Kulturpolitik

Gründe für das Scheitern von Berlins Stardirigenten

Berlin ist für Dirigenten kein leichtes Pflaster. Das liegt vor allem daran, dass es nicht leicht ist, sich hier gegen die Konkurrenz zu behaupten. In der deutschen Hauptstadt gibt es sieben Orchester - aber eigentlich nicht genug Geld, um sie und ihre erstklassigen Dirigenten so zu unterhalten, wie es den divenhaften Stars angemessen erscheint.

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Dirigenten werden am euphorischsten gefeiert (und auch abgelehnt), wenn sie sich ein wenig divenhaft inszenieren. Aber in einer Stadt mit allein sieben großen Orchestern ist es fast unmöglich, überhaupt erst einmal als Diven-Anwärter wahrgenommen zu werden. Es gehört wohl zu den bittersten Erfahrungen eines jeden hoch motivierten, selbstbewussten Pultstars, dem, wenn er erst einmal in Berlin angekommen ist, von irgendeiner der Lobby-Verbindungen deutlich gemacht wird, dass diese Stadt nun nicht gerade auf ihn, sein viel zu elitäres Programm und vor allem seine überzogenen Geldforderungen gewartet habe.

Das Ergebnis: Alle amtierenden Orchesterchefs - mit Ausnahme des genialischen Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden - haben sich hinter ihre Agenturen und ihre künstlerischen Programme in die private Unnahbarkeit und kulturpolitische Verschwiegenheit zurückgezogen. Sie sind gesellschaftlich kaum präsent. So gesehen ist Berlin eine Orchesterstadt der Anti-Diven geworden.

Rattle und Janowski verhandeln still

Am konsequentesten hat dieses Anti-Diventum übrigens Marek Janowski vollzogen, indem er seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin das Motto "Das Wesentliche ist die Musik" auferlegte. Janowski verhandelt gerade stillschweigend über seine Vertragsverlängerung. Das ist weise. Auch Sir Simon Rattle, der bereits von seinen Philharmonikern in die Verlängerung über 2012 hinaus gewählt wurde, bevorzugt die leise Attitüde. Allerdings wurde bereits öffentlich, dass Rattle seine Anwesenheitszeiten in Berlin verkürzen will. Aber das sind normale Vorgänge. Dagegen ist ein Dirigent, der seine Verhandlungen öffentlich führen muss, bereits Vergangenheit.

Dieses öffentliche Ritual des Abschieds ist gerade bei Ingo Metzmacher und Lothar Zagrosek zu beobachten. Ihr Scheitern ist symptomatisch für Berlin. Denn ein Schuldiger ist in der Arm-aber-sexy-Hauptstadt immer schnell gefunden. Zuerst wird darauf verwiesen, dass diese oder jene Kulturinstitution einfach strukturell unterfinanziert sind. Im zweiten Schritt wird die Misere den Kulturpolitikern in die Schuhe geschoben, die ja nur Glamouröses, aber keine Visionen im Sinn hätten. Die wahren Gründe bleiben meist im Dunkeln.

Die üblichen Argumente

Ingo Metzmacher hat vor drei Wochen verkündet, beim Deutschen Symphonie-Orchester nicht mehr verlängern zu wollen, weil seinem Orchester - so Metzmachers poetische Umschreibung für Geldmangel - die Flügel gestutzt werden sollen. Und auch Lothar Zagrosek tut jetzt so, als wolle er wegen fehlender Zuwendung über 2011 hinaus nicht mehr Chefdirigent des Konzerthausorchesters am Gendarmenmarkt sein. Bei beiden Flüchtigen greift natürlich sofort obige Argumentationskette.

Beide Chefdirigenten hüllen sich plötzlich in Schweigen, weil angeblich hinter den Kulissen verhandelt wird. Worüber auch immer. Denn alle Beteiligten wissen, dass es kaum ernst zu nehmende Verhandlungsspielräume gibt. Die Wahrheit ist: Beide Dirigenten versuchen, in der Öffentlichkeit ihr Gesicht und vor allem ihren Marktwert zu wahren. Denn der dritte und mühsam verheimlichte Schuldige ist das jeweilige Orchester. Metzmacher wurde nur mit einer Zweidrittelmehrheit in die Verlängerung gewählt. Der Deal: Dafür sollte er den Einstellungsstopp beim Orchester weg verhandeln. Das ist gescheitert. Ein Drittel seiner Musiker war von vornherein gegen diesen Deal. Nicht alles lässt sich mit Geld ausgleichen: Metzmachers Hang zum Zeitgenössischen jenseits des Klassiker-Glamours ist nicht jedermanns Sache. Ähnlich läuft es auch bei Lothar Zagrosek, ebenfalls ein Spezialist fürs Zeitgenössische. Sein Konzerthausorchester möchte für 2011 einen Wechsel an der Spitze. Aber es spricht keiner öffentlich aus.

Insofern ist der Vorgang um Lothar Zagrosek ein Scheingefecht. Noch am Freitag hatte der Chefdirigent durch seinen Agenten mitteilen lassen, dass er seinen Vertrag nicht verlängern werde. Auf der gestrigen Jahrespressekonferenz wiederum verwies er auf das verabredete Stillschweigen, denn er habe sich in der kommenden Woche mit Kulturstaatssekretär André Schmitz verabredet. Der hatte auf seine öffentliche Mitteilung reagiert. Vorsorglich wies Zagrosek darauf hin, dass es weiterhin "gewichtige Gründe" dafür gäbe, seinen Vertrag auslaufen zu lassen.

Derweil äußerte sich Berlins Regierender Kultursenator Klaus Wowereit überrascht über Zagroseks Rückzug. "Wir waren darauf nicht vorbereitet", sagte er gestern im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses. "Ohne alle Interna öffentlich machen zu können, müssen wir jetzt klären, ob die Ankündigung Zagroseks endgültig ist", so Wowereit: "Wenn es so ist, dann gehört das eben auch zur normalen Vertragsabmachung. Dann wird die Nachfolgefrage so schnell wie möglich geregelt." Wowereit sagte außerdem, dass der Senat sich um eine Sponsorenzusage für das Konzerthaus in Höhe von 1,5 Millionen Euro bemüht habe. "Das Haus ist gut aufgestellt", betonte Wowereit. Auch Metzmacher sei mehr Geld zugesagt worden.

Womöglich sind in Berlin ja nicht die Dirigenten, sondern ihre Orchester die Diven.