Filmkritik

"Shahada" - Ein Film über Berliner Muslime

Als die Tochter zu Hause plötzlich den Teppich ausrollt und zu beten beginnt, muss ihr Vater, ein Imam, sie zurechtweisen: "Das ist die falsche Richtung. Mekka ist dort." Ein Lacher im Film. Aber auch ein Schlüsselmoment. Denn in "Shahada", dem zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag, geht es um junge Muslime in Berlin.

Sie alle kommen in einen Konflikt mit ihrem Glauben, müssen sich neu orientieren und werden gezwungen, sich für einen Weg zu entscheiden. Da ist Maryam (Maryam Zaree), besagte Tochter, die westlich-liberal groß geworden ist, die mit ihrer Freundin in die Disco geht. Doch sie ist schwanger, will illegal abtreiben - und kann die Folgen vor ihrem Vater nicht verbergen. Da ist Samir (Jeremias Acheampong), ein junger Nigerianer, der sich in einen Arbeitskollegen verliebt, sich seine eigene Homosexualität aber nicht eingestehen will, weil ihn das in Konflikt mit seinem Glauben bringen würde. Und da ist Ismail (Carlo Ljubek), ein Polizist, der vor Jahren versehentlich eine schwangere Bosnierin (Marija Skaricic) angeschossen und den Embryo getötet hat. Jahre später begegnet er ihr wieder und will seine Schuld wiedergutmachen - indem er Frau und Kind verlässt.

Alle drei Episoden kreuzen sich im Fastenmonat Ramadan in der Moschee eines aufgeklärten islamischen Geistlichen, auch später überlappen sich die losen Fäden des Öfteren, ohne fest miteinander verknüpft zu werden. Dafür ist der Film streng in fünf Akte eingeteilt, wie ein klassisches Drama, könnte man meinen. Aber eben auch wie die fünf Säulen des Islam, von denen die Schahada (das Glaubensbekenntnis) das erste ist.

Burhan Qurbani, der Regisseur und Drehbuchautor, hat es sich dabei nicht leicht gemacht und konsequent jegliches Klischee weiträumig umschifft. So gibt es bei ihm eben keine verbohrten, traditionalistischen Väter, gegen die man sich auflehnen müsste. Der einzige Fundamentalist ist im Gegenteil ausgerechnet die Tochter des Imam, die ihre Schwangerschaft (und die Blutungen nach der Abtreibung) als Strafe Gottes ansieht, weil einst bei ihrer Geburt die Mutter starb. Und auch die Täter-Opfer-Konstellation der Polizisten-Episode ist weit differenzierter, als dies zunächst scheint: Auch die Bosnierin war damals ungewollt schwanger und empfand den Verlust ihres Kindes als einen Segen Gottes.

"Shahada" besticht vor allem durch den souveränen und virtuosen Einsatz seiner Stilmittel; und das überrascht umso mehr, als dies der Abschlussfilm von gleich vier Filmstudenten der Filmakademie Baden-Württemberg ist: von Burhan Qurbani, dem Regisseur; von Yoshi Heimrath, seinem Kameramann; von Barbara Falkner, der Szenenbildnerin, und Leif Alexis, dem Produzenten. Qurbani, obwohl stets der Jüngste in seinem starken Akademie-Jahrgang, hat schon mit Kurzfilmen wie "Illusion" (2007) von sich reden gemacht. Und mit "Vögel ohne Beine" (2006), dem Pilotfilm zu einer - nie realisierten - TV-Serie über türkische Familien in Kreuzberg. Wie ein routinierter Filmemacher weiß er die Episoden in "Shahada" gekonnt nebeneinander zu führen. Mitunter muss man gar an Episodenfilme wie "L.A. Crash" oder "Magnolia" (das war einmal ein Berlinale-Gewinner) denken. Dabei ist Qurbani vor kurzem erst 29 Jahre alt geworden ist und wirkt auf der Berlinale sichtlich nervös, weil seine Diplomarbeit im Wettbewerb läuft. Er hatte den Film eigentlich nur für die Panorama-Sektion eingereicht; doch das Auswahlkomitee befand ihn für zu gut und stellte ihn gleich ins Rennen um die Bären.

Qurbani, in Erkelenz geboren, ist der Sohn afghanischer Flüchtlinge. Er ist mit zwei Kulturen aufgewachsen, der islamischen und der deutschen. Sein Großvater prägte sein Bild vom Islam. Als seine Eltern sich trennten, war das ein Skandal in der Diaspora. Und genau Widersprüche dieser Art innerhalb der zwei Kulturen wollte er aufzeigen. "Shahada", das erklärte Qurbani gestern auf der Berlinale-Pressekonferenz, solle kein Film über Religion sein, sondern ein Aufruf zum Dialog: "Lasst uns miteinander sprechen, das ist das Ziel dieses Films."

"Shahada" korrespondiert dabei ganz offensichtlich mit "Die Fremde" von Feo Aladag, der im Panorama lief und von einer jungen Deutschtürkin handelte, die sich in Berlin als alleinerziehende Mutter selbst verwirklichen will. Beide Werke spiegeln einander und ergänzen sich. Es dürfte der Berlinale-Leitung schwer gefallen sein, welchen der beiden Werke man im Wettbewerb zeigen sollte; stellt "Die Fremde" doch auch einen starken Beitrag zu dem leider immer wieder aktuellen Reizthema "Ehrenmord" dar (was für ein schreckliches, falsches Wort, selbst wenn man es noch in Anführungszeichen setzt!). "Shahada" mag am Ende die versöhnlichere Wahl gewesen sein, vielleicht aber auch die mutigere: weil es hier nicht um die Konfrontation zweier Welten geht, sondern um einen Dialog zwischen ihnen.

Die Enden der Episoden, die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, werden hier zwar angedeutet, aber nicht zu Ende erzählt. Auch das eine kluge dramaturgische Wahl. Der Film entlässt einen nicht mit lauter Antworten, sondern stellt weiter Fragen auf. Um den Filmnachwuchs in diesem Land, das zeigt diese Diplomarbeit deutlich, muss man sich keine Sorgen machen.

Termine: Heute, Friedrichstadtpalast, 12 und 18 Uhr; International, 23 Uhr; Sonntag, International, 22 Uhr

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