Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute bekanntlich so nahe liegt? Mitunter sogar das sehr Gute. Die New Yorker Philharmoniker jedenfalls haben einen besonders glücklichen Griff getan, als sie sich den New Yorker Alan Gilbert zum neuen Chef erwählten. Zum Nachfolger also von Lorin Maazel.
Gilbert kehrte nun an das Pult der Berliner Philharmoniker zurück, an dem er als Einspringer für einen erkrankten Kollegen vor Jahren schon einmal gestanden hatte, und zeigte sein volles Können: als Dirigent wie als Musiker. Das ist ja zumeist nicht das Selbe. Er riss Bohuslav Martinu aus dem ihm fahrlässig auferlegten dahindämmernden Dauerrespekt und wies mit der Aufführung der 4. Sinfonie einleuchtend die Wucht, Größe und Originalität des Meisters nach.
Martinu ging durch sein Musikjahrhundert, ohne sich je den Zwängen oder Verführungen der Aktualität zu unterwerfen. Seine über halbstündige 4. Sinfonie ist viersätzig auf die überkommene klassische Art, aber Martinu erfindet jedem Satz ein ganz eigenes Gesicht: Versonnenes und Versponnenes, Nachdenkliches und Rabiates. Ein musikalisches Panorama von großer Dichte entsteht, das Alan Gilbert mit dem neugierigen Orchester (es hat die Sinfonie zum letzten Mal vor zwanzig Jahren gespielt) mit höchster Intensität auszubreiten verstand. Vielleicht ist damit endgültig der über Martinu verhängte Bann gebrochen und er kann endlich zur Popularität Janaceks aufschließen.
Der Beginn des Konzerts in der Philharmonie war gleich zweimal Dvorak gewidmet: dem kleinen Musikmärchen von der grauslichen "Mitttagshexe", die unartige kleine Jungen vom Tisch weg wie Appetithäppchen schluckt, und dem Bestseller unter den Cellokonzerten, das Steven Isserlis auf seinem Stradivari-Cello geradezu hinbetete, den Kopf unter dem Kraushaar offenbar in den Wolken, die Finger jedoch unfehlbar auf der richtigen Saite. Ein Triumph.




