„Er hatte es nicht leicht!“ Der Redner deutet auf einen betretenen jungen Mann, der seine rote Zipfelmütze wie ein Demutszeichen trägt. „Er! Hatte! Es! Nicht! Leicht!“ Der Mann fängt an zu tanzen. Seine Mütze hüpft, die Beine wirbeln und das Becken bebt, die Arme brechen anatomische Gesetze, und der Kopf hat mit dem Körper nichts zu tun. Dann setzt der Beat aus. Stolz erstarrt der Mann, der es nie leicht hatte, zum Denkmal mit dem würdevollsten Kopfputz, den es je im HipHop gab.
Der Redner reagiert mit triumphierendem Gebrüll. Tommy The Clown sieht sich ausdrücklich in der Tradition des tief im Inneren trübsinnigen Augusts, der bedauernswerte Elendskinder wenigstens in hoffnungsvolle und moralische verwandelt. Dafür schwitzt er unter einer regenbogenfarbenen Perücke, einem hippiesken Afro, und hat sich den Tarnanzug mit Glitzerwerk bestickt. So kennt man Thomas Johnson aus dem Tanzfilm „Rize“ von David LaChapelle.
Nun ist der korpulente Entertainer aus Los Angeles mit seinen jugendlichen HipHop-Clowns in Deutschland unterwegs. Die Tanzbewegungen des Clowning und des Krumping sind dabei, sich zu globalen Phänomenen auszuwachsen. Zu besichtigen war dieser zwangsläufige Gang der Dinge jüngst in „You Can Dance“, der Selektionsshow auf Sat1. Zunächst trat Tommy in der Sendung auf. Jetzt tritt der Sieger Dennis Jauch aus Bremerhaven auf in Tommys Bühnenzirkus. Die Columbiahalle in Berlin erlebt die rasende Geschwindigkeit, in der sich regionales Brauchtum in der Welt ausbreitet, wenn sich Pop- und Medienindustrie etwas davon versprechen. Dennis Jauch krumpt manchen Clown aus Crompton an die Wand.
„Rize live“ wirkt allerdings tatsächlich wie ein Wanderzirkus, der mit älteren Tricks und anerkennenswerter Akrobatik, mit Romantik und Geschrei noch etwas Geld einträgt, bevor in jeder Dorfdisco wie in L.A. und seinen Battle Zones gezappelt wird. Oder wie in den Videos von Madonna und Christina Aguilera. David LaChapelle, im Pop als Fotograf der glatten Oberfläche hoch verehrt, hatte in seinem hehren Ablassfilm die Tanzenden ans Licht gezerrt. Da krumpen sie nun ehrbar vor sich hin. Die Botschaft leidet selbstverständlich unter deutschen Hallendächern. Zwischen Rütli-Schule und South Central liegt noch immer mehr als eine Flugreise. Während die Vortänzer in ihren zeltartigen Spiderman-T-Shirts vom Traum beflügelt werden, aus den Kreisläufen der Ghettos auszubrechen, träumen sich Berliner oder Bremerhavener auf irgendwelche Bühnen, um etwas Beachtung zu erfahren.
Tommy präsentiert die reumütigen Sünder wie ein lustig kostümierter Fernsehprediger seine gewaschenen Schäfchen. Winzige Kerle werden vorgeführt als ehemalige Drogenhändler. Vaterlose aber selbstbewusste Kinder. Schulschwänzer, die plötzlich Briefe von Elite-Unis bei sich tragen. Und geläuterte Vandalen, die als Künstler heute Baseballkappen bunt besprühen. Alles durch die Tanzerei, die Tommy so erläutert: „Wenn du aussiehst wie ein unter Spasmen leidender Irrer, machst du alles richtig.“ Wohlmeinende Traditionalisten feiern eine rasende Vereinigung von Elementen schwarzer Tanzkultur im Krumping. Von den Fruchtbarkeitsbeschwörungen und Kriegseinstimmungen der Vorfahren in Afrika über die Kampfkünste des Actionfilms bis hin zu Jazz- und Breakdance.
Tänzer selbst betrachten ihre Kunst alltäglicher. „Wenn der Schrei eine Form annehmen könnte, würde er so tanzen“, sagt Lil C, der populärste Albsolvent der Clown Dancing Academy. „Krumping ist ein Weg, im Ghetto mit deinem inneren Aufruhr klarzukommen.“ Künstler wie Lil C legen inzwischen Wert darauf, sich abzugrenzen von den Clowns. Sie fühlen sich als einzig wahre Straßenakrobaten, ungeschminkt, geschickt und schön.
Der Clown legt also während seiner Reise seinerseits viel Wert darauf, die eigenen Pioniertaten hervorzuheben. „Es ist 1992“, bellt er. Dem verheulten Kind wird die Geburtstagsfeier vorenthalten. Eine schlimme Zeit: Wer schwarz ist, tobt über den Freispruch weißer Polizisten, die den Schwarzen Rodney King misshandelten, oder er plündert. Thomas Johnson wird entlassen aus der Haft und wandelt sich vom Gangmitglied zum Partyclown. Er sucht die Jüngsten heim. Es geht um HipHop, um die Rettung der Kultur vor Angebern und falschen Vorbildern und ihren gottvergessenen Kindern. „Rhythm is it!“ in L.A., ästhetische Bewältigung von Aggressionen. 15 Jahre später weisen die erwachsenen Krumper ihren Ziehvater auf Risse im moralischen Gefüge hin, die durch den Ausverkauf entstehen.
„Ausverkauf“ klang immer böse, und der HipHop-Clown krakeelt entsprechend traurig durch die Welt. Sein Tanz aber wirkt wie ein letzter, zuckender Triumph; er hatte es niemals so leicht wie heute: Die Sozialarbeit verkauft er selbst als Standardtanz, bevor es andere für ihn tun, vor allem ohne ihn.
Heute in Bremen, 26. Hamburg, 28. Braunschweig, 30. München, 31. Stuttgart, 3.2. Köln.

