Ein Finster-Ballett. Ein Märchen in Moll. Das ist das "Schneewittchen" von Angelin Preljocaj, eingekauft in Aix-en-Provence und nun aufgeführt vom Staatsballett in der Deutschen Oper. Ein Märchen für Erwachsene. Ohne choreographische Liebedienerei. Es tanzt pausenlose zwei Stunden und dies zu musikalischen Häppchen von Gustav Mahler: einem Tonband-Musik-Verschnitt unter Leitung der berühmtesten Dirigenten der Welt.

Es fängt nachtschwarz an und beklemmende Düsternis liegt auch weiterhin über der Szene. Selbst gefeiert wird nicht unter Festbeleuchtung. Schlimmer noch: Das Baby Schneewittchen kommt sogar auf offener Bühne, von einer dickbäuchig umhertorkelnden einsamen Königinmutter geboren, vor aller Augen zur Welt. Ein Püppchen. Der Vater, auch er ganz in Schwarz, entreißt es der Sterbenden. Doch im Handumdrehen wächst es heran, zum Teenager, zur heiratsfähigen jungen Frau.

Die böse Stiefmutter ist der Star

Doch immer wieder spukt die böse Stiefmutter hinein in das aufblühende Glück. Beatrice Knop tanzt sie, die geheime Hauptrolle des Balletts, mit rasender Vehemenz. Sie ist großartig, und ihr auch fallen eindeutig die stärksten Ideen Preljocajs zu. Wie eine Furie drückt sie dem am Boden hin und her gezerrten Mädchen den vergifteten Apfel in den Hals. Es setzt eine unvergessliche, hochdramatische Tanzszene wie auf Leben und Tod. Schneewittchen bleibt dabei auf der Strecke.

Dabei hatte sie sich doch gerade im Wald mit den sieben Zwergen aufs Herzlichste angefreundet: einer siebenköpfigen Akrobaten-Riege. Diese turnt kopfüber, kopfunter an langen Seilen von den Höhen einer höhlenreichen Felswand hinab und schnellt wieder in Windeseile hinauf: ein Flugrennen der Zwergen-Athletik, das lauten Beifall auf offener Szene heimst.

Eine vergleichbar sensationelle, herzlich unerwartete Nummer steht ganz am Ende. Statt der üblichen Hochzeits-Apotheose mit festlichem Schluss-Pas-de-deux gibt es eine hysterische Solo-Raserei der giftigen Stiefmutter, von Beatrice Knop hingefegt an der Rampe. Sie ist die bittere Tanzheldin des Abends. Gegen sie kann auch die schön gewachsene Elisa Carrillo Cabrera in der Titelrolle nicht an.

Sie weiß, wohlgewachsen wie sie ist, sich hübsch zu bewegen. Man sieht ihr gerne zu. Aber man wartet immer darauf, dass die Choreographie ihr endlich ein paar Augenblicke tänzerischer Herrlichkeit spendiere. Doch die bleiben aus. Auch ihrem ansehnlichen Partner Leonard Jakovina sind sie nicht beschieden. In der Mitte des Stücks klafft geradezu ein choreographisches Loch, das Kunst und Können der Liebenden annähernd zahnlos verschlingt.

Ein Dauerlauf der Tanzkunst

Dabei mangelt es nicht an Staffage, Effekten der dahinrätselnden Art. Urplötzlich schwebt vom Schnürboden die tote, schon halb und halb vergessene Mutter Schneewittchens hernieder und versucht, ihre Tochter ins Jenseits hinüberzuziehen. Sie rangelt mit der Scheintoten, packt sie, zieht sie halb und halb in die Lüfte hinauf. Dramatisch neue Post scheint wohlfrankiert abzugehen. Doch alles umsonst. Die schlafende Schöne sinkt nieder, entgleitet dem Zugriff der Mutter und bleibt liegen. Die Stiefmutter wiederum wird von zwei schwarz gekleideten Mädchen begleitet, die sie auf allen Vieren tänzerisch umknurren: Dienerinnen der ungemütlichen Art.

Der Trumpf der Aufführung ist und bleibt aber die Compagnie. Preljocaj versteht, sie gehörig zu hetzen. Er macht choreographisch Betrieb mit Armen und Beinen. Es setzt so etwas wie einen Dauerlauf der Tanzkunst, die sich verzweifelt bald nach dem einen, dann wieder nach dem anderen reckt. Prägnant wird die Choreographie selten. Sie setzt auf energiegeladene Schritte, selbst wenn diese nur auf der Stelle treten.

Thierry Leproust hat die Bühnenbilder gebaut. Es ging auch schon königlicher in Palästen zu. Immerhin markieren ihre Mauern den Ausstellungsraum von Jean Paul Gaultier, der die Kostüme entwarf. Ihre Vielfalt wird allerdings erst richtig ansehnlich, wenn beim Schlussapplaus endlich einmal volles Licht auf die Bühne fällt. Er begrüßte mit höchster Intensität außer Frau Knop allerdings einzig immer wieder die Zwerge. Sie ertanzten Preljocajs "Schneewittchen" am Ende den Donner-Erfolg.

Deutsche Oper , Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 343 84 01.

Weitere Vorführungen: 29. April; 6., 15., 17., 19., 2. Mai. Schneewittchen