Berlinale

Der Berlin-Film ist wieder schwer in Mode

Eine ganze Reihe von Filmen bei der diesjährigen Berlinale spielen in Berlin. "Die Friseuse" von Doris Dörrie bricht mit dem letzten Tabu - der Fettleibigkeit und zeigt zugleich, dass sogar Marzahn als Filmkulisse taugt. "Die Fremde" gewährt Einblick in die Welt von Berlins Migranten.

Überall, heißt es in einem Berlin-Film von 1987, ist es besser, wo wir nicht sind. Der Filmtitel wurde zum geflügelten Wort. Und wirklich konnte nichts besser das alte Gefühl beschreiben, das man bis zum Mauerfall zumindest in der Halbstadt, der West-Insel, als das einzig richtige empfand: Hassliebe.

Das ist längst vorbei. Spätestens seit den X-Filmen "Das Leben ist eine Baustelle" und "Lola rennt". Seit der Ballung des deutschen Filmwesens in der geeinten Hauptstadt. Ja auch seit Dieter Kosslick "Mr. Berlinale" wurde und das Festival wieder dem deutschen Kino öffnete.

Jede Menge Berlin-Filme

Auf dem diesjährigen Festival jedenfalls gibt es eine ganze Reihe von Berlin-Filmen, bei denen von der alten Hassliebe nur noch die Liebe bleibt. Sie zeigen gleichzeitig ein so breites Spektrum, dass man gar nicht glauben mag, dies alles könne in derselben Stadt spielen. Ein neues Heimatgefühl tut sich hier auf. Berlin atmet das, was wir jetzt einfach mal mutig als Pioniergeist bezeichnen. Berlin erweist sich als Stadt der Zukunft und der Möglichkeiten, auch in Ecken, wo man das erst mal nicht vermutet, und in Bevölkerungsschichten, die wir kaum wahrnehmen.

Berlin, verheißungsvolle Stadt. Eine Mittdreißigerin, gescheitert und geschieden, zieht wieder dahin, wo sie aufgewachsen ist, mit Tochter, aber ohne Job. Das Arbeitsamt weiß ihr keinen zu vermitteln, und als sie sich doch mal auf eine Stelle bewerben darf, noch dazu in dem Beruf, den sie erlernt hat - Friseuse, nicht Frisörin, darauf legt sie Wert -, da lehnt man sie pikiert ab: "Der Friseurberuf ist ein ästhetischer Beruf. Und Sie, Sie sind nicht ästhetisch."

Tatsächlich ist Kathi König übergewichtig. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Dickleibigkeit ist vielleicht das letzte Tabu, an das wir noch nicht gerührt haben (nachdem schon Sex im Alter kinotauglich wurde). Und Doris Dörrie rückt dies in ihrem allerersten Berlin-Film überhaupt, "Die Friseuse", konsequent immer wieder ins Bild, mutig verkörpert (und um einen sogenannten Fettanzug erweitert) von Gabriela Maria Schmeide. Diese Frau erntet nur Hohn und Spott.

Die Verlierer von Marzahn

Sie wohnt im Verliererbezirk Marzahn. Aber siehe da: Der Kiez dort ist längst nicht mehr so trist plattenbaugrau. Und auch Kathi König sollte man nicht unterschätzen. Sie will es jetzt wissen, will gegenüber von dem Frisiersalon, der sie abgeschmettert hat, einen eigenen Laden eröffnen.

Und nimmt, eine Donna Quichote, den Kampf mit den Windmühlen Bürokratie und Bankensystem auf, um ihren Traum zu verwirklichen. Auch Guido Westerwelle sollte sich diesen Film anschauen, er könnte darin lernen, dass es nicht "nur noch Bezieher von Steuergeldern" gibt, dass Leute gerne arbeiten würden, wenn man sie nur ließe.

Das Marzahn der Münchnerin Dörrie (vielleicht muss man von so weit außen kommen, um das festzustellen) ist so bunt und prall wie diese Kathi König. Und hat nichts mehr von Jammerossiland. So wie "Boxhagener Platz" von Matti Geschonnek (wie "Die Friseuse" als Berlinale-Special programmiert) so gar nichts von den alten DDR-Klischees auffährt.

Ja, so war sie, die DDR

Torsten Schulze, der seinen eigenen Roman zum Drehbuch machte, widerlegt die verordnete Gesichtslosigkeit des Individuums im Arbeiter- und Bauernstaat. Stellt den Alltag in der DDR so nach, dass jeder, der es erlebt hat, sagen wird: So war's, und jeder, der es nicht erlebt hat, hier einen anschaulichen Museumsgang vorgeführt bekommt. Die Stasi horcht und guckt auch hier, aber es gibt noch andere Geschichten zu erzählen.

Interessant, dass sich gleich zwei Beiträge auch mit den Migranten beschäftigen, die das Stadtbild so prägen, aber in Berlinfilmen meist nur stereotype Statisten bleiben. In "Shahada", der am Mittwoch im Wettbewerb läuft, werden gleich drei Episoden von Muslimen in Berlin erzählt: Eine handelt von einem Mädchen, das westlich aufgewachsen ist und deshalb Konflikte mit seinem traditionalistischen Vater auszutragen hat.

Das führt direkt zum Panorama-Beitrag "Die Fremde", in dem eine Deutschtürkin aus Berlin in die Türkei verheiratet wurde. Sie sehnt sich nach ihrem freien Leben zurück, flieht aus ihrer Ehrenhölle und sorgt mit ihrer Rückkehr für das, was Engstirnige als Beschmutzung der Familienehre verteidigen zu müssen glauben - und sei es mit einem Mord an einem Familienmitglied.

Filme aus dem Migrantenmilieu

Sibel Kekilli hat hier einen ähnlich starken Auftritt wie beim Goldenen-Bären-Gewinner 2004, "Gegen die Wand". Und in dem deutschen Jungen, der sich in sie verliebt, erkennen wir uns alle wieder: weil er keine Ahnung hat von diesem Paralleluniversum in seiner Stadt; mit seinen ganz eigenen, ganz anderen Wertvorstellungen.

So unterschiedlich die Perspektiven und Stadtansichten in diesen Filmen auch ausfallen, sie eint eines: Berlin als Sehnsuchtsmotiv, als Chiffre für Hoffnung. Wo, wenn nicht hier, könnten die Friseuse, die Fremde und all die anderen ihren Lebenstraum verwirklichen?