Nachdem Ingo Metzmacher überraschend am Donnerstag verkündet hatte, dass er seinen Vertrag als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) über 2010 hinaus nicht verlängern werde, sollen nunmehr doch Gespräche stattfinden. Gleichzeitig kündigte Marek Janowski, Chefdirigent des konkurrierenden Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB), an, seinen Vertrag über 2011 hinaus verlängern zu wollen. Beide Orchester gehören zur Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) – und liegen dauerhaft im Verteilungskampf um Image und Subventionen.

„Herr Metzmacher sucht wieder das Gespräch mit uns“, sagte ROC-Intendant Gernot Rehrl. Und: „Die Tür steht immer noch einen Spalt offen.“ Er hatte in seinem Büro ein Fax von Metzmachers Agenten mit dem Wunsch nach einem Gespräch vorgefunden. DSO-Orchesterdirektor Alexander Steinbeis verweist auf die Erklärung von Metzmacher, der sich in der Schweiz aufhält. „Wenn sich die Bedingungen verbessern“, so Steinbeis vorsichtig, „kann ich mir vorstellen, dass er verhandlungsbereit sein mag.“

Metzmachers Vorgehen überraschte

Erst am Montag hatten die Gesellschafter der ROC getagt, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Metzmachers Vorgehen hatte sie überrascht und – so ist zu vernehmen – genervt. Denn erst kurz zuvor war eine Etaterhöhung um sechs auf insgesamt 34 Millionen Euro beschlossen worden. Daran wollen die Geldgeber auch festhalten, selbst wenn die ROC und insbesondere das DSO nach Metzmachers Auftritt öffentlich beschädigt sind. Kritisiert an dem Vorgang wird die finanzielle Maßlosigkeit in wirtschaftlichen Krisenzeiten.

Die Ankündigungen der beiden Chefdirigenten stehen natürlich in Zusammenhang, auch wenn es alle offiziell so nicht darstellen wollen. Aber es ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass sofort nach Metzmachers Hinwurf die Verlängerungsverhandlungen mit Janowskis Agenten aufgenommen wurden. Vorfristig wohlgemerkt, aber sicher ist sicher.

Bei seiner Jahrespressekonferenz am Mittwoch machte der an sich in der Öffentlichkeit sehr verschlossene Marek Janowski einen geradezu ausgelassenen Eindruck. Am vergangenen Freitag, dem Tag nach Metzmachers virtuosem Abgang, hatte er fürs RSB die künftigen Planungszahlen vorgelegt bekommen. „Ich habe präzise ausformulierte Wünsche“, sagte Janowski und fügte hinzu: „Aber wir sind auch Realisten und wissen um bestimmte Grenzwertigkeiten.“

Zunächst geht es für beide Orchester um die ausfinanzierten Musikerstellen. Beide verfügen zwar auf dem Papier über 114 Stellen, aber das bleibt Wunschdenken – letztlich wurden bei Metzmachers DSO in der Vergangenheit real stets mehr Musiker finanziert als bei den Rundfunksinfonikern. Das sorgte intern immer wieder für Querelen.

Jetzt soll das DSO auf 103 (maximal 106) Stellen herunter gefahren werden, währenddessen Janowskis RSB von 98 auf real bezahlte 102,5 Stellen hoch gestuft wird. Die Verhandlungen darüber werden bis Juni abgeschlossen sein, Metzmacher hat seinerseits allerdings sofort die Reißleine gezogen. Intendant Rehrl beschwört nach wie vor die „gerechte Aufteilung“. Wohl wissend, dass sich diesmal die andere Seite ungerecht behandelt fühlt.

Konkurrierende Konzertprogramme

Derweil konkurrieren die beiden Chefdirigenten aufs Charmanteste mit ihren Saisonprogrammen. Janowski kündigte den Schwerpunkt „Vive la France“ an, wobei der in Paris lebende Dirigent in der französischen Musik entgegen vieler Klischees die große Ernsthaftigkeit entdecken möchte. Darüber hinaus setzt er auf Beethoven. Sein Zyklus kombiniert jeweils zwei Sinfonien mit einem Streichquartett. Er will die Differenz zwischen sinfonischer Weltanschauung und struktureller Kammermusik aufspüren. Janowski ist der ewige Zweifler, ein Faust am Dirigentenpult.

Metzmacher dagegen will beim DSO in der nächsten Saison das Mephistophelische, die finstere Verführung in der deutschen Musik heraus arbeiten. Und so macht jeder Chefdirigent das, was er in sich trägt und am besten kann – Rücktrittsandrohungen eingeschlossen.