Berliner Opernkonferenz

Pariser Opernchef fodert Fusion für Berlin

Intendanten und Kulturpolitiker aus dem In- und Ausland haben über die Lage der Berliner Opernhäuser debattiert. Dabei gab es zwei Lager: Paris' Opernchef Gérard Mortier und alle anderen. Mortier plädierte gleich zu Beginn für eine Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper und hält die Opernstiftung für "absolut nutzlos".

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Die Opernkonferenz war einer jener seltenen Momente, an dem man erleben konnte, wie hochgradig neurotisch sich der ein oder andere Intendant aufführt. Das war eigentlich auch der größte Erkenntniswert dieser gut vierstündigen Diskussion am Montag, die erst nach 22 Uhr endete. Das Interesse war enorm, das Radialsystem V in Mitte brechend voll bei der prominent besetzten Podiumsdebatte „Aufbruch und Ärgernis“, in der es einzig und allein über die Zukunft der drei Opernhäuser ging. Mit dabei: die Berliner Intendanten Andreas Homoki, Kirsten Harms und Jürgen Flimm, der sich erstmals als designierter Staatsopernchef in der Öffentlichkeit präsentierte, sowie Klaus Zehelein, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, sowie mehrere Kulturpolitiker aus Berlin.

Die beiden Lager der Diskussion waren schnell ausgemacht: Auf der einen Seite Gérard Mortier, der Provokateur, der am Ende des Abends schnell verschwunden ist. Auf der anderen Seite alle anderen. Gleich zu Anfang plädiert der Pariser Opernchef für eine Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper, nur so sei eine Verschlankung möglich. Ihm würden ein gemeinsames Orchester mit 190 Musikern und ein Opernchor mit 120 Sängern genügen. Die Opernstiftung hält Mortier für „absolut nutzlos. Das ist nur die Verschiebung von Verantwortung.“ Aber: Berlin sei für ihn „die Opernstadt par excellence, mehr noch als Paris. An Berlin kommt kein Intendant vorbei“. Er selbst wollte bereits viermal nach Berlin, zweimal war er im Gespräch für die Deutsche Oper, einmal für die Berliner Festspiele, zuletzt für die Staatsoper, aber „ich bin viermal gescheitert“. Nach diesem Abend versteht man auch warum.

Kirsten Harms, Intendantin der Deutschen Oper, rechnet den Fusions-Vorschlag als „schlechtes Geschäft für Berlin“ vor. Auch Mortier würde für das Geld, was die Stadt Berlin ihren drei Opern zahle, nicht mehr Vorstellungen pro Jahr anbieten können. Zahlen werden daraufhin auf dem Podium hin- und hergeworfen. Womöglich weiß keiner Genaueres. Paris ist sowieso weit weg. Die CDU-Kulturpolitikerin Monika Grütters sagt: „Fusion bedeutet praktisch eine Schließung.“ Berlin habe schon das Schiller-Theater geschlossen. „So was will ich nicht noch einmal erleben!“ Dafür erhält sie einen besonders leidenschaftlichen Beifall aus dem Publikum. Solche Bekenntnisse treffen den Nerv des Abends. Und auch die von Klaus Wowereit, dem abwesenden Regierenden Kultursenator, in die Manege geschickte Senatskanzleichefin Barbara Kisseler (SPD) weiß mit dem Satz, eine Fusion von Opernhäusern sei unmöglich, weil „es die Seele der Stadt verrät“, zu punkten. Lediglich als sie hinzufügt, dass, „wer 2011 nicht wieder gewählt werden möchte“, diese Fusion machen sollte, sieht sich Einzelkämpfer Mortier wieder im Aufwind. „Wenn bestimmte Sachen Tabu sind“, so der Intendant genervt, „dann sollte man nicht solchen Diskussionsabend organisieren“. Er fühlt sich jedenfalls missverstanden und versichert irgendwann gegen Ende des Abends: „Die Geschichte wird mir Recht geben!“

Jenseits von Mortier wird in der Diskussion mehrfach über den Sinn oder Unsinn der Konstruktion einer Opernstiftung für Berlin. Klaus Zehelein war seinerzeit an der Entstehung beteiligt und er versichert: „Unser Ziel war nicht die Opernstiftung, sondern der Erhalt von drei Opern.“ Insofern war die Entscheidung richtig. Stefan Rosinski, der von Wowereit geschasste Direktor der Opernstiftung, erinnert sich an die Anfänge der Stiftung. Seinerzeit sollte die Oper „billiger werden“, so Rosinski: 17 Millionen Euro sollten über das Stiftungsmodell eingespart werden, aber mittlerweile seien wieder zwanzig Millionen draufgepackt worden. Zweitens sollten „die Ränge wieder gefüllt werden“. Mittlerweile hätten aber alle erkannt, dass es eine magische Obergrenze gibt. Und drittens sollten die Spielpläne untereinander abgesprochen werden und sich die Häuser profilieren. „Aber nichts haben wir erreicht“, resümiert Rosinski: „Wir stehen am Anfang.“ Gleich zu Beginn seines Diskussionsbeitrages versichert der scheidende Chef, für ihn sei das Projekt Stiftung emotional abgeschlossen, zugleich aber prophezeit er: „Wenn alles so weitergeht wie bisher, das sagen die Zahlen, dann ist die Stiftung 2013 pleite.“ Über Kunst und Künstler wird an diesem Abend übrigens so gut wie gar nicht gesprochen.