Konzerthaus am Gendarmenmarkt

In Berlins Konzerthaus sind Neuanfänge Tradition

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird 25 Jahre alt und feiert dies vier Tage lang. Im Krieg wurde das einstige Schinkelsche Schausspielhaus zerstört. Es folgten die Auferstehung aus Ruinen und immer wieder Neuanfänge.

Das Konzerthaus bleibt voller Geheimnisse und Merkwürdigkeiten. Dabei ist es noch ziemlich jung, gerade einmal 25 Jahre alt. Ab Donnerstag feiert man am Gendarmenmarkt vier Tage lang Geburtstag. Genau genommen war es eine Wiedergeburt des Schinkelschen Schauspielhauses.

In der Fotoausstellung wird jetzt wieder ein altes Foto zu sehen sein, auf dem ein Pferdegespann den Gendarmenmarkt durchpflügt. Kriegszeiten sind Hungerjahre. Ein Geheimnis bleibt, so der frühere Intendant Frank Schneider, wie das alte Schauspielhaus in den letzten Kriegstagen zerstört wurde. Man wisse, dass sich eine SS-Einheit im Haus verschanzt hatte. Oder war es die sich zum Reichstag durchkämpfende Rote Armee?

Jahrzehntelang blieb das Haus eine Ruine. In den Siebzigerjahren, als die DDR ihr Preußenbild revidierte, kam auch der Gendarmenmarkt wieder auf die Tagesordnung. Aber man brauchte kein weiteres Theater, die Entscheidung fiel auf ein Konzerthaus. Als Vorbild für den Großen Konzertsaal diente der wesentlich kleinere einstige Konzert- und Ballsaal von Schinkel, der quasi nur aufgeblasen wurde. Die inhaltliche Ausgestaltung fiel hingegen schwerer, denn es sollte durchaus ein kulturpolitischer Gegenpol zur West-Berliner Philharmonie werden.

Aber alle Kenner wussten, dass das Ost-Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) keinesfalls mit den Philharmonikern konkurrenzfähig wäre. Insofern wurde von Anbeginn der Schwerpunkt auf ein programmatisches Konzerthaus gelegt, in dem vor allem auch westliche Klassikstars präsentiert werden sollten.

Startenor Peter Schreier wurde seinerzeit das Aushängeschild (und die graue Eminenz) des 1984 mit Staatspomp eingeweihten Konzerthauses. Solcherart Repräsentanten waren damals typisch: Dirigent Kurt Masur prägte das 1981 wiedereröffnete Gewandhaus Leipzig, Bassist Theo Adam die 1985 eingeweihte Semperoper Dresden.

Haus und Orchester sind endlich eine Einheit

Nach der Wiedervereinigung herrschte zunächst Ratlosigkeit angesichts der Ost-Berliner Konzertkonkurrenz. Ränkespiele führten dazu, dass dem Hausorchester 1991 kurzerhand gekündigt wurde. Lauter Protest verhinderte es. Das Berliner Sinfonie-Orchester war daraufhin noch zweimal von Auflösung bedroht. Zuerst sollte im Orchester der Komischen Oper aufgehen. Deren Chefdirigent Yakov Kreizberg sollte die Fusion übernehmen. Der BSO-Vorstand legte dem Dirigenten eine Liste vor, womit sie ihm künftig das Leben schwer machen würden. Daraufhin winkte Kreizberg ab und verließ irgendwann Berlin. Die zweite Fusion sollte mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sein. Die Rundfunk-Orchester und -Chöre (ROC) GmbH, überwiegend vom Bund finanziert, hatte ein Auge auf das Konzerthaus als eigene Heimstätte geworfen. Laut Schneider war die Fusion sogar intern längst abgesprochen, allerdings war Kultursenator Thomas Flierl damit zu früh an die Öffentlichkeit gegangen. Daraufhin wuschen alle künstlerisch Beteiligten ihre Hände lieber in Unschuld. Schließlich schaffte Schneider 2006 die Umbenennung in Konzerthausorchester, nachdem das Schauspielhaus bereits 2001 offiziell in Konzerthaus am Gendarmenmarkt umbenannt worden war. Seither sind Haus und Orchester eine Einheit.

Es gehört zu den Auffälligkeiten, dass nach der Wiedervereinigung vornehmlich die Konservativen auf Bundesebene die Tradition des Schauspielhauses zu schätzen wussten. Helmut Kohl und später auch Angela Merkel haben sich für das Haus eingesetzt. Ein Haus, das nicht nur Musik, sondern eben auch nationale Geschichte repräsentiert. So wurde in Schinkels Schauspielhaus 1821 Carl Maria von Webers Nationaloper "Der Freischütz" uraufgeführt. Und Intendant Sebastian Nordmann, der heute seinen ersten Festakt im neuen Amt leitet, wurde von den bis in die Gegenwart reichenden preußischen Linien des einst Königlichen Schauspielhauses überrascht: "Mein Vorgänger und Nachfolger bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern heißt Dr. Matthias von Hülsen. Die Überraschung: Am Konzerthaus gibt es zwei Vorgänger, die auch von Hülsen heißen, nämlich Georg Graf von Hülsen und Botho von Hülsen."

Konkurrenzerklärung an die Philharmoniker

Brüche und Neuanfänge gehören zur Tradition des Hauses. Ein Wechsel am Dirigentenpult steht 2011 bevor. Das Orchester hat sich als Nachfolger von Lothar Zagrosek den Ungarn Ivan Fischer gewünscht. Die Verhandlungen sind im Endstadium. Wer allerdings den künftigen Chefdirigenten im Konzert erleben will, muss sich schon auf den Weg in die Philharmonie machen, wo Fischer vom 22. bis 24. Oktober die Berliner Philharmoniker dirigiert.

Zur Konkurrenz? "Die Philharmoniker sind weltweit Branchenprimus - ein Vergleich hinkt deshalb allein schon aufgrund der Budgethöhe", sagt der neue Intendant: "Als Spielstätte für Fremdveranstaltungen - Konzerte ohne die Berliner Philharmoniker - stellt die Philharmonie natürlich eine Konkurrenz dar. Durch eine bessere Absprache sollte diese Situation aber zukünftig im Besucherinteresse variiert werden. Wir leben beide in einer gesunden Konkurrenz." Eine ziemlich klare Ansage.