Opernstiftung

Wenn Berliner Intendanten verstimmt sind

Auf der Podiumsdiskussion der Berliner Opernstiftung im Radialsystem V wurde gestritten und diskutiert. Drei Opern gilt es zu bewahren. Doch letztlich kämpft jedes Haus und damit jeder Intendant für sich allein. Für Jürgen Flimm, künftiger Intendant der Staatsoper, war es der erste öffentliche Auftritt.

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Am Tag danach herrscht der Katzenjammer. Über vier Stunden lang haben sich alle im überfüllten Radialsystem V mit Opernproblemen von Geldmangel bis herrschsüchtigen Dirigenten betrunken – und nun? Was hat die prominent bis eitel besetzte Podiumsdiskussion zur Berliner Opernsituation unter dem Motto „Aufbruch und Ärgernis“ erbracht? Das Ergebnis ist ernüchternd – und dennoch war einiges zu erfahren, vor allem über die Psyche von Intendanten.

Der Spielverderber vom Dienst

Der Pariser Opernintendant Gérard Mortier, er saß als Spielverderber vom Dienst mit am Tisch, machte es sich am Ende zu einfach und wischte die mehrstündige Diskussion als parteipolitisches Getue ab. Den Abend über hatte Mortier sich in das Modell einer Opernfusion verbissen. Deutsche Oper und Staatsoper sollten zusammen geworfen werden, schlug er vor. Im Saal herrschte Schweigen.

Sichtlich nervte es Mortier, dass alle anderen auf dem Podium seiner genialischen Idee auswichen („Die Geschichte wird mir Recht geben“) oder gar widersprachen. Als dann irgendwann die Senatskanzleichefin Barbara Kisseler (SPD) beiläufig zugab, dass eine Opernfusion in Berlin unmöglich sei, weil man danach nicht wieder gewählt würde, platzte Mortier der Kragen.

Die Diskussion deckte genau genommen ein tief sitzendes Missverständnis auf. Der Belgier Mortier kollidierte buchstäblich an der deutschen Gründlichkeit, die Oper, das Leben und die Strukturen langfristig sichern zu wollen. Mortier bezeichnete die 2004 geschaffene Opernstiftung als überflüssig, weil sie doch nur die Kompetenzen verlagere. In seiner erlernten Streitkultur hat sich ein kreativer Intendant, der Künstler, mit den Geldgebern leidenschaftlich auseinander zu setzen. In Deutschland schafft sich die Kulturpolitik dagegen immer neue sich aufblähende Strukturen, um genau das möglichst zu vermeiden. Wir nennen es auch die Konsenskultur. Der letzte Versuch, in Berlin den Opernfrieden wieder herzustellen, war eben die grenzsichernde Stiftung.

Der daran beteiligte Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, sagte treffend, es ginge damals doch nicht um die Stiftung, sondern um die drei Opernhäuser. Die galt es zu bewahren. Denn die ganze Wahrheit ist: Die Stiftung schützt nicht nur die Politiker vor egomanisch unersättlichen Künstlern, sondern umgekehrt auch die Künstler vor den Gestaltungslaunen der Politik. Die Landespolitik hätte längst ein Opernhaus eingespart.

Auch wenn Frau Kisseler heute die drei Opern als „Seele der Stadt“ beschwört, nein, zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung bleibt – nicht nur mit Blick auf die knappe Finanzierung – zu konstatieren, dass Berlin und seine Bewohner in Ost und West ihre drei Opern leider nicht stolz vor sich her tragen. Letztlich kämpft jedes Haus und damit jeder Intendant für sich allein. Dickfällig muss er in Berlin sein, Konkurrenz und Widerspruch von vielerlei Seiten ertragen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es eigentlich nur Kulturpolitiker sind, die einen strengeren Umgang mit den Regeln der Stiftung einfordern. Oder sich insgeheim einen starken Generalintendanten anstelle des schwachen, nur vermittelnden Generaldirektors wünschen. Es ist der Traum von der Entmachtung der Opern-Autokratien. Aber ohne die läuft künstlerisch nirgendwo Hochwertiges.

Je mehr die Kulturpolitik die Regeltreue wie Spielplanabsprachen und ähnliches durchsetzen will, desto mehr sträuben sich die Berliner Intendanten und Generalmusikdirektoren gegen die Stiftung. Barenboim und sein letzter Intendant Peter Mussbach waren von Anfang an dagegen, mittlerweile regt sich auch Intendant Andreas Homoki (Komische Oper) über das „dumme Gequatsche“ und den „verlogenen Diskurs“ auf. „Intendanten machen, was sie wollen, dafür werden sie auch bezahlt.“ Der letzte kreischende Intendant, Peter Mussbach, hat sein Amt vorfristig aufgegeben. Der gereizte Homoki wechselt 2012 nach Zürich. Offenbar verschleißt Berlin doch seine Intendanten.

Flimms erster öffentlicher Auftritt

Jürgen Flimm zeigt sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Bekanntgabe seines Wechsels von Salzburg nach Berlin noch gelassen. „Wer darf Fidelio machen?“, fragt der designierte Intendant der Staatsoper scheinbar naiv in die Runde. Und erntet Achselzucken. Es gäbe zu wenig zeitgenössisches Musiktheater in Berlin, konstatiert er – und kündigt an, mit den anderen Intendanten bald schon darüber reden zu wollen.

Ansonsten seien die einzelnen Häuser jedes für sich genommen künstlerisch im guten Zustand, meint Flimm, womöglich entstehe nur „durch die Ballung die Qualitätsverwischung“. Schöner lässt sich kaum umschreiben, dass es eigentlich keine erkennbare Opernkrise gibt. Aber wenn Flimm erst in Berlin ist, wird er schon schnell eines Besseren belehrt.