Vertragsende

Auch Konzerthaus-Dirigent wirft das Handtuch

Nach Ingo Metzmacher vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) hat jetzt ein zweiter Chefdirigent angekündigt, seinen Vertrag in Berlin nicht zu verlängern. So beklagt Lothar Zagrosek vom Konzerthausorchester fehlende Unterstützung und sieht deshalb keine Perspektive mehr für sich in dem Haus am Gendarmenmarkt.

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Lothar Zagrosek hat offenbar genug von den Berliner Missständen. Der 66-Jährige ließ über seine Münchner Agentur mitteilen, dass er seinen Vertrag als Chefdirigent des Konzerthausorchesters über 2011 hinaus nicht verlängern wird. „Zagrosek bedauert ausdrücklich, dass er für eine Fortführung seiner seit drei Jahren von großer öffentlicher Zustimmung begleiteten inhaltlichen Neupositionierung des Konzerthausorchesters aufgrund der fehlenden Unterstützung seiner Arbeit keine Perspektive mehr sieht“, heißt es in der Kurzmitteilung. Zagrosek will sich erst am Montag öffentlich erklären.

Dass der Dirigent schon seit einiger Zeit über seinen Rückzug nachdenkt, ist bekannt, dennoch ist der Zeitpunkt der Bekanntgabe überraschend. Ursprünglich wollte er sich am Montag mit dem neuen Konzerthaus-Intendanten Sebastian Nordmann erstmals in der Jahrespressekonferenz gemeinsam präsentieren. Neue Intendanten möchten verständlicherweise einen guten, positiven Start haben. Zagroseks Mitteilung hat Nordmanns Antritt schon im Vorfeld beschädigt. Etwa absichtlich?

Die Chemie stimmt offenbar nicht

Hinter den Kulissen heißt es, die Chemie zwischen dem neuen Intendanten, Jahrgang 1971, und dem alten Chefdirigenten stimme leider nicht so, wie es alle Beteiligten erhofft hatten. Zwei Alphatiere müssen ihre Strategie abstimmen lernen. Tatsächlich steht das Konzerthaus am Gendarmenmarkt vor großen Problemen, die auf den ersten Blick rein finanziell begründet sind, auf den zweiten Blick aber auch eine fehlende Identifikation im Inneren offenbaren. Der 1984 wieder eröffnete Schinkelbau und das 1952 gegründete Orchester wurden eigentlich erst in der Ära Zagrosek zur Marke Konzerthausorchester zusammen geführt. Lange Jahre residierte es als Berliner Sinfonie-Orchester im Schauspielhaus.

Alte Strukturen und Geister sind zählebig. Das weiß Zagrosek, und es ist eines seiner Ärgernisse, wie mit den knappen Geldern zwischen Haus und Orchester jongliert werden muss. Da tröstet es wenig, dass mit Nordmanns Antritt die Kaiser's Tengelmann AG als Sponsor jährlich eine halbe Million Euro drauflegt. Das Geld soll in der Kinder- und Jugendarbeit angelegt werden.

Zagrosek fürchtet sich davor, dass ab 2010, wenn in Berlin die Tarifverzichte der öffentlichen Bediensteten enden, weitere Umschichtungen vom Orchesteretat ins Management erfolgen müssen. Das ärmste der großen Berliner Orchester, zugleich das letzte landeseigene, würde künstlerisch ausbluten. Bislang soll Zagrosek keinen Ansprechpartner in der Kulturverwaltung gefunden haben, der ihm Antwort auf brennende Fragen geben wollte. Der Regierende Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) habe in der Vergangenheit Treffen mit Zagrosek vermieden. Das verärgert jeden Chefdirigenten.

Erst im März hatte der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO), Ingo Metzmacher, auf seiner Jahrespressekonferenz überraschend angekündigt, seinen Vertrag über das Jahr 2010 hinaus nicht zu verlängern. Er klagte über zu wenig ausfinanzierte Musikerplanstellen beim DSO, also über zu wenig Geld.

Kulturverwaltung ist unbeeindruckt

Kurz zuvor erst hatten die Gesellschafter eine Etaterhöhung für die Träger-GmbH beschlossen, darunter auch das Land Berlin, das 20 Prozent hält. Zagrosek wiederum hatte sich geärgert, dass Berlin dafür Gelder freischaufelt, aber sein Konzerthaus darben lässt.

In der Berliner Kulturverwaltung zeigt man sich indes von allem unbeeindruckt. Kulturstaatssekretär André Schmitz habe sich mit Zagrosek darauf verständigt, sagt sein Sprecher, sich noch „zu Gesprächen über eine Vertragsverlängerung zu verabreden.“ Zumindest eine Seite muss unter Realitätsverlust leiden.