Bollywood-Filme liegen im Trend und es ist auf den ersten Blick eine bezaubernde Idee, Eduard Künnekes angestaubte Operette "Der Vetter aus Dingsda" vor dem Hintergrund von exotischen Bollywood-Träumereien abzuspulen.

Jungregisseurin Cordula Däuper lässt an der Komischen Oper ihre Hauptfigur Julia, die seit sieben Jahren auf den Vetter aus Dingsda, pardon, Batavia wartet, auf großer Leinwand Liebesfilme anschauen. Die Szenen sind fast so schön wie Kino. Anna Henckel-Donnersmarck hat dazu Videoschnipsel zusammengestellt und augenzwinkernd aufgepeppt. Das Premierenpublikum hat seine Freude daran.

Aber Bollywoods Märchen machen den Vetter, der gegen Ende bei lautem Hubschrauber-Geräusch real auf die Bühne herabgeseilt wird, kleiner als Operettenhelden normalerweise sind. Das ist der Preis: Das Ensemble muss gegen indische Filmträume anspielen. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Eigentlich gehört Künnekes 1921 am Berliner Nollendorfplatz uraufgeführte Operette zu den berühmtesten, sprühendsten und in der Stadt leider fast vergessenen Werken der Gattung. Es ist ein Meisterwerk des sich selbst in Frage Stellens: Schon der Titel verweigert das seinerzeit gängige Klischee des exotischen Ambientes. Dingsda ist übrigens das heutige Jakarta.

Aber Bollywood hat nicht nur das Tempo der Inszenierung verlangsamt und beiläufig die Witztrefferquote verringert, sondern auch die Musik in ein Soundformat verwandelt. Patrick Lange am Pult entdeckt die Operette erstmals für sich. Das ist zu hören. Der junge Dirigent kostet den großen, präzise aufspielenden Orchesterapparat vollmundig aus, es schwelgt, es träumt von der Spätromantik, aber es zündet selten. Das Rhythmische, das Tänzerische bleibt weitgehend auf der Strecke.

Das Bühnenbild von Markus Karner soll in einen spießigen, von Koniferen umrandeten Kleingarten mit Gartenmöbeln entführen. Mittendrin ein Hochstand, auf dem sich die verhaltensauffällige, fast volljährige Julia vor ihrem Vormund Josef Kuhbrodt (urkomisch: Uwe Schönbeck) versteckt. Sopranistin Julia Kamenik verleiht ihrer Partie die nötige Leichtigkeit. Die eingängigsten Gesangsnummern bleiben Christoph Späth als August Kuhbrodt vorbehalten, der sich als einfacher Wandergesell wie mit seiner Beschreibung von Batavia gekonnt in Szene setzen.

Das Herz gehört den Komödianten: Vor allem auch Peter Renz, der - obwohl als Egon von Wildenhagen in den Rollstuhl verbannt - tatkräftig die Szene aufrollt. Christiane Oertel ist Wimpel, Thomas Ebenstein ein strahlender Vetter - und sein neues Herzblatt Hannchen wird von Anna Borchers mädchenhaft gespielt. Wo früher Türen geschmissen wurden, werden in dieser Verwechslungskomödie die Hubpodien rauf und runter gefahren. Insgesamt 130 Mal. Ein Kompliment den Technikern. Nur ein Schuh blieb bei der Premiere auf der Strecke, Gottseidank kein Fuß.

Komische Oper , Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 479 974 00

Termine: 6., 9., 13., 20. und 29. Mai