Musik

Er verbot den Geigern das Vibrato

Roger Norrington, längst zum Sir geadelt und längst anerkannt als einer der originellsten Dirigenten unserer Zeit, verbreitete allerdings nicht nur Freude. Er verbot seinen Geigern, mit der linken Hand das immer etwas üppig klingende Vibrato. Seine Musik ist gleicht einer fettarmen Sauce. Am kommenden Wochenende wird in der Philharmonie sein 75. Geburtsgtag gefeiert.

Er singt, klatscht und trampelt während der Probe. Manchmal bellt er auch vor Begeisterung. Und wenn seine Laune überkocht, zieht er sich die Schuhe aus. Propheten waren schon im Altertum barfüßig, und ein Prophet ist Roger Norrington ganz gewiss.

Er predigt das vibratolose Spiel. Aber er ist auch ein großes Kind, das sich staunend der klingenden Sensation überlässt. Dabei wird er schon 75 Jahre alt. Standesgemäß feiert heute Londons Royal Festival Hall dieses Ereignis. In Berlins Philharmonie wird am Wochenende nachgefeiert.

Roger Norrington, längst zum Sir geadelt und längst anerkannt als einer der originellsten Dirigenten unserer Zeit, verbreitete allerdings nicht nur Freude. Er hat vielen auch sehr weh getan, indem er den Streichern das Vibrato verbot, also den mit der linken Hand erzeugten tremolierenden Ton. Seine Interpretationen von Beethoven und Brahms klingen erstaunlich schlank, fast dünn, sie besitzen einen metallisch modernen Glanz. Die 'historisch informierte Aufführungspraxis' ist eine Magerkur. Er selbst vergleicht sie mit der Nouvelle cuisine: keine fetten Soßen mehr!

Norrington gründete 1962 den Schütz Choir. Damals lag die Idee des Originalklangs in der Luft, auch andere Namen sind mit ihr verbunden. Keiner aber ging so radikal zu Werke wie Norrington. Es begann mit Monteverdi, dann tasteten sich die Spieler mit der eisernen Linken weiter vor zu Händel, Mozart, Beethoven, Brahms. "Wir öffneten eine Tür", sagt Norrington bescheiden. "Aber wir wussten nie, ob es funktioniert. Bei Brahms dachten wir: das ist der letzte Schritt. Aber es ging immer weiter."

Mit den von ihm 1978 gegründeten London Classical Players mischte der humorvolle Engländer die Klassik-Szene auf. Seine Grundsätze hießen: die richtige Zahl von Instrumenten an der richtigen Stelle positionieren, mit Tempo, Klang, Artikulation und Phrasierung der historischen Situation so nahe wie möglich kommen. Vor allem: No vibrations please! Seine Beethoven-Aufnahmen waren ein Schock. Mittlerweile ist Beethoven ohne Vibrato eher Standard als Ausnahme. Dirigenten wie Rattle, Nagano und viele Jüngere haben hier einiges gelernt.

Nur wenn es um Spätromantik geht, wehrt sich das deutsche Gemüt. Das Gewandhaus stand einmal sogar kurz vor der Meuterei, als Sir Roger einen vibratolosen Brahms verlangte. Doch ist der heftigste Widerstand inzwischen abgeebbt. Viele Ensembles wollen diesen Sound ausprobieren. Mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart realisiert er seit 1998 seine Vorstellungen in mustergültiger Weise.

Ist er größenwahnsinnig?

Oft wird Norrington als größenwahnsinnig bezeichnet - einer, der die gesamte Aufführungstradition der letzten Jahrhunderte umwerfen will, der romantische Klangschönheit vernichten will. "Schönheit ist in der Kunst eine Gefahr", bestätigt der Dirigent. "Die Schönheit des Klangs ist nicht das Ziel, sondern nur ein Nebenprodukt. Ich möchte die bedeutenden Dinge hören, die Musik zu sagen hat. Daraus kann dann durchaus eine andere Art von Schönheit entstehen, eine Schönheit des Ehrlichen, der Unschuld."

Roger Norrington weiß sehr genau, dass es im 19. Jahrhundert durchaus schon ein Vibrato gab. Nur eben kein Dauer-Vibrato. Alte Tonaufzeichnungen, etwa Arthur Nikischs Einspielung der Fünften 1913, bestärkten ihn in dieser Auffassung. Die Wiener Philharmoniker spielten noch in den 30er Jahren meistens ohne Vibrato, das Arnold Schönberg mit dem Meckern einer Ziege verglich. Erst danach begannen die Streicher permanent mit der Hand auf dem Griffbrett zu zittern. Fritz Kreisler soll einer der ersten gewesen sein. Durch Wilhelm Furtwängler etablierte sich diese Spielweise weltweit in der Hochkultur. Seine Interpretationen sind genial, aber es sind Arrangements, weiß Norrington. Der berüchtigte deutsche Klang, das sei in Wahrheit der historische, vibratofreie Klang vor 1930!

"Ich versuche nur, eine Tür zu öffnen", sagt er oft. "Zu einem grüneren Land. Insofern ist die 'historisch informierte Aufführungspraxis' eine grüne Bewegung." Bei diesem Satz ging wohl der Country gentleman mit ihm durch. Denn wenn er nicht dirigiert, sitzt er am liebsten lesend in seinem Landhaus in Berkshire, hilft Frau und Sohn aufs Pferd und kümmert sich um den Bienenstock. Und wandelt über den Rasen, natürlich barfuß.

Roger Norrington in der Philharmonie: Mit dem RSO Stuttgart am 21.3. um 20 Uhr (Tel. 479 97 424) und mit dem DSO Berlin am 4.4. um 20 Uhr (Tel. 202 98 711)

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