur Vogue hat ihm gehuldigt, auch das MoMA - mit einer glanzvollen Retrospektive und das bereits anno 1984.

Es ist der unnachahmliche Stil, der Penns Werk einzigartig macht; das ständige Bestreben, Vollkommenes noch zu vervollkommnen. Seine Führung des Lichts war vollendet; scharfe Kontraste mied er. Von bewundernswerter Eleganz ist der Verlauf der Linien. Sie fügen sich stets zu einfachen Grundformen, dabei bevorzugte er das Dreieck.

Mit außergewöhnlicher Sorgfalt setzte er seine Sujets in Szene; karg und ohne überflüssige Dekoration; gewöhnlich vor neutralem, flachem Hintergrund, aber äußerst detailreich. Den Platindruck hatte er für sich entdeckt, weil das Verfahren die subtilste, nuancierteste und somit die genaueste Wiedergabe der Motive erlaubt. Sogar abgebrannte Zigaretten erhoben seine Bilder zu Kostbarkeiten. Obwohl das Spektrum seiner Bilderwelt weit gefächert war, sicherte der unvergleichliche Stil den Zusammenhalt nahezu zwanglos.

Irving Penn hat die Modefotografie nachhaltig geprägt. Gemeinsam mit Richard Avedon beherrschte er das Bild der Mode, solange sie sich als Haute Couture verstand und Eleganz repräsentierte. Die hinreißende Aufnahme der legendären Lisa Fonssagrives im Harlequin-Dress (1950), mit der er bis zu ihrem Tod verheiratet war, gehört nicht nur zu den Inkunabeln der Geschichte der Fotografie, sondern inzwischen auch der Kunst.

Das gleiche gilt für ihr ganzfiguriges Konterfei im Wassernixen-Kleid von Rochas (1950) und für Jean Patchett als "Dame mit Ziertuch" (1951) sowie zahlreiche andere Modebilder. Als Porträtist erreichte Penn jene Meisterschaft, die den Unterschied zwischen Modell und Erscheinungsbild zum Verschwinden bringt.

In der Konsequenz blendet sich das Erscheinungsbild fortan über das Modell. Zwei Beispiele illustrieren es: Hinter einem weißen Blatt Papier verbirgt sich der Zeichner Saul Steinberg. Nur zwei Löcher für die Augen und eine Auswölbung für die Nase beleben es (1979). Das Steinberg-Porträt schlechthin!

Nicht minder unvergesslich das angeschnittene Bildnis des Malers Barnett Newman im Halbprofil mit Monokel und exakt waagerecht gehaltener Zigarette in der unteren rechten Bildhälfte (1980). Berühmt wurden seine Porträts von Marcel Duchamp, Truman Capote, George Grosz und anderer prominenter Zeitgenossen im Spitzwinkel seines Studios (1948). Wie sie auf die Herausforderung reagierten, gibt mehr über sie preis, als sie vielleicht wollten.

Anno 1967 brach Irving Penn zum ersten Mal mit einem eigens angefertigten Reise-Atelier nach Afrika auf. Eindrucksvolle und bewegende ethnographische Studien sind die Ergebnisse dieser Expedition; um Welten entfernt, von den üblichen ethnographischen Fotos aus der gewohnt kolonialistischen Perspektive.

Da sich sein Stil durch Reduktion der Mittel auszeichnete und auf das unbedingt Notwendigste beschränkte, eröffnete er seinen Modellen in Marokko, Kamerun und anderswo in Afrika den Freiraum, der es ihnen erlaubte, im Abbild zu sich selber zu gelangen. Auch den leisesten Anflug von betonter Komposition unterdrückte er. Er ließ sich bisweilen von den Typenporträts des deutschen Fotografen August Sander inspirieren, ohne aber den eigenen Stilwillen in einen Filter der Wahrnehmung umzuschmelzen.

Atemberaubende Stillleben

Mit den atemberaubenden Stillleben von Zigarettenkippen und weg geworfenen Dinge überschritt Irving Penn bewusst die Grenzen zur Kunst. Diese Bilder des Nutz- und Zwecklosen liefern das Kontrastprogramm zu seinen verführerischen Werbe-Stills, etwa für Issey Miyake, denen nicht wenige Markenartikel überhaupt ihr werbewirksames Image verdanken.

Dem prachtvollen Glamour der Gegenstände ist das Kainszeichen des Verfalls gleichwohl unsichtbar, doch fühlbar eingebrannt. Irving Penn hat präziser als die meisten Fotografen das Wesen des Fotografischen erkannt und das vom Hauch des Vergangenen Infizierte in seine fulminanten fotografischen Bilder verwoben.

Als freiberuflicher Designer hat der am 16. Juni 1917 in Plainfield, New Jersey geborene Fotograf nach einem Studium an der Museum School of Industrial Art in Philadelphia seine Karriere begonnen. Während eines langjährigen Aufenthalts in Mexiko hat er sich intensiv mit Malerei und Fotografie beschäftigt und als Assistent der Gestaltertitanen Alexey Brodovitch und Alexander Liberman gedient.

Im Weltkrieg war er Sanitäter und Fotograf des "American Field Service" in Italien und Indien. Als Mode-, Werbe- und Porträtfotograf genießt er Weltruhm. Am 7. Oktober 2009 ist der einzige Klassiker unter den noch lebenden Fotografen in Manhattan gestorben.