Noch immer gibt es kaum etwas Erstaunlicheres unter der musikalischen Sonne als das einstündige "Requiem für einen jungen Dichter" von Bernd Alois Zimmermann, vor rund vierzig Jahren entstanden.
Es ist der Versuch, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kompositorisch miteinander zu verschrauben. Alles Geschehen, auch das Musikalische, klingt zusammen. Vom Tonband, das bei Zimmermann eine Hauptrolle spielt, ertönen die Stimmen von Hitler, des Papstes Johannes XXIII., von Churchill, Imre Nagy, Stalin. Gott sei Dank ist kaum zu verstehen, was sie sagen.
Aber sie haben es nachweislich gesagt. Das fällt nun auf die vom Klang geradezu eingekesselten Zuhörer nieder. Nach zehn Minuten beginnen erste Fluchtversuche aus der Philharmonie. Sechzig Ausreißer werden es in fünfzig Minuten. Von der Höhe der Ränge singen zwei Chöre nieder. Ein dritter, der Rundfunkchor, beherrscht hinter den Philharmonikern das Podium. Vorn an der Rampe zwei Sprecher, die Megaphone benutzen. Caroline Stein wirft ihren Parade-Sopran solistisch haushoch in die Luft. Neben dem hervorragenden Peter Eötvös am Pult nehmen sich drei weitere Co-Dirigenten der Aufführung an. Aufwendiger geht's nimmer.
Ein "Lingual" hat Zimmermann sein Requiem genannt. Es spricht (und singt) viele Sprachen. Es verschraubt sich zu den denkbar kühnsten Konstruktionen. Es berauscht sich an der eigenen Einzigartigkeit. Es ist ein Stück zum Mitdenken und Mitleiden. Es ist, weiß Gott, kein Stück für philharmonische Abonnenten.
Gtl



