"Berliner Luft"

Jürgen Hilbrecht präsentiert wieder Uriges

Wenn Jürgen Hilbrecht die Lieder von Otto Reutter singt, wogt der ganze Saal. Der Köpenicker Volksschauspieler hat die Gabe, generationenübergreifend Begeisterung zu erzeugen.

Der Blick unter den weißen, buschigen Augenbrauen ist unstet. Man sieht förmlich, wie sich die Ideen in Jürgen Hilbrechts Kopf überschlagen. Wenn er nicht gerade auf der Bühne steht, feilt er eigentlich immer daran, wie er sein Publikum am besten mitreißen kann. Kurz nach der Wende wurde ihm dafür bereits ein Ehrentitel verliehen. Bei einer Premiere rief ein Zuschauer: "Jetzt hat nicht nur München, sondern auch Köpenick einen Volksschauspieler!"

Hilbrecht hat sich herzlich bedankt, passt ihm die würdevolle Bezeichnung doch wie angegossen. "Es gibt viele Schauspieler, die nur an sich und nicht ans Publikum denken. Ich beziehe die Leute immer mit ein", sagt er. Wie sehr es der 66-Jährige versteht, die Zuschauer generationen- und zielgruppenübergreifend zu begeistern, war Anfang Oktober letzten Jahres in der "Berlinrevue" von Mark Scheibe im Admiralspalast zu erleben. Eher auf elektronische Sounds gepolte Zwanzig- bis Vierzigjährige lagen dem urigen Sänger mit seinen Couplets von Otto Reutter plötzlich zu Füßen. "Das war irre. Ich kam mir vor wie ein Fossil. Aber dann habe ich bemerkt, wie die jungen Leute die Titel in sich aufgenommen und richtig beklatscht haben. Ich war völlig von den Socken. Damit habe ich nicht gerechnet", erinnert sich Jürgen Hilbrecht, der nun an gleicher Stelle mit seinem eigenen, abendfüllenden Programm "Das ist die Berliner Luft!" Premiere feierte.

Ursprünglich wollte Jürgen Hilbrecht direkt nach der Wende ein Volkstheater in Berlin etablieren, das Stadttheater Cöpenick, was vor allem aus finanziellen Gründen scheiterte. "Dann habe ich angefangen, Programme zu entwickeln, die sich mit der Geschichte Berlins, Köpenicks und der Figur des Hauptmanns von Köpenick auseinander setzten", erzählt er. Eines Abends sahen ihn die bekannte Fernsehautoren Felix Huby und Hans Münch. Sie waren so sehr angetan, dass sie ihm prompt ein Stück über das Leben des Schuhmachers Wilhelm Voigt auf den Leib schrieben. Seither ist der "Hauptmann von Köpenick" Hilbrechts Paraderolle. "Mit dem charmanten Schlitzohr kann ich mich durchaus identifizieren", verrät er. Sein langjähriger Kollege Karl-Heinz Labetzsch, der ihn zusammen mit Regina Nitzsche im Admiralspalast gesanglich unterstützt, weiß noch mehr zu berichten: "Jürgen wohnt mittlerweile gegenüber vom Ratskeller in Köpenick. Wenn er im Hauptmannsmantel über die Straße geht, wird er auch als solcher gegrüßt."

Die Uniform ist denn auch ständiges Bühnenrequisit: "Der Hauptmann ist die große weltbekannte berlinische Volksfigur. Damit kann man hausieren gehen und was anstellen", so Hilbrecht. "Die Stadt besteht ja nicht nur aus Plätzen und Straßen, sondern auch aus der Sprache und der Geschichte. In Berlin ist das durch die Teilung ins Hintertreffen geraten." Mit seinen Schnurren, Gassenhauern, Anekdoten und Couplets belebt der Schauspieler und Sänger eine alte Tradition neu. Hilbrecht ist ein waschechtes Berliner Original mit tiefer Hingabe an seine Stadt, "die die schärfsten Typen auf dem janzen Globus hat!"

Admiralspalast - Foyer "101", Friedrichstr. 101, Mitte,

Tel. 47 99 74 99.

Termin: 3. März, 20 Uhr.

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