Gibt es zurzeit eine vollkommenere Geigerin als Hilary Hahn? Wohl kaum. In der Philharmonie erfüllte die 29jährige Amerikanerin den Traum eines jeden Geigenpädagogen - Musik und Körper befanden sich im perfekten Einklang. Jede Bewegung, jeder ihrer Muskeln ordnete sich auf höchst ökonomische Weise dem musikalischen Energiefluss unter. Aus Hahns noch immer kindlichem Antlitz strahlte eine altersweise Seele.
Ihr braun-goldenes Glitzerkleid schaffte eine wohlig aparte Atmosphäre für einen ungewöhnlichen Kammermusikabend. Zu Werken von Ysaÿe, Brahms und Bartok gesellten sich drei Sonaten von Hahns Landsmann und Querdenker Charles Ives. Nicht gerade ein Programm, das den Großen Saal füllt, möchte man meinen. Doch Hilary Hahn bewies das Gegenteil. Trotz des bequemen Schuhwerks, das unter ihrem Kleid hervorlugte, ist sie noch nie im Leben den bequemen Weg des populären Geschmacks gegangen. Dafür wird sie nach wie vor von ihrem Publikum verehrt und geliebt.
Auch diesmal leistete sich Hilary Hahn wieder den Luxus, ihren Entdeckerdurst zu stillen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne missionarischen Eifer. Alles wirkte leicht und natürlich, streckenweise aber auch glatt und emotional unbeteiligt. Die nachromantisch lodernden Solosonaten Ysaÿes durchdrang Hahn mit kühler intellektueller Neugier. Die Ungarischen Tänze von Brahms ummantelte sie mit ebenmäßigem Elan. Hahns Begleiterin, die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa, bewegte sich geschmeidig wie eine Katze über die Tastatur. Ihr weicher, etwas pedalverliebter Klang kontrastierte mit dem edlen Platin-Ton der Geigerin.
Am eindrucksvollsten an diesem Abend: Bartoks "Rumänische Volkstänze". Urplötzlich wurde Hilary Hahn hier von wild funkelnder Spiellust gepackt. Paganinis "Cantabile" und eine Reprise des 5. Ungarischen Tanzes von Brahms folgten als Zugaben.



