Holleri-du-dödel-du. Oder heißt es holleri-du-dödel-dö?

Sagen sie jetzt nicht, das mache keinen Unterschied. Du oder dö, das sei doch piepschnurzegal. Es ist weder piep noch schnurz noch egal. Die Nummer, in der Evelyln Hamann bei einem gewissen Loriot die Schulbank drückte, um sich ein Jodeldiplom zu basteln („da hat man was Eigenes, wenn die Kinder aus dem Haus gehen“), ist eine der Sternstunden des deutschen Humors.

Was schon insofern komisch war, als Hamann sowohl als holleridudödelnde Hausfrau als auch in den meisten anderen Rollen stets den Eindruck vermittelte, dass sie sich gar nicht groß verstellen musste, um die Zuschauer zum Lachen zu bringen. Die Bewunderung für ihren Mut zur Verschrobenheit mischte sich immer mit einem leichten Schaudern.

Sie war nie der Typ Frau, den man sich zur Mitbewohnerin in einer WG gewünscht hätte. Wer Evelyn Hamann jemals persönlich im Interview erlebt hat, wurde das Gefühl nicht los, dass er einer Figur von Loriot gegenübersaß. Umständlich, divenhaft - und garantiert humorlos. Schon aus der Frage, in welchem Winkel sich Interviewer und Hamann zueinander platzieren sollten und ob die Obstschale auf dem Tisch direkt vor ihrer Nase oder doch lieber rechts oder links davon stehen sollte, konnte sie eine Wissenschaft machen. Wer ist diese Frau, die ihre Mitmenschen mit ihrem Perfektionismus regelmäßig an den Rand des Wahnsinns treibt?

Die Sache mit der Nudel an der Nase

Am 6. August wird die Hamburgerin 65 Jahre alt, und als Geschenk hat ihr der Norddeutsche Rundfunk (NDR) vorab einen ganzen „Abend mit Evelyn Hamann“ gewidmet, Titel: „Bitte sagen Sie jetzt nichts.“ Zum Auftakt zeigte der NDR ein beinahe zweistündiges Porträt der Komikerin. Christian Stöffler hatte sich die Mühe gemacht, eine Art „Best of ...“ aus Hamann-Filmen und Loriot-Sketchen zusammenzustellen und einzelne Szenen von Weggefährten der Schauspielerin kommentieren zu lassen.

Man sah noch einmal Hamanns ausdruckloses Gesicht, während ihr cholerischer Chef, Loriot, ihr in einem italienischen Restaurant mit einer Nudel an der Nase versuchte, ihr seine Liebe zu gestehen: „Fräulein Hildegard, sagen Sie jetzt nichts ...“ Und danach den Kollegen Fritz Wepper, der sich pflichtschuldig begeisterte: „Evelyn ist entzückend – die beiden haben sich wunderbar ergänzt.“

Die wundersame Verwandlung der Frau Hamann

Man sah Hamann auch mit hochgeschlossener Karobluse und Schneckenfriseur, wie sie in der „Schwarzwaldklinik“ als besenhafte Haushälterin Carsta Michaelis innerlich bebte, als ihr der von ihr heimlich umschwärmte Nachbar (Wolfgang Wahl) an den Kopf wirft: „Du bist `ne richtig olle vertrocknete Jungfer, wenn ich das so sagen darf.“ Und gleich darauf den TV-Produzenten Wolfgang Rademann, der, um seine persönliche Meinung zu Hamann befragt, sich in Floskeln flüchtete: „Komische Schauspielerinnen sind immer auch tragisch.“

Und man wurde Zeuge einer wundersamen Verwandlung: In dem Film „Wut im Bauch“ (1999) spielte Hamann eine geschasste Bänkerin, die sich als Mann verkleidet, um einen Job als Filialleiterin zu bekommen. Verbiegen muss sie sich dafür nicht. Evelyn Hamann hat eine dunkle Stimme, und sie strahlt eine kaum verhohlene Autorität aus, wenn sie je-de Sil-be ein-zeln ak-zen-tu-iert und mit eckigen Handbewegungen unterstreicht, wie um jeden Zweifel daran zu beseitigen, dass sie es ist, die die Hosen anhat, in jeder Lebenslage. Es entbehrte nicht der Ironie, dass ihre Frau Mayer – „mit a ypsilon“ – nach dem Ende der Maskerade zu dem Schluss gelangt: „Frauen sind die besseren Männer.“

Geheimsache Privatleben

Es war einer der wenigen Momente in diesem Porträt, der dem Bild der Evelyn Hamann eine neue Facette hinzufügte. Sie selber hat aus ihrem Privatleben stets ein Geheimnis gemacht. Die Tochter des ehemaligen Konzertmeisters des NDR-Sinfonieorchesters ist einmal geschieden und lebt in Hamburg, das ist alles, was man über sie weiß.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie schwer es Stöffler hatte, Prominente zu finden, die bereit waren, sich vor der Kamera über die Kollegin zu äußern. Nicht einmal der Mann, der sie vielleicht am besten von allen kennt, trat auf. Loriot, ihr Entdecker. Das lässt tief blicken.

Sprach man Evelyn Hamann in Interviews auf ihre Vergangenheit mit Loriot an, konnte es vorkommen, dass sie einen ansah, als wolle sie gleich eine Pistole aus der Handtasche ziehen. „Also Kindchen, ich weiß wirklich nicht, wie oft ich diese Geschichten schon erzählt habe ...“ Einträchtig jodel-di-dö-ten die beiden nur vor der Kamera. Warum, ließ das „Best of ... „ aus den Hamann-Filmen wenigstens erahnen.

Fluch und Segen zugleich

Die Begegnung mit dem Grandseigneur des deutschen Humors war für sie Segen und Fluch zugleich. Bis heute hat es Hamann nicht geschafft, aus dem Schatten ihres Entdeckers zu treten. Man würde sie gerne mal als Killerin in einem Psychothriller oder als Hartz-IV-Empfängerin sehen, die das Leben schwer gebeutelt hat. Im Fernsehen wird sie aber überwiegend auf die Rolle der Schreckschraube reduziert, die zwischen Bosheit und Harmlosigkeit schillert. Das macht Hamann zur tragisch-komischen Figur. In der Talkshow „NDR Schaubude“ befragt, ob sie heute noch Kontakt mit Loriot habe, wurde Hamann verdächtig schmallippig. Nein, sie telefoniere kaum noch mit Herrn von Bülow. „Ich darf mich aber eine Freundin des Hauses nennen.“

Es ist also ein vermintes Terrain, auf das sich Stöffler gewagt hat. Sein Porträt verlangte dem Zuschauer einiges an Interpretationsarbeit ab. Denn die Kommentare der Weggefährten der Schauspielerin verrieten zum Teil mehr über sie selbst als über die Schauspielerin. So bekannte „Hoppel-Heide“, die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein: „Ich habe mir neulich einen Rucksack halb über die Schulter gehängt und damit ein Glas vom Tisch gefegt - peinlich.“

"Ich habe sie nie küssen gesehen"

Und wie auf Kommando brach der Brachial-Komiker Ingo Oschmann in schnorchelndes Horst-Schlämmer-Gelächter aus, als Familie Hoppenstedt noch einmal Bescherung unterm Weihnachtsbaum feierte: „Wie kann man seinen Sohn bloß Dicky nennen?“ Gegenfrage, Ingo. Wie lebt es sich mit einer einzigen Hirnzelle? Der Gratulantin werden sich angesichts so viel geballten Sachverstands die Fußnägel hochgerollt haben. Noch weniger amused wird sie allerdings über die wenigen O-Töne gewesen sein, die den Nebel um ihre Person tatsächlich ein wenig lichteten.

Die Schauspielerin Daniela Ziegler erzählte, bei Dreharbeiten habe Hamann stets woanders als der Rest des Teams übernachtet. „Sie brauchte immer Abstand.“ Nicht einmal zum spontanen Absacker an der Hotelbar habe man sie überreden können: „Sie musste sich auf ihre Rolle vorbereiten.“ Ein Leben im Dienste des Humors, auch nach Drehschluss. Der ehrlichste Satz stammte bezeichnenderweise von ihrem Friseur, Udo Walz. Er sagt: „Ich habe Evelyn Hamann nie küssen gesehen.“