"Ob ich jetzt schon bei den alten Männern angekommen wäre, haben mich meine Freunde gefragt, das gab mir schon zu denken." Sagt Ian Bostridge - gerade mal 43 Jahre alt - und grinst so verquält und irgendwie auch kindisch wie es seine Art ist. Die Rede ist von Gustav von Aschenbach und Captain Vere, beides nicht nur Gestalten von Thomas Mann und Herman Melville, sondern auch von Benjamin Britten, der ihnen ein Opernleben schenkte.
Bostridge singt gegenwärtig den Aschenbach in "Death in Venice" weltweit. Nach London fiel Brüssel wegen Krankheit aus, New York und Mailand sind fixiert; immer in der gefeierten Produktion seiner Lieblingsregisseurin Deborah Warner. "Sie ist meine Verbindung zum Theater, ihr vertraue ich blindlings", charakterisiert Bostridge die nun schon lang andauernde Partnerschaft. Als nächstes werden beide Brittens "War Requiem" szenisch gestalten.
Nur wenige, aber ausgefallene Rollen
Den Captain Vere hat Bostridge bisher nur im Konzert gesungen. In "Billy Budd" überantwortet Vere einen unschuldigen Matrosen dem Tod, streng nach Marinegesetz. Von Daniel Harding und dem London Symphony Orchestra vorangetrieben, kann sich Bostridges gellend helle, mühsam um Fassung ringende Stimme neben dem Billy-Budd-erfahrenen Nathan Gunn behaupten. Auf der Bühne wird diese dramatische Rolle noch etwas warten.
Doch für akustischen Nachschub ist gesorgt, denn Virgin Classics möchte - analog zu der berühmten Aufnahmenreihe der Decca mit Peter Pears und oft Britten selbst am Pult - mit Bostridge & Harding diese Britten-Werke erneut einspielen. "Death in Venice" liegt natürlich als nächstes an; auch Brittens berühmteste Oper "Peter Grimes" soll folgen. Für Bostridge ein lohnendes Projekt, das ihn auf Jahre beschäftigen wird, auch wenn er immer wieder zu seiner eigentlichen Domäne, dem Lied zurückkehrt.
Es gibt wenige Sänger, die sich so konsequent von Anfang ihrer Karriere bis heute, fast 20 Jahre später, den üblichen Regeln des Klassikgeschäfts verweigern, wie dieser britische Tenor. Wo andere im italienischen oder deutschen Fach prunken, gönnt sich Bostridge auf der Opernbühne nur wenige und meist ausgefallene Rollen - das aber an den bedeutendsten Häusern der Welt. Sicher, er singt auch Mozart. Sein Ottavio aus "Don Giovanni" oder der Belmonte in der "Entführung aus dem Serail" gehören dabei zu seinen populärsten Partien. Aber eben auch der heute meist von einem Countertenor oder einem Mezzosopran gesungene Nerone in Monteverdis "Poppea" oder der Tom Rakewell in Strawinskys "The Rake's Progress". Bostridge schwärmt auch von Monteverdis "Orfeo und Ulisse", die er unbedingt noch angehen will. Er ist nach wie vor als Passions-Evangelist und Oratorien-Tenor gefragt. "Für den Pelléas habe ich nicht mehr viel Zeit, für Wagners Loge in ,Rheingold' schon. Auch Palestrina reizt mich, aber wer macht das schon?" Zunächst einmal nimmt er mit Fabio Biondi unveröffentlichte Tenorarien von Conti, Gasparini und Vivaldi auf.
Doch Bostridges größtes Interesse - neben Händel, von dem er bereits eine Opern-CD eingespielt hat und mit dessen Arien er aus aktuellem Jubiläumsanlass unterwegs ist - gehört zurzeit Britten. Nicht nur in England gilt er längst als Nachfolger des legendären Britten-Partners Peter Pears, der die meisten von dessen bedeutenden Tenorpartien uraufgeführt hat. Wie Pears verfügt auch Bostridge über eine eigenwillige, in ihren Limitierungen Reichtum und Individualität suchende Stimme. Er konzentriert seine vokalen und emotionalen Kräfte, intensiviert den Ausdruck, lässt immer auch seine Persönlichkeit durchschimmern. Das hat sich mit den Jahren nicht etwa abgeschliffen. Das Exzentrische tritt immer stärker zu Tage. Nach einer langen Beschäftigung mit dem reichhaltigen Britten-Oeuvre an Klavier- und Orchesterliedern konzentriert sich Bostridge vermehrt auf dieses Repertoire.
Singen heißt, das Schweigen zu brechen
Ganz in unsere Zeit des nervösen, ein wenig exzentrischen Künstlers passt dieser 1964 geborene Brite. Irgendwo zwischen einem 1990 in Cambridge über Hexenwahn promovierten Studiosus und dem wieder geborenen, ätherisch hohlwangigen Dorian Gray hat er sich positioniert - wobei das reale Abbild viel alltäglicher aussieht, als es die Coverfotos vermuten lassen.
Bostridge ist ein Phänomen: Mit einer an sich kleinen, aber sehr höhensicheren Tenorstimme und einem weißen Timbre ausgestattet, ist er ausreichend sensibilisiert, um diverse Stilistik-Welten auf einzigartige Weise zu verschmelzen. Er pflegt einen wunderbar innigen, aber auch schrägen Schubert, lässt sich dabei von großen Klavierantipoden wie Mitsuko Uchida, Leif Ove Andsnes begleiten und gibt später Noël Cowards frivole Liedchen als fiese Salonschlange.
Eine gewisse Scheu wird bei Ian Bostridge durch offensives Anderssein überspielt. Singen ist für ihn ein Müssen, es bedeutet, das Schweigen zu durchbrechen, Gefühlen eine Form zu geben. So wie jetzt auch in seiner jüngsten CD-Veröffentlichung, Schuberts "Schwanengesang" mit Antonio Pappano als Klavierpartner. Der ganze Kerl arbeitet da, bäumt sich als Abenteurer im Lied seinem Schubert-Schicksal entgegen. Sogar akustisch ein körperliches Ereignis.



