Filmpremiere

Operation Walküre ist nicht für Deutsche gedacht

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Peter Zander

Regisseur Bryan Singer hat das Hitler-Attentat vom 20. Juli nicht als Aufarbeitungsdrama gedreht. Vielmehr ist Operation Walküre ein Spannungsthriller geworden. In den USA läuft der Film gut, besser als erwartet sogar. Ob Tom Cruise als Graf von Stauffenberg auch die Deutschen überzeugt, ist jedoch ungewiss...

Dienstagmittag, wenige Stunden vor der Europa-Premiere von "Operation Walküre" in Berlin, sitzen zwei Männer etwas unruhig in ihren Sesseln im zweiten Stock des Hotel de Rome. Der eine, in Suite 202, ist Bryan Singer, der Regisseur des Films; Jahrgang 1965, aber mindestens 15 Jahre jünger aussehend.

Der andere, in Suite 204, ist der Drehbuchautor und Produzent des Films, Christopher McQuarrie, Jahrgang 1968, aber wesentlich älter wirkend. Beide sind, verständlicherweise, ein wenig nervös. Sie haben das Hitler-Attentat vom 20. Juli als Spannungsthriller verfilmt. In den USA, wo der Film bereits angelaufen ist, läuft er gut, besser als erwartet sogar. Auch in anderen Ländern wird Ähnliches erwartet. In Deutschland aber, wo der Film zum Teil an Originalschauplätzen gedreht wurde und wo sich einen ganzen Sommer lang eine hitzige Debatte entspann - hier also dürften die beiden Filmemacher ganz andere, leidenschaftlichere Reaktionen erwarten.

Bryan Singer ist "zu 20 Prozent ängstlich"

Sind sie froh, wenn sie den Abend hinter sich haben werden, weil die Premiere in Deutschland so speziell ist? Ja und nein, sagt McQuarrie: Ja, der Film ist sehr speziell für Deutschland; aber nein, er sei nicht froh: "Ich habe hier eine sehr spannende Zeit verbracht, vielleicht die spannendste in meinem Leben. Und wir haben so lange auf dieses Ereignis hingearbeitet. Ich werde traurig sein, wenn das vorbei ist." Singer, der, wie er gesteht, bei den Dreharbeiten "zu 20 Prozent ängstlich" war, hat die Debatte um den Film nie ganz verstanden. "Bei Dreharbeiten muss man sich um so viele Sachen sorgen, da kann man sich nicht auch noch darum kümmern", sagt er und zieht einen überraschenden Vergleich zu einem seiner großen Erfolge: "So wenig wie man sich bei einem 'X-Men'-Film darum kümmern kann, was die Comicfans im Internet dazu sagen."

McQuarrie hat vor allem die Kritik von Historikern über die Genauigkeit von Details ein wenig ermüdet. "Die picken ja nur akribisch nach Kleinigkeiten. Dabei hat der Film eine große Debatte angestoßen, nicht nur in Deutschland, überall war plötzlich über Stauffenberg zu lesen." Aber er kann die Reaktionen schon eher nachvollziehen. "Es war uns schon klar, dass es da verständliche Ängste geben würde. Kommen diese Amerikaner und wollen uns diese Geschichte erzählen. Aber wir wollten sie ja nicht euch erzählen. Ihr kennt sie schon; die Welt noch nicht unbedingt."

Zwei Déjà-Vus macht man in diesen Gesprächen. Bei McQuarrie denkt man sofort an Uli Edel, der den RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex" inszeniert hat. Auch nicht speziell fürs deutsche Publikum, sondern für seine eigenen, amerikanischen Söhne, die keine Ahnung von deutscher Geschichte haben, die er aber durch den Thriller auf das Thema stoßen wollte. So ähnlich argumentiert auch McQuarrie, der selbst nichts von dem Hitler-Attentat gewusst hatte und erst durch eine Stadtrundfahrt durch Berlin auf den Bendler-Block und den 20. Juli gestoßen wurde.

Bei Singer muss man unweigerlich an Jonathan Littell, den Autor des umstrittenen Romans "Die Wohlgesinnten" denken. Beide sind New Yorker, beide fast gleich alt, beide homosexuell und jüdisch. Und doch fasziniert sie der Nationalsozialismus. Singer nicht ganz so radikal wie Littell. Aber schon in seinem Thriller "Der Musterschüler" und sogar in der Comicverfilmung von "X-Men" hat er sich mit NS-Topoi auseinander gesetzt. Und er gesteht offen ein, dass ihn die Ästhetik, die Uniformen, die Olympiade, der Personenkult, ja selbst die Propaganda auf eine gewisse Art fesseln. Obwohl ein polnischer Teil seiner Familie fast komplett dezimiert wurde durch den Holocaust.

Deshalb war ihm auch sehr merkwürdig zumute, als er das erste Mal nach Deutschland kam. Und irgendwie ist das heute noch so. "Das liegt aber weniger an der Geschichte als an den Filmen, die seit Jahrzehnten immer noch dasselbe Bild der Deutschen transportieren." Er hofft schon, dass sein Film diese Sicht etwas verändern wird, auch wenn er das nicht offen eingesteht. Produzent wie Regisseur üben sich bescheiden in Demut.

Bereut McQuarrie es nie, den Film nicht doch selbst gedreht zu haben, wie ursprünglich geplant (damals noch mit Thomas Kretschmann als Stauffenberg)? Nein, sagt er mit aller Gelassenheit des Produzenten; es ist ja noch immer "sein" Film: "Hätten wir daran festgehalten, wäre der Film nie realisiert worden. Sowie Bryan an Bord kam, wurde aus dem Drehbuch, das keiner lesen wollte, ein Drehbuch, das keiner mehr lesen musste. Weil plötzlich alle dabei sein wollten."

Schon Kriegsspiele in Teenie-Tagen

Ein Trost bleibt: McQuarrie und Singer kennen sich seit Schulzeiten. Gemeinsam schrieben sie das Drehbuch für Singers Regiedebüt, "Public Access" (1993). Für Singers nächsten Film, "Die üblichen Verdächtigen" (1994), erhielt McQuarrie den Oscar für das beste Drehbuch. "Wir sind zusammen aufgewachsen, wir verstehen uns blind." Das bestätigen sie, unabhängig voneinander, fast im Einklang.

Und ihr erstes gemeinsames Projekt findet sich in keiner Filmographie: "Das war vor 25 Jahren, als ich in Bryans Hinterhof den Schauspieler gab in einem 8mm-Film, den Bryan über den Zweiten Weltkrieg machte", schmunzelt McQuarrie. "Und schauen Sie, wo wir jetzt sind. Die Technik, die Crew, der Aufwand, alles ist viel größer und professioneller geworden. Aber immer noch machen wir einen Film über den Zweiten Weltkrieg."